Der Franken hat seine Eigenschaften als Fluchtwährung bestätigt und gegenüber vielen Währungen zugelegt. Zur Abwechslung wandelte sich der Franken in den letzten Tagen aber zum Prügelknaben. Als Grund für den Frankensturz nennt Roger Kunz, Chefstratege der Privatbank Clariden Leu, die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Leitzins nicht zu erhöhen.

Die Verantwortlichen des US Federal Reserve System (Fed) werden gemäss der Mehrzahl der Ökonomen an der heutigen Sitzung den Federal Funds Rate bei 2% belassen. Die Zinsdifferenz zwischen dem Franken- und dem Dollarraum würde auch in den kommenden Wochen im Schnitt bei 0,75 Basispunkten verharren. Dies spricht für den Dollar. «Ben Bernanke will keinen schwachen Dollar mehr», erläutert Roger Kunz. Der Fed-Chef sei verstärkt auf Inflationsbekämpfung umgeschwenkt, liefere der Europäischen Zentralbank (EZB) fast einen Wettstreit, wer sich mehr um die Inflationsrisiken kümmern würde. Den Kursverlauf des Dollar-Franken-Währungspaars sieht Roger Kunz kurzfristig als stabil, mit leichter Tendenz nach oben.

Inflation ist inakzeptabel hoch

Mit der Fortsetzung der Zinspause würden die Fed-Verantwortlichen ihren jüngsten Äusserungen Taten folgen lassen. Etwa Jeffrey Lackner, Präsident der Federal Reserve von Richmond, bezeichnete die US-Inflation als «inakzeptabel hoch, aber stabil». Für die Zinspause spricht auch, dass die US-Konjunktur resistenter zu sein scheint, als befürchtet. Etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die noch im April gemachten Prognosen für das 2008er Wirtschaftswachstum von 0,5 auf 1,0% revidiert.

Anzeige

Dennoch: Das Fed ist – im Gegensatz etwa zur EZB – eine launische Diva. Dies beweisen unter anderem die Fed-Zinsschritte der letzten Jahre. Weiter lässt der makroökonomische Zahlenkranz vom Mai nicht nur Bernanke, sondern alle Ökonomen und Investoren ratlos dastehen: Die Erzeugerpreise sind im Wonnemonat überraschend stark gestiegen. Und die Zahl der Baugenehmigungen ist weniger stark gefallen als erwartet. All dies spricht für ein weiteres Anziehen der Inflation. Umgekehrt wurden mehr Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gestellt als erwartet. Die Industrieproduktion war im Mai viel tiefer als prognostiziert und die Kapazitätsauslastung überraschend schwach. Dies spricht eher für die Rückkehr von Rezessionsängsten.

Kommt hinzu, dass die Kreditkrise noch lange nicht ausgestanden ist. Neuerdings machen an der Wall Street Gerüchte die Runde, wonach Merrill Lynch überraschend starke Abschreiber melden wird. Weitere Konkurse in der Finanzbranche – es muss nicht gleich eine Grossbank wie Merrill Lynch sein – würden das Gespenst der Kreditkrise mehr als wiederbeleben.

Schliesslich birgt auch der Ölpreis Risiken. Zwar hatten sich am Treffen im saudi-arabischen Dschidda der Gastgeber, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate bereit erklärt, die Ölförderung zu steigern. Dennoch kletterte der Ölpreis auch nach dem Treffen munter weiter. Fest scheint nur zu stehen, dass der Ölpreis nicht wesentlich fallen wird, was die Inflationsrisiken aber keineswegs schmälert.

Strategiewechsel hätte Nachteile

Dieser verwirrende Daten-Cocktail lässt kaum klare Aussagen über die Geldpolitik insbesondere des launischen Fed zu. Denn die US-Notenbank hat ebenso viele Argumente, um die Zinsen zu senken oder gar zu erhöhen. Ein schneller Strategiewechsel zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstimuli würde noch mehr Volatilität auf den Devisenmärkten zur Folge haben, da Investoren in Zeiten der Unsicherheit zu Überreaktionen neigen. Kein Wunder, teilen nicht alle Ökonomen die Meinung von Clariden Leu und Sarasin. «Die bevorstehende Stellungnahme des Fed könnte enttäuschend ausfallen», schreibt die UBS etwas orakelhaft. Die Grossbank schätzt, dass der Dollar kurzfristig unter Druck bleiben wird.

Langfristig scheint hingegen klar: Die US-Währung ist fundamental unterbewertet. «Der Dollar wird gegenüber dem Franken steigen», sagt etwa Roger Kunz. Der Chefstratege von Clariden Leu prognostiziert einen Wechselkurs von 1.13 auf Jahressicht. «Das Fed wird die Zinsen stärker anheben als die EZB und auch die SNB», erläutert Kunz. Denn die USA seien im Abschwung weiter als Europa – diesseits des Atlantiks würde der Tiefpunkt erst im nächsten Jahr erreicht sein. «Der Dollar dürfte aufgrund des hohen Leistungsbilanzdefizits der USA weiterhin unterbewertet bleiben. Er wird künftig aber nicht mehr ganz so schwach sein wie bis anhin», fasst der Ökonom zusammen.