Nach Ihrer Wahl zum Präsidenten des Verbandes Schweizerischer Generalunternehmer VSGU haben Sie die Erhöhung der Mitgliederzahl als wichtiges Ziel genannt. Wie sieht die Bilanz nach einem Jahr aus?

Arthur Wettstein: Wir arbeiten im Moment daran. Es hat neue Bewerbungen, und die werden jetzt sorgfältig evaluiert.

Es besteht also Aussicht, dass sich der Kreis der Mitglieder erweitert?

Wettstein: Ja. Wir werden sehen, wie viele am Ende die strenge Hürde nehmen. Auch auf der Investorenseite war das Echo im Übrigen positiv. Dort ist man froh, wenn es im Markt noch mehr Spieler hat, die gewisse Qualitätskriterien erfüllen.

Was unternehmen Sie zusätzlich, um die Qualitätsmarke VSGU zu stärken?

Wettstein: Eine zweite Stossrichtung zielt dahingehend, dass wir wirtschaftspolitisch noch aktiver zu werden versuchen. Dazu suchen wir auch die Zusammenarbeit mit andern Verbänden, vor allem auf der Investorenseite. Wir wollen unsere Interessen mit den Interessen unserer Kunden in Einklang bringen und durch vereintes Auftreten der Immobilienwirtschaft in der Schweiz die ihr zustehende Bedeutung geben. Im Weitern sind wir daran, unsere Standesregeln zu überarbeiten und weiter zu konkretisieren.

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Sie haben in der Allianz der Bauindustrie-Organisationen einen Partner verloren, weil es die Gruppe der Schweizerischen Bauindustrie (SBI) nicht mehr gibt. Wie geht es weiter?

Wettstein: Der VSGU und die Gruppe der Schweizerischen Gebäudetechnik-Industrie (GSGI) machen weiter. Wir überlegen – und das geht in die bereits angesprochene Richtung –, ob wir nicht noch einen anderen, mehr investorenseitig orientierten Partner gewinnen können. Wenn die Immobilienwirtschaft politisch mehr Gewicht erhalten soll, dann braucht es, wie bei andern Industrievertretungen, möglichst alle Player.

Sie beklagen sich anderseits, dass die Bauherren die Schraube ständig weiter anziehen. Haben Ihre Gespräche mit den grossen professionellen Investoren etwas bewirkt?

Wettstein: Es ist zumindest das Verständnis da, dass es am Ende immer ein «give and take» sein muss. Wir haben gute Gespräche und kommen da sicher weiter.

In den letzten Jahren wurden immer mehr Risiken auf den Generalunternehmer abgewälzt. Gibt es auf Bauherrenseite denn eine Bereitschaft, diese Entwicklung zu stoppen?

Wettstein: Die gibt es, aber es muss auch eine Bereitschaft auf unserer Seite geben, die übernommenen Risiken vernünftig zu bewerten und in der Kalkulation zu berücksichtigen. Dann sieht die Welt auch wieder anders aus.

Das heisst, die Preise müssten anders aussehen?

Wettstein: Ganz klar. Sie müssen wie jede Versicherungsprämie und jeder Bankkredit auch eine Risikoprämie beinhalten. Alle die Risiken, die man nicht durch proaktive, intelligente Massnahmen abfedern kann, müssen finanziell irgendwie abgesichert sein.

Die im VSGU organisierten GU haben letztes Jahr beim Umsatz um 12,1% zugelegt. Geht es allen VSGU-Mitgliedern gut?

Wettstein: Meines Wissens schon. Die Sorge ist heute eher, genügend Leute zu finden. Gesucht werden Profis, die sofort in ein Projekt einsteigen und Bauleitungen übernehmen können. Weil der Druck gross ist, den vorhandenen Auftragsbestand abzuwickeln, fehlen Zeit und Kapazität, um den Nachwuchs nachzunehmen. Das bedaure ich.

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Es gibt also einen Konkurrenzkampf um die besten Leute?

Wettstein: Ja, wie in vielen Branchen. Wären auf dem Arbeitsmarkt mehr qualifizierte Fachleute vorhanden, so würden von den VSGU-Mitgliedern auch mehr Leute beschäftigt.

Der Marktanteil der VSGU-Mitglieder am Gesamtbauvolumen lag 2006 erstmals über 11%. Trotzdem setzt sich der Gesamtleistungsgedanke nur schleppend durch. Warum?

Wettstein: Man muss den Markt segmentiert betrachten: Bei den grösseren
Projekten ist es heute fast selbstverständlich, dass ein Generalunternehmer oder Totalunternehmer beauftragt wird, und bei den mittleren nimmt es auch zu. Bei kleineren Vorhaben gibt es ebenfalls ein GU-Volumen, das aber meist nicht von VSGU-Mitgliedern abgewickelt wird.

Warum harzt es bei der öffentlichen Hand?

Wettstein: Es sind die internen Ämter und Dienststellen, die mit Eigenprojekten irgendwie ihre Existenz rechtfertigen
und erhalten müssen. Das Beharrungsvermögen dieser Abteilungen ist gross, letztlich hängt es von den Personen ab.

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Gibt es Fortschritte beim Public Private Partnership (PPP)?

Wettstein: Dieser Bereich boomt in der Schweiz überhaupt noch nicht. Es gibt einzelne Projekte, aber die Randbedingungen unserer direkten Demokratie sind schwierig. Wir müssen Spielregeln finden, die klar sind und zum Vornherein sagen, in welchen Schritten ein solches Projekt realisiert werden kann. Ich stelle mir eine Lösung vor, bei der man die Volksabstimmung zuerst durchführt und damit vorab sagt, dass man ein Vorhaben unter definierten Randbedingungen als PPP-Projekt ausschreiben und abwickeln will. Nachher dürfte dieser Entscheid nicht mehr durch Referenden und Volksabstimmungen in Frage gestellt werden.

Nochmals zur Preissituation: Warum verschwindet die Klage über die schlechten Preise trotz der vielen Aufträge nicht aus dem VSGU-Jahresbericht?

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Wettstein: Es fehlt bei vielen GU/TU letztlich daran, dass die Risikobereitschaft auch in der Kalkulation ihren Niederschlag findet. Solange das nicht alle Anbieter machen, wird es immer wieder solche geben, die den Auftrag zu einem zu tiefen Preis erhalten, schlechte Erfahrungen machen und mit ihrem Verhalten auch die Marge insgesamt gefährden. Das Risiko richtig einzuschätzen, ist das A und O. Der VSGU muss das Risikobewusstsein eindeutig noch mehr in die Köpfe hineinbringen. Nötig sind, ja wir brauchen vernünftige Risikoprämien.

Sie haben im Jahresbericht erwähnt, dass die ungenügenden GU-Ergebnisse mit Quersubventionen aufgebessert werden. Woher kommt dieses Geld?

Wettstein: Aus der Projektentwicklung. Quersubventioniert wird, indem man die GU-Marge von Fremdprojekten mit der – besseren – Marge von Eigenprojekten vermischt.

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Welche Auswirkungen hätte die Aufhebung der Lex Koller auf die Branche?

Wettstein: Auf der Investorenseite sehe ich keine grossen Auswirkungen, denn wir haben bereits heute eine Nachfrage, die grösser ist als das Angebot. Auf der Seite der GU und TU würde es ausländischen Bewerbern erleichtert, in der Schweiz Fuss zu fassen, weil sie auch im Wohnungs- und Eigentumswohnungsbau tätig werden könnten. Fürchten müssen wir die Ausländer aber nicht.

Die Ausländer sind ja bereits aktiv: Marazzi ging an Bouygues, und die Strabag drängt ebenfalls ins GU-Geschäft. Verändert das die hiesige GU-Landschaft?

Wettstein: In meinen Augen verändert die sich nicht. Ein ausländischer Konkurrent braucht letztlich ja auch eine lokale Firma mit einheimischen Mitarbeitern, um hier tätig sein zu können. Und am Ende kochen alle mit Wasser.

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Warum findet anderseits die Firma Karl Steiner mit ihrer Auslandtätigkeit keine Nachahmer?

Wettstein: Das Geschäft ist – wie bereits angetönt – lokal, man kann nicht über Nacht im Ausland tätig werden. Es braucht einen jahrelangen Aufbau oder eine Akquisition, wobei Akquisitionen heikel sind. Das GU- und Projektentwicklungsgeschäft ist zudem ein High Risk Business: Die Risiken sind schon im Inland hoch, im Ausland kommen noch zusätzliche hinzu.

Ist Steiner in China erfolgreich?

Wettstein: Wir sind vorsichtig eingestiegen und haben in einem Joint Venture als Projektmanager, also auf reiner Mandatsbasis, begonnen. Die Mannschaft besteht mittlerweile aus 20 Leuten und ist jetzt
daran, auch Projektentwicklung zu studieren.

Die unvermeidliche Frage: Wie steht es mit dem Börsengang von Karl Steiner?

Wettstein: Wir sind bereit, aber im Moment ist weltweit die Börsenverfassung leider nicht gerade IPO-freundlich. Sollten wir nicht an die Börse gehen, sind alle Varianten offen. Im Übrigen steht Eigentümer Peter Steiner nicht unter Zeitdruck.

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Zur Person
Steckbrief

Name: Arthur Wettstein
Geboren: 22. September 1949 in Zürich
Zivilstand: Verheiratet, zwei erwachsene Kinder
Wohnort: Freienbach
Ausbildung: Dipl. Maschineningenieur ETH mit Ausbildung in Betriebswissenschaften, Dr. sc. techn.
Funktion: CEO Karl-Steiner-Gruppe und Président du Directoire Sogelym Steiner; Präsident VSGU (Verband Schweizerischer Generalunternehmer)

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Zur Firma

Karl Steiner
Die Gruppe bewältigte 2006 mit 550 Beschäftigten ein Bauvolumen von 1,5 Mrd Fr. (1,3 Mrd Fr. in der Schweiz, 0,2 Mrd Fr. im Ausland).

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ZUM VERBAND

VSGU
Der Verband Schweizerischer Generalunternehmer umfasst 22 Mitglieder. 2006 erzielten die im VSGU zusammengeschlossenen Firmen im Inland mit 1898 Beschäftigten einen Umsatz (werkvertraglich erbrachte Bauleistungen) von 5,671 Mrd Fr. Im Ausland betrug der Honorarumsatz bei 56 Beschäftigten 133 Mio Fr. Objekte mit einem Volumen von mehr als 20 Mio Fr. werden heute in der Regel von einem GU/TU und dabei überwiegend von VSGU-Mitgliedern realisiert.

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