Die Krise um die angeschlagene portugiesische Grossbank BES (Banco Espírito Santo) hat sich weiter zugespitzt. Eine für Donnerstag anberaumte ausserordentliche Aktionärs-Generalversammlung wurde am Dienstag kurzfristig abgesagt. Die Onlineausgabe der Wochenzeitung «Expresso» hatte zuvor berichtet, dass sich die Verluste der wichtigsten Privatbank des südeuropäischen Landes im ersten Halbjahr auf rund drei Milliarden Euro belaufen könnten. Das wäre eine Rekordsumme für den Bankensektor Portugals.

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In einer Mitteilung an die Finanzaufsicht CMVM in Lissabon erklärte die BES am Dienstag, der Bank-Hauptaktionär - die Espírito Santo Financial Group (ESFG) - habe aufgrund «unerwarteter Ereignisse» eine Vertagung der Versammlung um eine unbestimmte Zeit beantragt. Als Grund dafür wurde unter anderem angegeben, dass ein Antrag der ESFG auf Einleitung eines Insolvenzverfahrens am Dienstag vom Handelsgericht in Luxemburg angenommen worden sei.

Grossaktionäre in Schieflage

Die ESFG, die 20 Prozent des BES-Kapitals hält, hatte Insolvenz beantragt, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann. Zwei weitere Gesellschaften der GES-Gruppe der mächtigen Espírito-Santo-Familie - die Investmentgesellschaft RioForte und die Espírito Santo International (ESI) - hatten ebenfalls Insolvenz angemeldet.

Der mit einem Anteil von 15 Prozent zweitgrösste Aktionär von BES, die französische Bank Crédit Agricole, habe einer Vertagung der Generalversammlung zugestimmt, hiess es. Der BSE-Aktienkurs, der in den vergangenen Wochen im Zuge der Probleme bereits um mehr als 60 Prozent nachgegeben hatte, brach unterdessen am Dienstag bis kurz vor Handelsschluss erneut um über zehn Prozent ein. Die Geschäftszahlen für das erste Halbjahr will die Bank am Mittwochabend bekanntgeben.

Einflussreiche Familie

Auf der Aktionärs-Generalversammlung der BES sollte am Donnerstag unter anderem die neue Führung abgesegnet werden. Auf Druck der Lissabonner Zentralbank, die das Institut von den Problemen der Gruppe Espírito Santo abschirmen wollte, war der Ökonom Vítor Bento zum Nachfolger von Ricardo Espírito Santo Salgado (70) ernannt worden. Dieser hatte 22 Jahre an der Spitze der BES gestanden.

Die Angehörigen der BES-Gründerfamilie gelten als die «Rockefellers» Portugals. Der Banker-Clan Espírito Santo ist eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien im Land. Ihr Firmenkonglomerat ist unter anderem in den Bereichen Finanzen, Versicherungen, Tourismus und Landwirtschaft tätig.

(awp/gku)