Umbruch bei den Medikamentenkopierern: Die Generikabranche wächst mehr und mehr über das blosse Herstellen günstiger Nachahmerarzneien hinaus und setzt verstärkt auf Spezialpharmazeutika. Das jüngste Beispiel liefert der US-Generikahersteller Actavis, der sich mit der 8,5 Milliarden Dollar teuren Übernahme der irischen Spezialpharma-Firma Warner Chilcott neue Wachstumsfelder im Geschäft mit Original-Präparaten erschliessen will.

Damit schlägt Actavis den gleichen Weg ein, den der Branchenprimus Teva seit einigen Jahren verfolgt. Das israelische Unternehmen ist schon lange kein reiner Hersteller von Kopien mehr: Mit Originalpräparaten wie Copaxone gegen Multiple Sklerose und mit frei verkäuflichen Gesundheitsprodukten hat Teva inzwischen Standbeine ausserhalb des klassischen Generikageschäfts.

Sparzwänge und harter Preiswettbewerb

Der Grund für den Wandel liegt auf der Hand: Die Sparzwänge in den Gesundheitssystemen vieler Industriestaaten und der harte Preiswettbewerb unter den Anbietern machen das Geschäft mit den Medikamentenkopien selbst für Branchengrössen zunehmend schwieriger. Dazu kommt, dass ab Mitte des Jahrzehnts nicht mehr so viele umsatzstarke Medikamente ihren Patentschutz verlieren wie in den vergangenen Jahren. Bei der Ulmer Teva-Tochter Ratiopharm sind mittlerweile andere Felder rentabler als das klassische Generika-Geschäft - und dort fliessen auch künftig die Investitionen hin. «Wir können jeden Euro nur einmal ausgeben, und andere Geschäftsbereiche versprechen attraktivere Renditen», sagte Ratiopharm-Chef Sven Dethlefs jüngst der «Frankfurter Rundschau».

Actavis war zuletzt eher das Zielobjekt als der Antreiber in Übernahmeprozessen. Eine 15 Milliarden Dollar schwere Offerte des amerikanischen Generika-Rivalen Mylan hatte Actavis kürzlich abgelehnt. Und auch einem Vorstoss der kanadischen Pharmafirma Valeant zeigte Actavis nach Angaben aus Kreisen die kalte Schulter. Actavis war selbst erst vor weniger als einem Jahr aus der Fusion der amerikanischen Generika-Firma Watson mit dem Schweizer Rivalen Actavis hervorgegangen. Mit der Akquisition von Warner Chilcott wird eine Übernahme von Actavis nun zunehmend unwahrscheinlich.

Grösseres Standbein bei Spezialpharmazeutika

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Warner Chilcott stellt überwiegend Arzneimittel für die Frau her, darunter Verhütungsmittel und andere Hormonpräparate. Einer der grossen Rivalen in diesem Geschäft ist Bayer. Dazu kommen Medikamente gegen Hautkrankheiten und Magen-Darm-Leiden. Actavis-Chef Paul Bisaro hat die Schaffung eines grossen Geschäfts mit Markenarzneien in stark wachsenden Therapiefeldern als eines der Hauptmotive hinter der Übernahme genannt. Zusammen mit den Iren wird Actavis laut Bisaro künftig rund ein Viertel seiner Umsätze mit Spezialpharmazeutika erwirtschaften - aktuell sind es lediglich sieben Prozent. Actavis kam 2012 auf Konzernumsätze von 5,9 Milliarden Dollar - zusammen mit Warner Chilcott entsteht ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von elf Milliarden Dollar. Die Transaktion soll bis Ende 2013 unter Dach und Fach sein.

Steuerliche Vorteile

Auch steuerlich ergeben sich für Actavis mit dem Kauf von Warner Chilcott Vorteile. Denn Actavis soll künftig seinen Firmensitz in Irland nehmen, wo die Steuersätze niedriger sind. So geht Actavis davon aus, dass der Zukauf den Gewinn je Aktie 2014 um rund 30 Prozent steigen lassen wird, was zum Teil auch mit geringeren Steuerlasten begründet wird. Analysten werten dies als Indiz dafür, dass der Übernahmehunger von Actavis längst nicht gestillt ist. «Der langfristige Vorteil einer niedrigen Steuerrate besteht darin, dass es einem den Kauf anderer Unternehmen zu noch besseren Preisen erlaubt», sagte David Maris von BMO Capital Markets.

Maris hält es für denkbar, dass der Konzern sich in Europa im Geschäft mit Originalpräparaten gegen Nervenleiden und Allergien noch weiter verstärkt. Die Suche nach Steuervorteilen ist für Unternehmen angesichts der lauter werdenden Debatte über Steuersparmodelle von Grosskonzernen allerdings nicht unproblematisch. So sieht sich Apple aktuell in den USA dem Vorwurf ausgesetzt, im grossen Umfang Steuerschlupflöcher genutzt haben. Für Vertretungen in Irland seien keine oder nur wenig Steuern gezahlt worden, lautet der Vorwurf. Dem Fiskus seien dadurch Milliarden von Dollar entgangen. Der US-Technologiekonzern wies den Vorwurf der Steuer-Trickserei allerdings zurück.

(reuters)