Der Umbruch beim Georg-Fischer-Konzern ist nicht abgeschlossen. Weitere Verlagerungen aus der Schweiz stehen an. Dies vor allem bei der Konzerntochter Fertigungstechnik Agie Charmilles, wie CEO Kurt E. Stirnemann gegenüber der «HandelsZeitung» durchblicken lässt. «Es wird etwas weggehen», sagt er. Erst vor einem Monat hat Georg Fischer angekündigt, die Kapazitäten im Bereich Fertigungstechnik in China weiter auszubauen, nachdem Agie Charmilles an der Werkzeugmaschinenmesse in Schanghai eine neue Produktegeneration vorgestellt hat.

Dabei handelt es sich um die neue Senkerodiermaschine Charmilles Roboform 23, welche nach den Vorgaben eines neuen Plattformkonzepts (EDM-Futura) gebaut werden soll. Die Idee dahinter: Basierend auf dem Know-how für Elektroerodiermaschinen aus der Schweiz, in China eine neue Plattform für billigere Maschinen aufzubauen.

Gefertigt werden soll die neue Produktegeneration im Agie-Charmilles-Werk in Peking, wo die Kapazitäten von 650 Maschinen auf 1000 Maschinen ausgebaut werden sollen. Überdies will der Konzern bis Ende Jahr drei weitere Maschinen in China lancieren. Folgen für die Schweiz dürften dabei nicht ausbleiben, da die neuen Maschinen nicht nur für den asiatischen, sondern insbesondere auch für den amerikanischen Markt bestimmt sind, wo Agie Charmilles ihre beiden Werke im Zuge der jüngsten Restrukturierungsrunde bei GF hat schliessen müssen. Ob es Verschiebungen noch in diesem Jahr gibt, ist zwar nicht definitiv sicher. Aber der Trend laufe in diese Richtung, sagt Stirnemann, auch wenn zeitlich betrachtet noch nichts entschieden sei.

Ergebnisverbesserungenzum Halbjahr erwartet

Agie Charmilles liegt Kurt Stirnemann besonders am Herzen. Bis vor gut einem Jahr stand er dem Bereich, der zu 80% zu GF gehört, als Konzernchef vor. Dass Georg Fischer auch bezüglich der Fertigungstechnik handeln muss, liegt längst auf der Hand. Dies einerseits aus konjunkturellen Gründen, andererseits aber auch strukturbedingt.

Zum ersten Punkt: Generell geht es der Konzernsparte nicht anders als der gesamten Schweizerischen Werkzeugmaschinenindustrie. Ähnlich der Uhrenindustrie gehört der Werkzeugmaschinenbau in der Schweiz zwar nach wie vor weltweit zur Topliga. Doch die letzten drei Jahre haben diesem speziellen Industriezweig schwer zugesetzt, und die Krise ist noch nicht ausgestanden. Die Branche gilt als äusserst zyklisch, und in der Regel profitiert sie erst spät von einer Aufschwungsphase. So musste Agie Charmilles im letzten Geschäftsjahr nicht nur einen weiteren Umsatzrückgang von 13% auf 878 Mio Fr. verbuchen, sondern auch einen Verlust von fast 50 Mio Fr. wegstecken. 2004 soll alles besser werden. Gemäss Konzernleitung ist für dieses Jahr eine Rückkehr in die Gewinnzone vorgesehen. Da weder in Europa noch in USA bisher eine wirkliche Belebung in den Absatzmärkten für Werkzeugmaschinen stattgefunden hat, kann Agie Charmilles dieses Ziel nur über die asiatischen Märkte erreichen. Allein in China schätzt Georg Fischer den Markt für Werkzeugmaschinen auf 9,5 Mrd Fr.

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Neben den äusseren, konjunkturabhängigen Faktoren sind es vor allem die internen Strukturen, die Georg Fischer in allen Divisionen zu schaffen machen. Vor knapp einem Jahr hatte der damals neue CEO Kurt Stirnemann ein 12 Punkte umfassendes Restrukturierungsprogramm vorgelegt, das ab 2005 eine andauernde Ergbnisverbesserung von jährlich 100 Mio Fr. vorsieht. Bereits Mitte Juli 2004 bei der Halbjahrespräsentation wird allgemein erwartet, dass der Mischkonzern aus Schaffhausen mit ersten Resultateverbesserungen aufwarten kann. Vor allem in Finanzmarktkreisen gibt es dazu aber auch kritische Stimmen. So etwa wird bei der Bank Sarasin bezweifelt, ob es GF bereits im laufenden Jahr gelingt, die Profitabilität deutlich zu steigern. Immerhin wird dies von der Konzernleitung bereits für dieses Jahr angepeilt, und ab 2005 werden mit 8 bis 10% Ebit-Marge gerechnet.

Restrukturierungen und Effizienzsteigerungen finden neben dem Bereich Fertigungstechnik auch in den beiden anderen Divisionen, der Zulieferung von Gussteilen für die Autoindustrie (GF Automotive) wie auch in der Division Rohrleitungssysteme (GF Piping Systems), statt. Bei Letzterer rechnet Christoph Bohli, Analyst Bank Sarasin, mit einer stabilen Entwicklung. Der Bereich ist zum einen weit weniger konjunkturabhängig, zum anderen profitiert Piping Systems von der starken Nachfrage aus dem asiatischen Raum (allein in China hält der Konzern in diesem Bereich 50% Marktanteil).

Bisher unbefriedigendes Automobilzuliefergeschäft

Die eigentliche Bewährungsprobe steht Georg Fischer und somit Kurt Stirnemann dagegen in der Division Automotive bevor. Die weitaus grösste Konzernsparte (Umsatz 1,6 Mrd Fr.), der etwa die Hälfte des Restrukturierungsaufwands zugute kam, «wird endlich zeigen müssen, dass sie nicht nur die Volumen ausdehnen kann, sondern vor allem in der Lage ist, die Ertragskraft klar zu steigern», erklärt Christoph Bohli dazu.

Neben dem klassischen Eisenguss hat Georg Fischer in den letzten Jahren vor allem den Geschäftsbereich Leichtmetallguss ausgebaut (2003 Umsatzanteil 30%) und dazu 1999 unter anderem die Firma Mössner übernommen. Besonders profitabel ist das Geschäft bis heute allerdings nicht gewesen. Bisher entwickelte sich der Bereich Automotive weit unter der angepeilten Ebit-Marge von 8%. Letztes Jahr waren es 3,8%. Dazu kam ein Abschreiber auf Goodwill von 61 Mio Fr. bei der Firma Mössner.

Georg Fischer Letzter Kurs: Fr. 284

(in Mio Fr.) 2003 2002 %

Umsatz 3257 3417 ­5

Ebit *­96 80 ­

Ebitmarge (in %) ­ 2.3 ­

Reingewinn ­20 ­147 ­

Beschäftigte 13247 13737 ­4

*nach Sonderbelastungen 192 Mio fr.

Fazit: Auf die Halbjahreszahlen von GF darf man gespannt sein. Der Konzern wird am 19. Juli vor allen anderen in der Maschinenindustrie Zahlen präsentieren. Vom Mischkonzern werden erste positive Resultat des Restrukturierungsprogramms erwartet.


Kurt E. Stirnemann: «Der Dynamik in Asien kann man sich nicht verschliessen.»

Der Georg-Fischer-Konzern erwirtschaftet heute noch fast 80% seines Umsatzes in Europa. Das dürfte sich ändern. Wie andere Unternehmen auch, zieht es den Schaffhauser Mischkonzern Richtung Asien, wo die grossen neuen Märkte entstehen. Mit 11% Umsatzanteil hat Asien die USA (9%) im letzten Jahr zum ersten Mal überholt. Konzernchef Kurt E. Stirnemann über den Standort Schweiz, die Folgen des verschärften globalen Wettbewerbs für Georg Fischer sowie die Wachstumschancen der Zukunft.

Georg Fischer unterhält unter anderem einen Produktionsstandort in Seewis im Prättigau. Der Konzern hat dort eben erst 20,8 Mio Fr. in eine neue Produktlinie investiert. Wieso nicht in China? In Seewis geht es um Kunststoffverarbeitung. Das sind keineswegs zweitrangige Tätigkeiten, sondern dahinter steckt sehr viel Know-how. Die Entwicklung für die neue Produktlinie hat in Schaffhausen stattgefunden ­ also zentral und nahe bei der Produktion. So etwas wäre in Asien heute noch nicht vorstellbar. Der Wertschöpfungsgehalt in Relation zum Volumen stimmt noch. Seewis steht stellvertretend für andere Standorte in der Schweiz, wo wir auch noch produzieren.

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Das heisst, Sie haben in den Standort investiert, weil GF vor- und nachgelagert weitere Produktionsschritte auch noch in der Schweiz ausführt? ...Und es liegt sehr nahe an unserer zentralen Logistik in Schaffhausen. Selbstverständlich überprüfen wir unser gesamtes Produktionskonzept periodisch.

...und eines Tages wird GF dann nur noch in China oder in Asien produzieren? Dies zeichnet sich aus heutiger Sicht nicht ab. Aber die Dynamik in Asien ist einfach eine Realität, der man sich nicht verschliessen kann. Das Wachstum in China wird anhalten. Dies nur schon darum, weil dort eine grosse Zahl von Menschen nach einem höheren Lebensstandard strebt. Zudem ist in Asien ein enormes Reservoir an jüngeren und kostengünstigen Arbeitskräften vorhanden, die in erster Linie an der Zukunft ihrer Arbeitsplätze und nicht an ihrer Altersversorgung interessiert sind! Dieses Reservoir gibt es bei uns nicht mehr. Die schweizerische Gesellschaft leidet an Überalterung, und es ist geradezu fatal, dass viele Leute nur noch davon reden, ihre AHV zu sichern. Da bleibt für die Jugend und für zusätzliches Wachstum nicht mehr viel übrig.

Für die Schweizer Maschinenindustrie spielt der asiatische Markt heute bereits eine grössere Rolle als der amerikanische. Wird Asien auch den europäischen Markt überholen? Mittelfristig ist das nicht möglich. Den Werkzeug- und Formenbau wird es in Europa auch in Zukunft geben.

Der Standort Schweiz ist für den Werkzeugmaschinenbau also nach wie vor gut? Ja. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das notwendige Know-how an einem anderen Standort so schnell aufbauen könnten.

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Wieso nicht? In Asien und in China gibt es genug Ingenieure. Hinter dem Werkzeugmaschinenbau in der Schweiz stehen jahrzehntelange Erfahrungen, die über Generationen weitergegeben wurden. Da braucht es mehr als eine Generation, um an dieses Niveau heranzukommen. Damit sage ich aber nicht, dass der heutige Produktionsumfang vollständig in der Schweiz gehalten werden kann. Die Verlagerung findet schrittweise statt. Aber die Entwicklung wird immer noch von hier aus gesteuert.

Was wird verlagert? Das Standardsegment geht nach Asien. Heute exportieren wir zwar noch. Gleichzeitig produzieren wir aber auch schon lokal. Weitere Bereiche werden folgen.

Damit sprechen Sie den Standort Schweiz an. Was hat der Ausbau von Agie Charmilles in China für den Werkzeugmaschinenbau für Folgen? Den Standort in China bauen wir auf lokaler Ebene permanent aus, ohne aber die Fertigung in der Schweiz zu vernachlässigen.

Geht es in den anderen Divisionen von Georg Fischer genau gleich wie bei Agie Charmilles? Die Automobilindustrie baut in Asien aus und will sich dabei auf sichere Lieferanten vor Ort abstützen, womit die Zulieferindustrie nachziehen muss. Dasselbe gilt für das Rohrleitungsgeschäft. Es macht keinen Sinn, Röhren nach China zu schicken. Allein in der Division Piping Systems ist GF heute bereits an sieben Produktionsstandorten in China tätig. Nur bei den Werkzeugmaschinen ist es möglich, höherwertige Produkte weiterhin aus der Schweiz zu exportieren.

Wie viele Werke für Kunststoffprodukte unterhält GF noch in Europa?Gegenwärtig betreibt GF Piping Systems in Europa total 14 Produktionsstandorte ­verteilt auf die Länder Schweiz, Deutschland, Italien, Niederlande und Österreich.

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Braucht es denn noch so viele Standorte? Es gibt immer eine optimale Grösse. In Europa haben wir im Rahmen unseres Strukturprogramms eine Konsolidierung vorgenommen und damit neue Strukturen geschaffen.

Werden Sie Ihre gesteckten Ziele 2004 erreichen? Ja. Vorausgesetzt, es geschieht nichts Unvorhergesehenes.