Der Schrecken der Finanzkrise steckte Politikern und Bankern im letzten Herbst noch in den Knochen. Nach dem Motto «Nie wieder» einigten sie sich auf neue, schärfere internationale Regeln. Diese sollten verhindern, dass das Finanz- und Bankensystem erneut an den Rand des Abgrunds gerät. So sprach sich in der Schweiz die «Too big to fail»-Expertenkommission für härtere Regeln aus, UBS und CS sassen mit am Tisch. Die beiden Grossbanken sollten in der Lage sein, ihre Bilanzrisiken durch deutlich mehr Eigenkapital abzufedern. Zudem sollte der sogenannte Swiss Finish strenger als der internationale Standard ausfallen.

Mittlerweile hat der Wind gedreht. Die Konjunktur zieht an. Die Banken schreiben Gewinne, stellen zusätzliches Personal ein, schrauben ihre Risiken hoch, schütten saftige Boni aus - und machen gegen die in ihren Augen zu strengen Regulierungsvorschriften mobil. Der Feldzug der Hochfinanz wird angeführt von Spitzenbankern wie Josef Ackermann (Deutsche Bank), Kaspar Villiger (UBS) oder Hans-Ulrich Dörig (CS). In öffentlichen Auftritten und Interviews warnen sie vor den Gefahren zu restriktiver Vorschriften. Im Visier der Lobbyisten befindet sich der Swiss Finish, der national wie international ein gefährliches Signal sende, so der Grundtenor.

Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, steht als Mitglied der Expertenkommission zwar nach wie vor hinter den «Too big to fail»-Empfehlungen. Doch er relativiert: «Falls international bei den systemischen Risiken deutlich weniger hohe Kapitalanforderungen gestellt werden, sollte dies bei den Auflagen für unsere beiden Grossbanken in Rechnung gestellt werden.»

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Es ist kein Zufall, dass die Grossbanken ausgerechnet jetzt lobbyieren: Im März endet die Vernehmlassung für die neuen Vorschriften. Im Parlament herrscht Ernüchterung. Im Jahr der Wahlen fehlt es am gemeinsamen politischen Willen. Daniel Vischer, Nationalrat der Grünen und Mitglied der Finanzkommission, prophezeit bereits das Ende der harschen Regulierungswelle: «Das Krisenbewusstsein im Parlament ist weg, echte Regulierung nirgends in Sicht.» Ähnlich klingt es auf bürgerlicher Seite. SVP-Ständerat und Finanzkommissionsmitglied This Jenny beobachtet einen wachsenden Einfluss der Banklobbyisten in der öffentlichen und politischen Diskussion.

Denselben Trend stellen Experten in den USA fest. Der renommierte Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson geht davon aus, dass die Banken insgesamt darauf vertrauten, bei einem Kollaps vom Staat gerettet zu werden. «Zudem wissen sie, dass sie Gesetzesvorlagen die Spitze brechen können, wenn sie in Washington lobbyieren.»