Schon der letzte Winter war für Lonza-Chef Stefan Borgas ein Albtraum. Die Aktie seines Arbeitgebers taumelte gerade Richtung Mehrjahrestief, als der frühere Überflieger der Branche vor die Investoren trat und wenig erfreuliche Jahreszahlen präsentieren musste. Dann tat Borgas, was ein Konzernchef nie tun sollte: Er versprach den Aktionären des Pharmazulieferers höhere Kurse. «Das dauert jetzt eben sechs bis zwölf Monate, bis die Börse sieht, dass wir das Wachstumspotenzial tatsächlich abliefern.»

Die zwölf Monate sind um. Ende Januar gibt Lonza die neusten Jahreszahlen bekannt. Von Kurserholung zeigt sich bisher aber keine Spur. Die Aktie sackte weiter ab, allein im letzten Monat um 10 Prozent. Für die Investoren ist es ein Desaster. Einer bemängelt, Borgas suche die Gründe zu oft nicht bei sich selber. Er habe die Dynamik in der Pharmabranche falsch eingeschätzt, schuld sei nicht der Dollarzerfall und auch nicht die Politik.

Alles für den Körper

Dabei lag Borgas zunächst goldrichtig. Als er 2004 zum Chef aufstieg, sprachen alle vom Siegeszug der Biotechnologie. «Life Science» wurde zum Zauberwort in der Branche, die Pharmakonzerne rüsteten die Labors um. Borgas radikalisierte Lonzas Strategie: Weg vom einfachen Chemikalienlieferanten für Werkstoffe, hin zum Hightech-Unternehmen für Produkte, die in oder auf den menschlichen Körper gelangen sollten. Ins Zentrum rückten komplexe Moleküle und ganze biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe, welche die Pharmafirmen für ihre Medikamente brauchen.

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Zuerst ging die Rechnung auf. Lonza zog einen Auftrag nach dem andern an Land und konnte Tonnen von massgefertigten Peptiden, Antikörpern und Proteinen ausliefern. 40 Prozent der alten Lonza stiess Borgas ab. Nun generierten die Pharmaaufträge mehr als die Hälfte des Umsatzes. Die Biotech-Produkte waren gut, und der Aktienkurs explodierte. «Lonza war der Rolls-Royce unter den Pharmazulieferern», sagt ein Branchenkenner.

Doch Borgas Stern sank, als die Pharmabranche vor zwei Jahren zu serbeln begann. Die Aufsichtsbehörden verweigerten häufiger die Marktzulassung von neuen Medikamenten, bahnbrechende Forschungserfolge blieben aus, und die Politik drückte die Medikamentenpreise. Als die Pharmaindustrie zu sparen begann, fielen als erstes Aufträge an Lonza weg. Borgas musste eine Gewinnwarnung ausgeben.

Vor einem Jahr schraubte Borgas zum zweiten Mal seit seinem Amtsantritt massiv an der Positionierung: Diesmal änderte er nicht die Produktepalette, sondern die Kundschaft. Bisher belieferte Lonza klassische Pharmakonzerne wie AstraZeneca, Sanofi-Aventis oder GSK mit Wirkstoffen für deren patentgeschützte Originalmedikamente. Neu setzt Lonza auf Generika und arbeitet mit dem härtesten Gegner der Grossen zusammen: Mit dem israelischen Generika-Weltmartkführer Teva.

Das neue Gespann entwickelt Nachahmer für Biotech-Medikamente, die heute patentgeschützt Milliarden an Umsatz bringen. Lonza wird so vom Diener zum Konkurrenten der etablierten Pharmafirmen. Ein heikles Unterfangen. «Teva ist ein rotes Tuch für die traditionell ausgerichteten Konzerne, die Verärgerung dort ist gross», sagt ein Lonza-Konkurrent. «Das ist eine Gratwanderung gerade in diesem Geschäft, das ausgeprägt vom Ruf und den Beziehungen lebt.»

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Die Auslieferung des ersten sogenannten Biosimilars ist für 2014 geplant. Es soll Roches Krebs- und Arthritismedikament Rituxan ersetzen. Laut Brancheninsidern sollen die Basler bei Lonza interveniert haben. Auf dem Tisch lag folgendes Angebot: Verzichtet Lonza auf das Geschäft mit Teva, würde Roche weitere Aufträge garantieren. Roche dementiert allerdings solche Gerüchte.

Auch in den USA gibt es bei Lonza-Stammkunden Verärgerung. Offenbar wollen sich mehrere Pharmafirmen von Lonza lösen. Das stellt der Basler Konzern in Abrede: «Bisher gab es keine Abbestellungen», sagt Sprecher Dominik Werner. «Wir sind auf die Kunden zugegangen, und die Gespräche waren konstruktiv. Solange wir mit einer innovativen Pharmafirma verbunden sind, bauen wir kein entsprechendes Generikum.»

Das neue Geschäftsfeld Generika soll dereinst gleich gross werden wie das bisherige pharmazeutische. Die Investitionen sind gewaltig. Allein für das Rituxan-Generikum fallen Kosten von 300 Millionen Franken an, schätzen Analysten.

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Klage in den USA

Geringer sind die Investitionen bei einem anderen Projekt, das die Abhängigkeit von Big Pharma verringern soll: Der Lonza-Chef prüft den Direktverkauf von Lifestyle-Produkten wie Vitamin-Zusätzen oder Stoffen, die Fett in Energie umwandeln helfen.

Das ist Zukunftsmusik. Doch Gefahren lauern auch in diesem Geschäft. Erst vor einem Monat wurde gegen Lonza in den USA eine Zivilklage bei einem Bezirksgericht in Texas eingereicht. Das Unternehmen habe Forschungsprodukte wie zum Beispiel Nährlösungen verbotenerweise mit Patenten beworben, die bereits ausgelaufen seien. Dadurch seien Konkurrenten und die Öffentlichkeit getäuscht worden. Lonza soll eine «Busse von 500 Dollar pro falsch markierten Artikel» auferlegt werden, geht aus der Klageschrift hervor. Die Hälfte davon soll dem Staat zukommen.

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Lonza bestätigte den Eingang der Klage, wollte sich aber mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht zur Anzahl von in den USA vermarkteten und betroffenen Artikeln äussern.

Nächste Woche präsentiert Lonza die Jahreszahlen. Offenbar haben die Erfahrungen der letzten Monate bei Konzernchef Borgas Spuren hinterlassen: Bisher verzichtete er standhaft darauf, Prognosen für 2011 abzugeben.