An der Rua Borges Lagoa Nummer 1328 herrscht emsiges Treiben. In den Büros der renommierten Wirtschaftskanzlei Tozzini Freire in einem von viel Grün umgebenen, grauen fünfstöckigen Geschäftskomplex im geschäftlichen Zentrum der brasilianischen Millionenmetropole São Paulo kümmern sich 25 Anwälte um ­einen einzigen Fall: Die Verfehlungen der UBS im Skandal um manipulierte Devisenmärkte. Die Rechtsexperten und ihre Assistenten durchforsten E-Mails, Chats, aufgezeichnete Telefongespräche und tragen Akten zusammen.

Die Schweizer Grossbank verfolgt mit der Anstellung einer Armada von Juristen nur ein Ziel: Sie will den Ermittlern helfen, das Kartell zu enttarnen, das auch in Brasilien die Währungsmärkte manipulierte. Rund 30 Geldinstitute sollen den Wechselkurs der Landeswährung Real zwischen 2009 und 2011 zu ihren Gunsten beeinflusst haben. Die UBS war beim Kartell mittendrin und fungiert jetzt als Kronzeugin.

Busse von 20 Prozent der Einnahmen

Die UBS schloss mit der brasilia­nischen Wettbewerbsbehörde Cade Anfang Juli ein Abkommen, das ihr vollständige Straffreiheit zusagt. Dazu muss sie helfen, Beweise für die langjährigen ­Manipulationen vorzubringen. Die anderen beteiligten Finanzhäuser riskieren Bussen – darunter die Credit Suisse, Citigroup oder die Deutsche Bank. Sie müssen bei einer Verurteilung rund 20 Prozent ihrer Einnahmen in der Periode an die Behörde abliefern.

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Es ist nicht das erste Mal, dass die UBS über eine Kronzeugenregelung hohe Bussen vermeiden kann. Im Gegenteil: Des Öfteren packte die Grossbank von der Bahnhofstrasse als Erste überhaupt aus, sobald Verfehlungen aufflogen. Das Erlangen eines Kronzeugen-Status scheint bei der Grossbank fast schon System zu haben. Ein Zürcher Wirtschaftsprofessor spricht von ­einem «Geschäftsmodell». Tatsächlich wolle jede Bank bei Untersuchungen Kronzeugin werden. Die UBS ist aber oft schneller. Auch bei der Aufklärung der Manipulationen der beiden Zinssätze Libor und Euribor durch Banken war sie an vorderster Front dabei.

Die Strafe gering gehalten

Vor dem Deal in Brasilien schloss die UBS zuletzt im Mai ein Abkommen mit den Behörden in den Vereinigten Staaten. Sie zahlte der amerikanischen Notenbank eine Strafe von 342 Millionen Dollar für die Manipulation der Devisenmärkte.

Im Gegenzug erhielt die UBS eine bedingte Immunität vor einer weiteren Strafverfolgung. Von einer solchen Schonung und Strafsumme können die anderen vier beschuldigten Geldhäuser nur träumen. Insgesamt werden sie mit 5,6 Milliarden Dollar gebüsst. Am schlimmsten traf es die britische Barclays. Sie allein musste sich mit 2,4 Milliarden Dollar freikaufen. Möglich wurde die Strafreduk­tion aufgrund der Kronzeugenregelung, wie man sie auch in der Europäischen Union und der Schweiz kennt. Das heisst: Sie packte als erste von allen Banken aus und kooperierte ­zusätzlich umfassend mit den amerikanischen Wettbewerbsbehörden.

2,5 Milliarden Euro gespart

Zwar musste das Schweizer Tradi­tionsinstitut bereits 2012 den amerikanischen, britischen und schweizerischen Aufsichtsbehörden eine Busse von 1,4 Milliarden Franken zahlen. Doch für die Kooperation bei den Ermittlungen wurde die UBS damit belohnt, dass sie vom US-Justizministerium und der EU-Kommission weitestgehend verschont blieb. In ­Europa wurde ihr die Geld­busse aufgrund der Aufdeckung der Kartelle sogar vollständig ­erlassen – sie sparte auf diese Weise insgesamt 2,5 Milliarden Euro.

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Die UBS nutzt das Modell nicht nur im Ausland. Auch in der Schweiz ermittelt die Wettbewerbskommission ebenfalls seit 2012 wegen Kartellabsprachen bei der Festsetzung des Libor-Zinssatzes gegen die UBS und gegen Lokalkonkurrentin Credit Suisse. Da sich auch hier die UBS selbst anzeigte und von Anfang an mit den Behörden umfassend kooperierte, wurden ihr Immunität und Strafmilderung zugesichert. Eine hohe Busse ist daher unwahrscheinlich. Nur die Bank, welche die Wettbewerbskommission als Erste auf mögliche Kartellabsprachen aufmerksam macht, geniesst Schutz.

UBS sieht sich als Vorreiterin

Dass sich die UBS immer als Kronzeugin zur Verfügung stellt, um die Bussen zu schmälern, findet Roger Rissi, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Luzern, nicht schlimm. Die Bank habe sich ihre Finger in der Vergangenheit zur Genüge verbrannt und wolle nun die Altlasten schnellstmöglich und sauber bereinigen. «Letztlich geht es um eine Frage der Philosophie: Will man gleich von Anfang an alles auf den Tisch legen oder zuerst noch alles so lange wie möglich abstreiten?», so der Fachmann.

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Die UBS selber wähnt sich angesichts der Hilfeleistung bei der Aufklärung in den Libor- und Devisenskandalen in einer Vorreiterrolle. «Wir haben diese Angelegenheit selbst aufgedeckt und dem amerikanischen Justizministerium sowie weiteren Behörden gemeldet», sagt UBS-Sprecherin Anita Greil. Das Vorgehen unterstreiche die Nulltoleranz gegenüber Fehlverhalten und das Bestreben, die richtige Kultur in der Branche zu fördern.