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Gesetzesrevision: «Eine selbstbewusste Lösung»

Die Vorlage für ein Revisionsaufsichtsgesetz gibt zu reden. Der vom Bundesrat zugezogene Experte, Professor Giorgio Behr, erklärt, worum es geht.

Von Interview: John Wicks
am 11.02.2004

Warum hat sich eine Neuerung der Revision aufgedrängt?

Giorgio Behr: In den letzten Jahren wurde die Rechtsform der GmbH immer öfters auch deshalb gewählt, weil das Gesetz dort keine Revisionspflicht vorsieht. Zudem spielen fachliche Voraussetzungen und Unabhängigkeitsbestimmungen für die Fachleute der Wirtschaftsprüfung eine immer wichtigere Rolle. Gleichzeitig realisieren wir, dass in der Europäischen Union oder den USA die KMU sehr oft ­ und im Gegensatz zur Schweizer Gesetzgebung ­ keiner Revisionspflicht unterworfen sind.

Wie weit ist man mit der Ausarbeitung der Revisions- und Revisionsaufsichtsgesetze?

Behr: Mitte Januar wurden mit Vertretern der neuen US-Revisionsaufsichtsbehörde die in den USA beziehungsweise der Schweiz vorgeschlagenen Lösungen verglichen und der ­ allerdings sehr langsame ­ Fortschritt in den entsprechenden Bemühungen der EU analysiert. Nun ist die Vorlage beim Bundesrat, und nach dieser letzten Abstimmung mit den neuesten internationalen Entwicklungen wäre eine rasche Verabschiedung zuhanden der Räte denkbar.

Warum hat sich eine Aufspaltung des Bundesgesetzes über die Rechnungslegung und Revision RRG in einzelne Gesetze für die Bereiche Revision und Rechnungslegung aufgedrängt?

Behr: Die Rechnungslegung ist eine Frage, welche alle Organisationen, auch jene ohne Revisionspflicht, betrifft. Wirtschaftsprüfer konzentrieren sich zwar auf die Rechnungslegung der geprüften Firmen, aber die Regelung der einen Frage kann unabhängig von einem allfälligen Anpassungsbedarf in der anderen erfolgen. Auch die EU hat Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung ­ die Revision ­ in ihren Richtlinien klar getrennt. Mit dem Revisionsaufsichtsgesetz RAG, das nur Revisoren von Publikumsgesellschaften betrifft, dürfte ein guter Wurf gelingen, der für die Stärkung des Vertrauens in den Kapitalmarkt Schweiz sorgt. Gleichzeitig wäre damit die Grundlage für ein gegenseitiges Abstützen ­ mutual reliance ­ der USA beziehungsweise der Schweiz auf das jeweilige Aufsichtsorgan des anderen Landes geschaffen. Dies ist eine selbstbewusste und gleichwohl international kompatible Lösung.

Inwiefern haben exogene Entwicklungen wie der Fall Enron, der Sarbanes-Oxley Act oder die künftigen International Financial Reporting Standards eine Rolle gespielt?

Behr: Die Skandale bei Publikumsfirmen sind zwar primär ausgelöst durch Fehlverhalten von Management, Verwaltungsrat, zuweilen auch der Finanzanalysten und einiger Investmentbanken. Aber auch Revisoren kamen wiederholt ins Kreuzfeuer der Kritik. Die Funktion der Wirtschaftsprüfung lässt sich relativ leicht regeln, auch wenn deren Aufgabenstellung immer komplexer und schwieriger wird. Daher sind sie nun die ersten «Opfer» der härteren Gangart, welche zum Schutz der Investoren nötig wurde. Aber nun gilt es, auch die Kapitalmarktaufsicht voranzutreiben. Auch hier dürfte die Selbstregulierung in vielen Bereichen nicht mehr die angemessene Antwort sein.

Wird das neue Gesetz im Sinne der Corporate Governance unter anderem Fragen der Unabhängigkeit von Revisoren und der Trennung zwischen Beratung und Wirtschaftsprüfung ansprechen?

Behr: Die Unabhängigkeitsfrage ist schon heute in den Berufsstandards sehr streng geregelt. Das Gesetz bringt hier nicht primär neue Verhältnisse. Es ist daran zu erinnern, dass die Problematik Revision/Beratung vor allem in den USA zu wenig ernst genommen wurde.

Ist mit der Gründung einer schweizerischen Aufsichtsbehörde für Wirtschaftsprüfer beziehungsweise Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu rechnen?

Behr: Das RAG sieht eine Zulassung für alle Personen vor, welche Prüfungsdienstleistungen anbieten wollen, und eine Registrierungspflicht für jene Unternehmen, welche Publikumsgesellschaften prüfen. Die Revisionsaufsicht reduziert sich somit wie in den USA auf den Kapitalmarkt, umfasst aber beispielsweise auch regelmässige Inspektionen zur Sicherung von Qualität und Professionalität der Wirtschaftsprüfung. Die Sicherung der Qualität und Unabhängigkeit wird somit nicht mehr durch Berufskollegen ­ so genannte Peers ­ mit einer Review ­ Peer Review ­ bestätigt, sondern obliegt der Revisionsaufsicht.

Wie sieht es bei der vorgeschlagenen Rotation der Prüfungsmandate aus?

Behr: Die Rotation bezieht sich auf den leitenden Revisor, nicht auf die Prüffirma. Die Einarbeitung für die Prüfung von Grosskonzernen ist enorm aufwendig, das Know-how kann nur stufenweise beziehungsweise für einzelne Teammitglieder gleichzeitig übertragen werden. Daher sieht das Gesetz analog der internationalen Usanz auch nur eine Rotation für die verantwortliche Person vor.

Können KMU mit einem vereinfachten Revisionsverfahren, bei kleinen sogar mit einer Aufhebung der Revisionspflicht, rechnen?

Behr: Künftig soll der Markt entscheiden, ob kleinere Kapitalgesellschaften einer Revision unterworfen werden sollen oder nicht. Der Gesetzgeber zieht die Grenze unter anderem aufgrund des Kriteriums der Zahl der Mitarbeiter. Bei mehr als 50 Mitarbeitern dürfte das Unternehmen eine gewisse regionale Bedeutung haben, und die Abhängigkeit auch anderer Arbeitsplätze und Geschäftspartner ist durch eine Revisionspflicht zu berücksichtigen. Für die kleineren Firmen können Kapitalgeber ­ etwa Banken ­ und Minderheitsaktionäre eine umfassende Revision verlangen. Sonst genügt eine summarische Revision ­ eine Art kritische Durchsicht ­ durchaus. Dann bestehen auch weniger Probleme bei der Unterstützung des Prüfungskunden in betriebswirtschaftlichen Fragen. Kleinstbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern können sogar gänzlich auf eine Prüfung verzichten, ausser diese werde wiederum von Geldgebern oder Minderheitsaktionären verlangt. Dabei sind Personengesellschaften und Einzelunternehmen keinerlei Prüfpflicht unterworfen, weil dort die persönliche Haftung der Eigentümer unbeschränkt gilt. Das Gesetz bietet also eine sehr flexible, volkswirtschaftlich kostengünstige Lösung an. Prüfungen, die eigentlich gar nicht nötig wären, müssen künftig nicht mehr durchgeführt werden. Im Gegenzug unterliegen sehr viel mehr Unternehmen, beispielsweise GmbH oder grosse Vereine, der Prüfpflicht. Vor allem steht die Unterstützung der KMU durch Fachleute im Rechnungswesen wieder im Vordergrund.

Steht schon fest, welche Änderungen in der Berichterstattung das Gesetzeswerk mit sich bringen könnte und was die steuerlichen Implikationen sind?

Behr: Die Rechnungslegungsvorlage ist noch zu wenig weit gediehen, um schon Trends abschätzen zu können.

Wie steht es mit der Pflicht zur Veröffentlichung von Manager-Gehältern?

Behr: Die Offenlegung solcher Fragen soll nicht mehrfach geregelt werden. Die Börse hat ja hier bereits ein Konzept. Zudem sind diese Fragen eher im Rahmen der Corporate-Governance-Vorlage zu erfassen, die aber auch ganz andere Aspekte wie beispielsweise jene des Mindestnennwertes angehen soll.

Welche neuen Elemente dürften im Rechnungslegungsgesetz enthalten sein, und wann könnte eine entsprechende Botschaft vorliegen?

Behr: Geduld! Dies dauert noch eine Weile.


Profil: Steckbrief

Name: Giorgio Behr

Geboren: 18. September 1948

Funktion: Mitbesitzer Behr Bircher Cellpack BBC Group, Beringen; VR-Präsident Saurer AG, Arbon

Lehrstuhl: Universität St. Gallen

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