Seit 30 Jahren bezieht die Fritz Studer AG die spezialisierten Steuerungen für ihre Rundschleifmaschinen aus Japan. Jetzt droht die zuverlässige Quelle zu versiegen. Denn Hersteller Fanuc muss die Produktion drosseln. Er produziert zwar in Oshino, ungefähr 400 Kilometer südlich des Epizentrums, wo es keine Schäden gab. Dennoch musste das Unternehmen die Produktion drastisch herunterfahren, denn seit dem verheerenden Erdbeben ist der Strom rationiert.

Bei Fritz Studer ist man beunruhigt. «Als wir davon hörten, haben wir sofort reagiert und eine zusätzliche Bestellung aufgegeben», erklärt Geschäftsführungsmitglied Fred Gaegauf. Ähnlich handelten die meisten Kunden von Fanuc. Gerade als die japanische Firma ihre Maschinen drosseln musste, wurde sie mit Hamsteraufträgen überschwemmt. Unter den weltweiten Abnehmern setzte ein Gerangel um die begehrten CNC-Steuerungen ein, so gross ist die Angst vor einer Verknappung.

Gaegauf spricht sich Mut zu: «Kurz vor der Katastrophe ist zum Glück noch ein Schiff ausgelaufen, das jetzt mit einer Ladung nach Europa unterwegs ist.» Allzu beruhigend ist diese Perspektive nicht. Die Produktionskette in Japan droht mit der Ausbreitung der Radioaktivität vollends zusammenzubrechen. «Wir befürchten über kurz oder lang Lieferengpässe», sagt Gaegauf. «Und zwar nicht nur bei den Steuerungen.» In den Rundschleifmaschinen aus dem Berner Oberland stecken auch hochpräzise Spindeln aus Japan. Die Fabrik dieses Herstellers liegt in der vom Tsunami betroffenen und von der Radioaktivität bedrohten Zone. Ob er überhaupt noch produziert, ist im Moment unklar. Jedenfalls hat er die europäischen Kunden über «Engpässe» informiert.
 

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Keine grossen Lager

Reich bestückte Lager, mit denen zumindest kurzfristige Produktionsstopps überbrückt werden könnten, gibt es nicht. «Die Japaner sind Just-in-time-Weltmeister», betont Jörg Wolle, Chef des Handelshauses DKSH, das mit 13 Niederlassungen und rund 300 Mitarbeitern seit über 150 Jahren in Japan aktiv ist. «Daher leidet das ausgeklügelte System jetzt besonders unter Störungen wie Stromausfällen und blockierten Strassen. Das kann sich auch auf Kunden in der Schweiz auswirken.»
Das Just-in-time-Prinzip, also die schlanke Produktion auf Kundenbestellung, ist besonders bei den Herstellern von elektronischen Bauteilen weit verbreitet. Dass Japan dieses Prinzip wie kein zweites Land in den letzten zwei Jahrzehnten perfektioniert hat, rächt sich nun in der grösseren Verwundbarkeit. Immerhin: Europäischen Abnehmern, die Waren auf dem Seeweg beziehen, bleibt Zeit, um sich nach Alternativen umzusehen. Die Schiffe wirken als schwimmende Zwischenlager. «Zwischen Bestellung und Lieferung vergehen in der Regel 3 bis 6 Monate», rechnet Gaegauf vor.
Spätestens im Sommer könnten die Vorräte an Steuerungen in Steffisburg erschöpft sein. Die Geschäftsleitung spielt im Moment verschiedenste Szenarien durch, unter anderem den Wechsel auf die Steuerung eines anderen Herstellers. «Doch einfach würde diese Umstellung nicht», sagt Gaegauf. Also hofft er weiter, dass Fanuc die Produktion doch noch rechtzeitig wieder hochfahren kann.
 

Alternativen gibt es nicht

Ein Produktionsunterbruch mangels Nachschubs käme für die Fritz Studer AG im ungünstigsten Moment. Das zum deutschen Maschinenhersteller Körber gehörende Unternehmen, das in Steffisburg BE und Biel über 800 Beschäftigte hat, fasst nach einer längeren Krise gerade wieder Fuss. Bis in den Spätsommer 2010 hatte in den Fabriken Kurzarbeit geherrscht. Inzwischen sind die Auftragsbücher wieder gut gefüllt. Mehr als 95 Prozent der Spezialmaschinen werden exportiert, auch nach Japan. Abnehmer sind vor allem Zulieferer der Auto-, Flugzeug- und Maschinenindustrie.

In einer ähnlichen Lage wie die Fritz Studer AG steckt Tornos in Murten. Auch sie deckt sich mit Steuerungen der Fanuc ein. Beim Hersteller von Drehautomaten glaubt Marketingleiter Brice Renggli jedoch fest daran, dass Fanuc die Produktionsschwierigkeiten rechtzeitig in den Griff bekommt. Sollte der Nachschub aus Japan aber doch versiegen, gibt es für Tornos vorderhand keine Alternative.

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Die verschiedenen Importeure von Zubehör für die Elektro- und Kommunikationsindustrie in der Schweiz wollen im Moment noch nicht wirklich von Engpässen reden. «Unsere Lieferanten produzieren im südlichen Japan und sie sind zum Glück nicht von der Katastrophe betroffen», sagt zum Beispiel Traugott Schütz, Bereichsleiter Industrie-Elektronik der Firma Telion. Der Tenor unter den Händlern ist aber einstimmig: Rund zwei Monate dürften die Zwischenlager ausreichen, um den Bedarf in Europa zu decken. Die Krise in Japan wird folglich europäische Abnehmer erst mit Verzögerung in Verlegenheit bringen.

Mit einer zeitlichen Gnadenfrist rechnen auch Unternehmen der Computer- und Kommunikationsbranche wie Hewlett Packard, Acer und LG, in deren Produkten Teile aus Japan stecken. «Ab Mai könnte es je nach Modell Engpässe geben», heisst es bei HP Schweiz. Ganz direkt betroffen von der Katastrophe sind Canon und Panasonic. Laut dem Schweizer Canon-Sprecher Andreas Gurtner ist unklar, wann die Produktion in den neun durch das Erdbeben lahmgelegten japanischen Betrieben wiederaufgenommen werden kann. Im Moment werde am Hauptsitz geprüft, kurzfristig Produktionen in andere Länder zu verlagern.
 

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Es könnte reichen

Ebenfalls an mehreren Standorten im Katastrophengebiet präsent ist Panasonic. In mehreren Fabriken gab es Verletzte, und die Maschinen ruhen überall seit dem 11. März. Agnes Immersi, Sprecherin des Panasonic-Importeurs John Lay, wartet gespannt auf weitere Informationen. Wie es in Japan weitergehen soll, ist offenbar unklar. Bezüglich Distribution in der Schweiz, so versichern sowohl Canon als auch John Lay, habe die Katastrophe vorderhand keine Auswirkungen.
Bei den meisten Abnehmern von Komponenten, Teilen und Produkten aus Japan lebt die Hoffnung auf Just-in-time weiter. Darauf also, dass die Ware aus Japan trotz Katastrophe doch noch «gerade rechtzeitig» in der Schweiz eintrifft.

 

Export nach Japan
Strahlung bremst Vertrieb
Die Katastrophe tangiert auch den Warenexport nach Japan. Schwierigkeiten gibt es vor allem bei der Distribution. Die Fritz Studer AG, die ihre Rundschleifmaschinen auch nach Japan exportiert, hat in Tokio eine Niederlassung. «Weil sich die Radioaktivität weiter ausbreitet, können wir immer mehr Kunden in betroffenen Gebieten nicht mehr bedienen», sagt Fred Gaegauf.

Glückliche Novartis Rund 200 Schweizer Firmen haben in Japan Niederlassungen. Roche ist mit rund 6400 Beschäftigten der grösste Schweizer Arbeitgeber. In Utsonomyia stoppte das Erdbeben die Produktion der Tochter Chugai. «Die Schäden werden untersucht und es ist offen, wann dort wieder gearbeitet werden kann», sagt Roche-Sprecherin Claudia Schmitt. Wegen der steigenden Radioaktivität droht die Evakuierung. Grösstenteils verschont blieb Novartis. Die Versorgung mit Medikamenten des Konzerns sei bislang nicht beeinträchtigt, versichert Sprecherin Isabel Guerra. «Eine Ausnahme bilden die vom Tsunami betroffenen Gebiete im Nordosten, wo der Vertrieb nicht mehr gewährleistet ist.»

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