Nach der Krise ist nicht vor der Krise. Nichts wird mehr so sein wie früher. «Es ist eine Tatsache, dass der Beitrag des Finanzsektors zum Bruttoinlandprodukt schrumpfen wird. Der Anteil von 12 bis 14% wird keine Realität mehr sein, die 130000 Vollzeitarbeitsplätze wird es nicht mehr geben, und mit dem Beitrag von 25% an die Steuern von Bund, Kanton und Gemeinden können wir auch nicht mehr rechnen.» Vor den Spitzen der Schweizer Unternehmen sprach Wirtschaftsministerin Doris Leuthard vergangene Woche an der Generalversammlung von Swissholdings die zentrale Herausforderung an, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den nächsten Jahren zu bewältigen haben: Wie füllt man die Lücke von 3 bis 5%, welche die Finanzkrise im Bruttoinlandprodukt (BIP) hinterlässt?

Das Problem dabei ist: Die Öffentlichkeit sei sich überhaupt oder noch viel zu wenig bewusst, was das für das Land bedeute, meint besorgt Rolf Soiron, Verwaltungsratspräsident von Holcim, Lonza und Nobel Biocare. «Vermutlich nimmt man das erst gegen das Ende der 2. Jahreshälfte so richtig zur Kenntnis, wenn gekündigte Bankangestellte wirklich auf der Strasse stehen und sichtbar wird, wie hoch die Steuerausfälle tatsächlich sein werden.»

Abhängigkeit reduzieren

Dabei erzählt nichts Neues, wer auf die einseitige Abhängigkeit der schweizerischen Volkswirtschaft vom Finanzsektor hinweist. Bereits 2006 hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit einer Studie dargelegt, dass der Anteil des Finanzsektors am BIP in der Schweiz zwei- bis dreimal höher ist als in den übrigen europäischen Ländern und in Japan. Übertroffen wird die Schweiz nur noch von Luxemburg, wo der Anteil rund 19% beträgt.

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Das heisst aber auch: Wenn der Finanzsektor als Wachstumsmotor stottert, lahmt die gesamte Volkswirtschaft. Das war etwa 2001 der Fall, als das BIP-Wachstum allein infolge der rückläufigen Wertschöpfung im Finanzsektor stark gesunken ist. Das ist auch jetzt wieder so. «Unter der durchaus plausiblen Annahme, wonach die Wertschöpfung im Finanzsektor im engeren Sinne um 10 bis 15% einbricht, hätte dies eine Einbusse der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zwischen 2 und 3% zur Folge», schreiben die Autoren der jüngsten Avenir-Suisse-Studie «Mit Fiskalpolitik gegen die Wirtschaftskrise».

Ob einzelne Branchen gezielt in die Lücke springen könnten, ist offen. In einem Interview mit der «Handelszeitung» sagte der Finanzmarktexperte Heinz Zimmermann kürzlich: «Für die Schweiz bin ich für die nächsten zwei, drei Jahre relativ pessimistisch. Ich sehe nicht, in welchem Sektor die zusätzlichen Arbeitsstellen geschaffen werden können, die einen komparativen Vorteil schaffen, vergleichbar mit dem Bankgeschäft» (siehe «Handelszeitung» Nr. 18 vom 29. April 2009).

Entscheidend für Rolf Soiron ist deshalb, «dass jetzt ein geistiger Ruck durch das Land geht und wir uns endlich bewusst werden, dass wir besondere Anstrengungen unternehmen müssen, um das Niveau nicht zu verlieren, das wir derzeit noch haben» (siehe «Nachgefragt»). Gefordert sei jetzt eine nationale Strategie, in der klare Prioritäten von der Energiepolitik bis hin zur Bildungs- und Standortpolitik gesetzt würden. Soiron: «Weil wir uns in den nächsten Jahren nicht mehr so viel leisten können wie bis anhin, braucht es in der Wirtschaft und in der Politik einen Konsens darüber, was jetzt nötig ist, damit dieses Land besser aus der Krise herauskommt, als es hineingekommen ist.»

Zentrale Rolle des Staats

Die Schweiz sei fähig, diesen Effort zu leisten, ist Soiron überzeugt. Welche Rolle der Staat dabei zu spielen hat, umschreibt Soiron so: «Er darf zum einen die Wirtschaft nicht mit Rahmenbedingungen belasten, die es ihr schwer machen, die für Aufschwung und Wachstum erforderlichen Massnahmen zu ergreifen. Zum anderen hat er die Aufgabe, Bildung, Innovation sowie Forschung zu fördern.» Die steuerliche Förderung von Innovationsinvestitionen könnten für Soiron Teil eines zukunftsweisenden Konjunkturprogramms sein, «das auch der Exportindustrie nützt».

 

 

NACHGEFRAGT


«Was nötig wäre, ist eine Art runder Tisch»

Der dreifache Verwaltungsratspräsident - Holcim, Lonza und Nobel Biocare - Rolf Soiron sagt, wie sich die Schweiz für die Zeit nach der Krise aufstellen soll.

Warum ist sich die Öffentlichkeit nicht bewusst, dass die Schweiz infolge der Krise ein ernsthaftes Wachstumsproblem haben wird?

Rolf Soiron: Die meisten Leute glauben oder hoffen immer noch, dass nach der Krise alles wieder so sein wird wie vorher. Das ist leider nicht so. Der Finanzsektor wird auf lange Sicht nicht mehr so stark sein wie in den vergangenen Jahren, was uns zum Umdenken zwingt.

Wie soll dies geschehen?

Soiron: Es muss ein geistiger Ruck durch das Land gehen, und wir müssen uns endlich bewusst werden, dass besondere Anstrengungen nötig sind, um das Niveau nicht zu verlieren, das wir derzeit noch haben.

Was ist für Sie wichtig?

Soiron: Weil wir uns in der Zukunft nicht mehr alles leisten können, braucht es einen Konsens unter allen Akteuren in der Politik und in der Wirtschaft. Nur wenn wir uns im Rahmen einer nationalen Strategie auf die Prioritäten von der Standort- über die Energie- und Bildungspolitik einigen, werden wir mittel- und langfristig wieder Wachstum generieren.

Einen Konsens aller, wie stellen Sie sich das vor?

Soiron: Ich beziehe ganz bewusst die Sozialpartner in diese nationale Strategie ein. Denn es kommen mit der steigenden Arbeitslosigkeit noch grosse Belastungen auf die Schweiz zu. Extrempositionen auf beiden Seiten könnten die Spannungen nur verschärfen, was wir gerade im jetzigen Moment nicht brauchen können. Was hingegen nötig wäre, ist eine Art runder Tisch.

Wer würde daran teilnehmen?

Soiron: Ich meine damit eher die Haltung, die einen runden Tisch prägt - nüchterne Suche nach realistischen Lösungen und gegenseitige Gesprächsbereitschaft. Beides hat unser Land stark gemacht. Wir müssen diese Eigenschaften weiter pflegen.