Um mit gezieltem Einsatzvon knappen Ressourcen den Wohlstand in der Gesellschaft erhalten und mehren zu können, möchte man in der Wirtschaft die Auf- und Abbewegungen der Konjunktur voraussehen. Nikolai Kondratieff (1892–1938) identifizierte um 1920 langfristige Konjunkturwellen mit einer Dauer von 40 bis 60 Jahren. Die Ursache für diese Wellen sah er im Durchbruch innovativer Technologien wie zum Beispiel der Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrotechnik. Diese Innovationen lösten jeweils neue Wachstumsschübe in der Industriegesellschaft aus. Mit Kondratieffs Suchmuster machten die Wirtschaftswissenschaftler bisher fünf grosse Konjunkturzyklen aus. Die Petrochemie und die Automobiltechnik sorgten für Wachstumsschübe im vierten Konjunkturzyk-lus. Seit den 70er Jahren bereitete die Informationstechnik den Anstieg der fünften Konjunkturwelle vor, die seit den 90er Jahren einen enormen Wirtschaftsaufschwung ermöglichte.

Veränderte Grundbedürfnisse

Von Interesse is, auf welchem Wirtschaftssektor der sechste Kondratieff seine Basisinnovationen entfalten könnte. Jeder Zyklus konnte bisher Grundbedürfnisse der Gesellschaft befriedigen: Im ersten Kondratieff das Bedürfnis nach Bekleidung, im zweiten nach besseren Transportmöglichkeiten, im dritten nach Massenkonsum, im vierten nach individueller Mobilität und im fünften nach effizienter Beschaffung von Information und Kommunikation.
Der Konjunkturforscher Leo A. Nefiodow sieht im sechsten Kondratieff die Befriedigung solcher Grundbedürfnisse der Gesellschaft voraus, die aus fundamentalen Defiziten und Mängeln erwachsen: Neben individuellen Krankheiten und Epidemien, Gewalt, Kriminalität, Drogen, Umweltzerstörung, Energieverschwendung, kriegerischen Auseinandersetzungen, Streiks, Arbeitslosigkeit etc. Diese destruktiven Kräfte verhindern weltweit nicht nur eine gesunde Entwicklung der Menschheit, sondern kosten, wie Berechnungen zeigen, die Weltwirtschaft jährlich 15000 Mrd Dollar. Nefiodow zufolge können diese Kosten am besten durch Investitionen im Gesundheitssektor gesenkt werden.

Corporate Health wird ein Thema

Dabei muss allerdings «Gesundheit» wesentlich weiter gefasst werden als dies normalerweise üblich ist. Sie ist nicht bloss Abwesenheit von Krankheiten, sondern weit mehr: Das körperliche, seelische, soziale, ökologische und geistige Wohlbefinden eines Menschen. Welche Veränderungen in den Produkten und Dienstleistungen können wir also erwarten? Neben der präventiven und kurativen Medizin wird es auch um die psycho-soziale Gesundheit gehen. Wellness wird durch Selfness ergänzt, Messmethoden durch Empathie und ganzheitliche Diagnose, medizinische Aufklärung durch Sinngebung, physiologische Therapie durch seelisch-geistige Heilung. Darüber hinaus zeichnet sich auch der Trend ab, dass die Gesundheit von Unternehmen (corporate health) und anderen Organisationen, ja ganzer Volkswirtschaften zum Thema wird. Unternehmen müssen ihre Beziehungen zu ihren Stakeholdern wie Mitarbeitern, Lieferanten, Natur- und Konsumentenschützern verbessern. Denn der vertrauensvolle und ethische Umgang mit ihnen senkt erheblich die Transaktions-kosten in der Wertschöpfungskette.

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Mathias Schüz, Risikoforscher und Dozent für strategisches und ganzheitliches Werte-Management, ZHW School of Management, Winterthur.