Die Bankspezialisten prüfen die einzelnen europäischen Institute derzeit auf Herz und Nieren. Ein erstes Ergebnis: Zu den Wackelkandidaten des EU-Stresstests gehören etwa die deutsche Postbank oder die Commerzbank, die meisten anderen Banken werden den Test bestehen. Der Grund liegt vor allem darin, dass die Banken nicht auf eine harte Probe gestellt werden dürften. Viele Experten bemängeln bereits, dass es dem Stresstest an der nötigen Härte fehlen wird (siehe Box).

Finma erwägt Publikation

Würden auch UBS und Credit Suisse von den EU-Behörden unter die Lupe genommen, gehörten sie zu denen, die den Test bestehen (siehe Tabelle). Auch in einem Stresstest der Research-Firma Independent Credit View schneiden die Grossbanken im europäischen Vergleich gut ab. Der Teufel steckt jedoch im Detail. Laut den Bankanalysten von JP Morgan haben UBS und Credit Suisse im Vergleich zu anderen internationalen Instituten relativ viel Hybridkapital und können zudem das inländische Kreditgeschäft ausklammern (siehe Text unten).

Stresstest auf Immobilien

Die Finma und die SNB unterziehen die beiden Schweizer Grossbanken regelmässig einem Stresstest. In der Regel werden die Ergebnisse jedoch nicht publiziert. «Wir sind in engem Kontakt mit den EU-Behörden», sagt Finma-Sprecher Alain Bichsel. «Wir überlegen uns derzeit, ob wir ebenfalls über die Stresstests informieren werden.» Eine allfällige Veröffentlichung muss aber mit derjenigen der EU vergleichbar sein, sonst bestehe die Gefahr, «dass Äpfel mit Birnen verglichen werden».

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Die Publikation der Finma wird sich in jedem Fall auf die beiden Grossbanken beschränken, obwohl auch die anderen Schweizer Bankinstitute jeweils getestet werden. Während die Banken im EU-Raum vor allem auf Verluste im Zusammenhang mit der Schuldenkrise in Europa «gestresst» werden, steht bei den Schweizer Kreditinstituten allerdings klar der inländische Immobilienmarkt im Fokus. Kürzlich hat die Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P) die Kantonalbanken einem harten Stresstest unterzogen.

Die Kriterien für Stresstests werden zwar nicht veröffentlicht, «das Ergebnis des Tests zeigt aber, dass die Kantonalbanken selbst sehr hohe unerwartete Kreditverluste mit eigenen Gewinnen auffangen könnten, ohne auf ihre sehr starke Eigenkapitalausstattung zurückgreifen zu müssen», sagt S&P-Analyst Volker Von Krüchten.

Verluste werden aufgefangen

Ein positives Bild zeigt sich auch bei der Raiffeisenbank. «Verglichen mit den Risiken der Banken im EU-Raum sind die Risiken in der Schweiz kleiner», sagt Daniel Rupli, Kreditanalyst bei der Credit Suisse. Die Raiffeisen Bank ist momentan gut kapitalisiert. «Allfällige Risiken liegen vor allem im Schweizer Wohnimmobiliensektor. Die Bank ist hier jedoch breit diversifiziert und weist per Ende 2009 historisch tiefe Ausfallsraten aus.»

Insgesamt sieht die Lage für kleinere Schweizer Kreditinstitute, die vorwiegend im Heimmarkt tätig sind, gut aus. Deshalb drängt sich ein Test weniger auf. «Auch wenn die Kreditausfälle noch deutlich ansteigen sollten, dürften die Institute nicht in schwerwiegende Bedrängnis geraten», sagt Vontobel-Analyst Tobias Brütsch. Die Banken seien in der Lage, allfällige Kreditverluste durch ihre Ertragskraft aufzufangen.

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UBS und Credit Suisse: Kennzahlen verleiten zu trügerischer Sicherheit

Das Zauberwort heisst «Tier-1». Bank-CEO führen diese Kennziffer bei jeder Gelegenheit an, um zu betonen, wie gut kapitalisiert das eigene Institut ist. Der Laie reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, wie sich trotzdem in so kurzer Zeit das gesamte Kapital in Luft auflösen kann.

Einen Hinweis dafür liefert die Kennziffer selbst. Das «Tier-1»-Kapital setzt Aktien und Hybrid-Kapital ins Verhältnis zu den Risikoanlagen. Als Eigenmittel werden also auch hybride Finanzierungsinstrumente - eine Zwischenform von Eigenkapital und Fremdkapital - angerechnet. Auf der anderen Seite stehen Kredite in den Büchern, deren Ausfallwahrscheinlichkeit möglicherweise als zu gering eingeschätzt wird.

Die beiden Grossbanken weisen im internationalen Vergleich eine hohe «Tier-1»-Ratio auf (siehe Tabelle). Wenn man die EU-Kriterien auf die CS und die UBS anwenden würde, lägen beide Institute hinsichtlich der Kapitalisierung aber nicht mehr an der Spitze, sondern nur noch im Mittelfeld. UBS und CS schneiden gut ab, weil sie laut den Analysten von JP Morgan einerseits das Schweizer Kreditbuch als praktisch risikofrei bilanzieren dürfen, andererseits aber auch noch einen hohen Anteil an Hybridkapital haben. Bei der Credit Suisse handle es sich dabei um rund einen Viertel, bei der UBS mache es einen Sechstel des Aktienkapitals in ihren Bilanzen aus.

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Ausserdem erfolgt bei beiden Grossbanken die Berechnung der Preise ihrer Aktiva zu 80% auf Modellen. Die Bank muss in diesem Fall selbst die Risikoeinschätzung vornehmen. Modellannahmen hatten zu Beginn der Finanzkrise vielen Akteuren eine trügerische Sicherheit vermittelt, weil diesen Bilanzposten keine Marktpreise zugrunde lagen. Der Anteil, der auf Modellen basiert, ist bei UBS und CS sehr hoch im Vergleich zur Konkurrenz. So liegt er bei Goldman Sachs und Morgan Stanley lediglich bei einem Drittel. Würden das Hybridkapital und die risikogewichteten Aktiva ausgeklammert, reduzierten sich gemäss den Berechnungen der JP Morgan-Spezialisten die Kapitalquoten der UBS von 16 auf 13,6% und für die Credit Suisse von 15 auf 10,8%. Ein «echter» Stresstest, der von einem «Double-Dip»-Szenario ausgeht, würde diese weiter Richtung 8% verkleinern. Wird dann noch das Schweizer Kreditbuch einbezogen, würde die Kennzahl Richtung 6% fallen. Ab 6% ist laut den Analysten der Deutschen Bank die Grenze, bei der die Aufsichtsbehörden möglicherweise einschreiten könnten. Die Finma wollte sich dazu nicht äussern. (mn)

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