Jean-Paul Clozel ist Kardiologe. Er weiss, wie wichtig Stressabbau ist. Der 61-Jährige entspannt sich beim Fliegenfischen. Oder an seinem liebsten Ort am Sitz von Actelion in Allschwil. Das ist weder sein Chefbüro noch das Sitzungszimmer des Verwaltungsrats. Sondern das Labor. Dorthin zieht sich Clozel zur Entspannung zurück – schliesslich war das Labor seine hauptsächliche Wirkungsstätte, bevor er mit seiner Frau Martine die eigene Firma aus der Taufe hob.

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In jüngster Zeit dürfte Clozel häufiger beim Fischen oder bei seinen Forschern anzutreffen sein. Der Actelion-Chef durchlebt die wohl aufreibendsten Tage seiner Karriere. Auf dem Spiel steht nichts weniger als sein Vermächtnis – ein Roche-Spin-off, das die Clozels in knapp zwanzig Jahren zu Europas grösster Biopharmafirma machten.

Putsch von US-Hedgefonds

Gerüchte um eine mögliche Übernahme begleiten Clozel seit den Anfängen. Bisheriger Höhepunkt: der Putsch des US-Hedgefonds Elliott 2011. Clozel parierte ihn an einer denkwürdigen Generalversammlung überraschend erfolgreich.

Doch jetzt könnte es anders ausgehen. Der amerikanische Gesundheitskonzern Johnson & Johnson (J&J) ist offenbar bereit, fast 27 Milliarden Dollar oder 246 Dollar pro Aktie für Actelion aufzuwerfen. «Das ist zu viel, als dass man es einfach ignorieren kann», sagt ein bedeutender Actelion-Investor. «Bei einem Angebot von mehr als 200 Dollar wird es schwierig, den Alleingang zu rechtfertigen», sagt er weiter. Die Lage für Clozel sei ungemütlich, urteilt er: «Diesmal brennt es wirklich.» Ein anderer Kenner der europäischen Biotech-Szene urteilt ähnlich: «Jede Offerte nördlich von 240 Dollar pro Aktie muss ein Deal sein.»

Kontrolle liegt nicht bei den Clozels

Das Problem für die Clozels: Sie sind Herz und Hirn von Actelion, kontrollieren die Firma aber nicht. Präsident ist der Glaxo-Veteran Jean-Pierre Garnier, ein unabhängiger Kopf, der die Branche auswendig kennt. Er ist allen Aktionären verpflichtet, nicht nur Gründer Clozel. Und dieser ist mit einem Aktienanteil von 5,03 Prozent eben nur einer von vielen.

Was Clozel fehlt, ist ein Ankeraktionär, der ihm blind folgt. Selbst sein langjähriger Unterstützer Rudolf Maag vereint als grösster Aktionär nur 5,07 Prozent der Stimmen auf sich. Das Gros der Valoren liegt bei Investoren, die vor allem eins im Sinn haben: Geld. Davon liegt seitens J&J bereits viel auf dem Tisch. Und es dürfte in den nächsten Tagen und Wochen noch mehr werden.

Bieterkampf plausibel

Auf Investorenseite hält man es für plausibel, dass es zu einem Bieterrennen kommt. Die Liste der genannten Interessenten liest sich wie ein Who is Who der Big Pharma: J&J, Sanofi, Roche, Novartis. Wobei sich letztere bereits aus dem Spiel genommen hat.

In einem Interview mit dem «Sonntagsblick» machte Chef Joe Jimenez klar, dass er nur Arrondierungsdeals im Wert von 2 bis 5 Milliarden wolle. Er und seine Männer haben zudem genug zu tun: Verkauf der Roche-Anteile, Performance-Mängel bei Alcon, Dauerumbau im Konzern.

Keine Annäherung mit J&J

J&J bleibt eine Option, obwohl erste Verhandlungsrunden offenbar keine Annäherung gebracht haben. «Man hat sich offensichtlich nicht gefunden», urteilt ein Kenner der Spielregeln im M&A-Geschäft, «sonst hätte J&J die zunächst sicher exklusiven Gespräche nicht geleakt.» Der Sinn der Enthüllung sei klar: «Es soll Druck im Kessel bleiben.»

Actelion habe den Wink verstanden, so die Quelle: «Unmittelbar nach dem Leak hat Clozel via «Financial Times» seine Vorstellungen eines Deals publiziert – quasi zur Info von J&J und anderen.» Demnach wäre Clozel einverstanden mit einer Lösung, die Actelion zwar in neue Hände gibt, der Firma und ihren rund 800 Forschern aber viel Freiheit und Spielraum lässt. Schliesslich geht es ja um sein Vermächtnis.

Laissez-Faire-Politik von J&J

Darauf könnte sich J&J durchaus einlassen. Die Amerikaner sind bekannt dafür, aufgekaufte Firmen an der langen Leine zu lassen. Die von Jungunternehmer Julian Bertschinger abgekaufte Covagen im zürcherischen Schlieren etwa funktioniert trotz Übernahme weitgehend autonom.

«Wir belassen die Verantwortung so weit wie möglich bei denjenigen, die sich auf ein bestimmtes Thema spezialisiert haben», sagte J&J-Forschungschef Paul Stoffels im Juni in einem Interview mit der «Handelszeitung». Gleichzeitig ist der bisherige Track Record von J&J bei Schweizer Deals nicht ohne Makel. Die Übernahme der Schaffhauser Cilag war ein Erfolg, doch beim Medizinaltechnikunternehmen Synthes wurde der Aufwand tüchtig unterschätzt.

Clozels Forscher bleiben frei

Viel Freiheit dürften Clozels Forscher auch unter dem Dach von Roche geniessen. Zwar lässt das Unternehmen ausrichten, dass man sich nicht zu Spekulationen äussere. Aber: «Ich bin mir sicher, dass sich das Roche das sehr genau anschauen wird», sagt der Actelion-Investor. Sicher ist: Roche verfügt über die für eine Transaktion dieser Grössenordnung erforderlichen Managementkapazitäten.

Die Truppe von Roche-Chef Severin Schwan hat zurzeit keine grösseren Baustellen offen. Zudem gilt die Übernahme von Genentech in der Branche als Musterbeispiel für eine gelungene Integration. Üblicherweise kauft Roche jedoch keine Blockbuster, sondern sichert sich vielversprechende Moleküle. Zudem sind die Basler ein Onkologie- und Diagnostik-Powerhouse. Actelion dagegen ist eine Boutique für seltene Krankheiten. «Das will nicht recht passen», sagt einer, der in beide Firmen Einblick hatte.

Guter Fit mit Sanofi

Bleibt Sanofi. Und das würde Sinn ergeben – nicht nur wegen der kulturellen Nähe. Clozel und sein Präsident Garnier stammen aus Frankreich, wie das Pariser Vorzeigeunternehmen. Zudem hat Sanofi nach der Übernahme der US-Biotechfirma Genzyme gezeigt, dass nicht jede französische Firma dem Zentralismus huldigt. «Sanofi hat in Boston das Logo ergänzt, sonst aber nichts verändert», sagt ein Kenner.

Ein weiteres Plus wäre, dass Genzyme wie Actelion ein Unternehmen für seltene Krankheiten ist. Sanofi kennt die Eigenheiten dieses boomenden, aber speziellen Marktes also bereits. Schliesslich hat sich Sanofi schon als Interessentin ins Spiel gebracht und dem Vernehmen nach auch bereits Berater engagiert. Offenkundig will man in Paris etwas reissen.