Rail Cargo Austria, der Güterverkehrsbereich der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), treibt ihre «freundliche Expansion» gezielt voran und hat zu Beginn dieses Jahres in Ungarn gross eingekauft. 102 Mrd Forint oder 404 Mio Euro ist Rail Cargo Austria (RCA) der Kauf der Gütersparte der Ungarischen Staatsbahnen MAV wert. Die ÖBB wollen nicht von einem Grossen «gefressen» werden, sondern wollen selbst gross sein. Was mit dem Deal zweifellos gelungen ist. Die ÖBB sind mit der Übernahme der MAV Cargo nach der Deutschen Bahn (DB) und der Französischen Bahn (SNCF) auf Platz drei der führenden Player in Europa avanciert.

Die Bahn verfügt in Österreich über einen Marktanteil von 38% und ist damit im Vergleich zu Deutschland (17,4%) deutlich besser unterwegs. Da steht Ungarn mit 24% noch besser da als Deutschland, und die DB ist auf Tonnenbasis gerechnet nur viermal so gross wie Rail Cargo Austria. Wertschöpfung zusammenführen, Produktion optimieren und internationalisieren sowie bestehende Systemgrenzen überwinden – das ist das deklarierte Ziel bei RCA, Konzentration auf Kernkompetenz und Kernmärkte und Wachstum bei Menge, Umsatz und Wertschöpfungsanteilen die weiteren Ziele. Die Autoindustrie macht es vor: Am globalen Markt überleben nur wenige, die viele Marken im Portfolio haben. Trotzdem können regionale Akteure wie beispielsweise der österreichische Autohersteller Magna selbstständig bleiben, weil sie nicht als Konkurrent, sondern als Partner auftreten. Dieses Vorbild hat RCA vor Augen.

Nummer eins werden

Bis 2010 will RCA die Nummer eins in Südosteuropa sein. In den vergangenen Jahren wurde ein engmaschiges Netz in den östlichen Ländern aufgezogen, das heute mehr als 80 Firmen und Beteiligungen ausmacht und RCA pro Jahr einen Umsatz von mehr als 1 Mrd Euro in die Kasse bringt. Dazu kommt noch 1 weitere Mrd Euro, die mit dem reinen Gütertransport verdient wird.

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Alle Beteiligungen und Firmen sind in der Speditionsholding zusammengefasst, die Teil der RCA ist. «Die Kunden werden die Folgen des MAV-Deals schon bald im Positiven zu spüren bekommen», verspricht ÖBB-Holding-Vorstand Gustav Poschalko. Mit dem Kauf der MAV Cargo «sind wir unserem strategischen Ziel, die grösste Bahn in Mittelsüdosteuropa zu werden, näher gekommen», freut sich auch ÖBB-Holding-Chef Martin Huber. Im Januar wurden in Budapest die Unterschriften unter den Kaufvertrag gesetzt, und schon bald werden die Cargo-Kunden von RCA und MAV Cargo einen neuen Wind spüren. Sie werden das bei der Waggongestellung, aber auch bei den Preisen merken. Poschalko: «Wir können den Kunden einen durchgehend stabilen Preis anbieten und sind in der Wagendisposition deutlich flexibler als bisher.» Bislang war RCA im Ostgeschäft von einer slowakischen oder ungarischen Bahn abhängig.

Höhere Zuverlässigkeit

Jetzt hat RCA zwischen der schweizerischen und ukrainischen Grenze freie Fahrt und die Produktionshoheit über diese doch nicht so kurze Strecke. Für Huber ist klar: «Mit dem Kauf steigt unsere Zuverlässigkeit.» Beispielsweise dann, wenn es darum geht, künftig die 50 wöchentlichen Züge zwischen dem Wiener Verschiebebahnhof Kledering und Budapest mit durchgehender Traktion zu führen und die Grenzabfertigung noch rascher über die Bühne geht.

Selber Waggons bauen

Mit dem Kauf übernimmt RCA nicht nur sämtliche cargo-affine Tochtergesellschaften, sondern auch gleich eine Waggonfabrik in Miskolc im Osten von Ungarn. Dort werden derzeit jährlich an die 300 Güterwagen produziert. Zu deutlich günstigeren Kosten als in Westeuropa. Bei RCA kann man sich gut vorstellen, die Produktion auf 1000 Wagen pro Jahr hochzufahren und damit auch als Wagenproduzent in Europa Profil zu entwickeln. Gleichzeitig werden die dortigen Ressourcen für die Revision der eigenen Wagenflotte genutzt. RCA bekommt von MAV-Cargo 13000 Güterwagen, von denen sich 9000 in einem guten Zustand befinden und nach einer Revision für den internationalen Einsatz tauglich sind.

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Im Kaufvertrag ist festgeschrieben, dass RCA in den nächsten drei Jahren ein Infrastrukturbenutzungsentgelt von 1.60 Euro pro Kilometer auf dem ungarischen Streckennetz bezahlen wird. In Österreich liegt dieses derzeit bei 3.30 Euro pro km. In der Slowakei sogar bei 8.00 Euro pro km. Huber und Poschalko sind sich einig darüber, dass nach dem Scheitern des Kaufs der slowakischen Eisenbahn, der ungarische Deal die bessere Entscheidung war. Was die MAV-Tochtergesellschaften betrifft, so werden diese nicht in die RCA-Speditionsholding integriert, sondern agieren weiterhin eigenständig. RCA verfügt durch die Speditionsholding über rund 60 Beteiligungen in Osteuropa und hat in den vergangenen Jahren ein engmaschiges Netz aufgezogen. In dieses passt MAV Cargo jetzt genau hinein.

Der Logistikmarkt in Europa wächst stärker als die Gesamtwirtschaft. Die grossen Chancen sieht RCA im Ausbau der Verkehre entlang der Donauachse sowie auf der Achse in die Ukraine. Die riesige Waggonumspuranlage in Zahony an der ukrainischen Grenze gehört jetzt RCA. Die Anlage ist in die Jahre gekommen; RCA kann sich gut vorstellen, dort zu investieren. Poschalko: «Das hängt auch davon ab, wie wir mit Kunden langfristige Partnerschaften aufziehen können.» MAV Cargo beförderte 2007 rund 46 Mio Gütertonnen und erwirtschaftete mit 3170 Mitarbeitenden einen Jahresüberschuss von 2,8 Mrd Forint (10,9 Mio Euro). Vom Volumen entfallen rund 25% auf den Kombiverkehr und 75% auf den Wagenladungsverkehr.

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