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GfM-Marketingpreis 2012: Das nächste Leben

Freitag-Tasche: 1993 nähten Daniel und Markus Freitag erstmals Taschen aus gebrauchten Lastwagenplane

Freitag erhält dieses Jahr die Auszeichnung der Gesellschaft für ­Marketing – unter anderem für den exzellenten Einsatz moderner Tools wie Social Media.

Von susanne wagner
am 31.10.2012

Der Blick von der Wohnung auf die Zürcher Hardbrücke mit all den ­vorbeidonnernden Lastwagen war der Anfang. Daniel und Markus Freitag stachen die farbigen Planen der LkW ins Auge. Die jungen Grafikdesigner kamen auf die Idee, dass ein Material, das jahrelang die Ladungen auf Fahrzeugen schützt, auch ihre Entwürfe vor dem Regen bewah­ren könnte.

Sie besorgten sich eine ausrangierte Lastwagenplane, schneiderten und nähten sich robuste Taschen für den Eigengebrauch. Diese gefielen den Freunden und den Freunden der Freunde so gut, dass man grössere Serien zu produzieren begann und 1993 eine Firma gründete. Der Rest ist bekannt: Das Design war ein Wurf – und die Taschen fanden schnell Käufer bei der urbanen, jungen Bevölkerung.

Ob romantische Firmenhistorie oder urbane Legende – die Geschichte passt hervorragend in die Marketingstrategie, die ganz ohne klassische Werbemassnahmen wie Anzeigen, Plakate oder TV-Spots auskommt. «Unsere Produkte müssen so für sich selbst sprechen, dass man als Journalist darüber schreiben will, ohne dass wir Werbekampagnen machen», sagt Brand Manager Pascal Dulex.

Bisher hat diese Methode bestens ­funktioniert. Bereits in den 1990er-Jahren ­wurden die Taschen aus Lastwagenplanen, Fahrradschläuchen und ausrangierten Autogurten zu Kultobjekten. 2003 wurde das Urmodell F13 Top Cat in die Designsammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen. 2012 widmete das Zürcher Museum für Gestaltung dem ­Unternehmen Freitag eine ganze eigene Ausstellung.

Der Kreislauf vom Radfahren

«Unsere Tasche ist selbst ein Teil des Marketings», erklärt Monika Walser, die vor zwei Jahren die Geschäftsführung übernommen hat. Die Gründerbrüder Markus und Daniel Freitag haben ­ihren Platz im eigenen Betrieb als Kreativchefs gefunden. «Wir hätten uns vor 19 Jahren nicht vorstellen können, dass sich unsere Tasche eines Tages so verbreiten würde und die Firma bis nach Asien expandiert», sagt Markus Freitag. Von ihm und seinem Bruder Daniel Freitag stammt der Satz, der als Firmenphilosophie die Marke bis heute prägt: «Wir glauben an das nächste Leben von Dingen und denken und handeln in Kreisläufen.» (We believe in the next life of things. We think in cycles and act in cyles – and cycle.)

Die Bedeutungen Kreislauf (cycle) und Rad fahren (to cycle) des Begriffs «cycles» drücken elegant aus, welche Themen den Firmengründern bereits zu Startup-Zeiten am meisten Herzen lagen. Aus gebrauchten Materialien etwas Neues schaffen – und Rad fahren. Alle Taschen der Marke Freitag sind so gestaltet, dass man damit auf dem Velo seine Sachen trocken von A nach B transportieren kann.

Das Prinzip des zweiten Lebens von Dingen zieht sich wie ein roter Faden durch den Geschäftsalltag. Nicht nur die Produkte bestehen aus rezyklierten Materialien. Freitag ist Ökologie und Nach­haltigkeit auch in der Produktion und im Geschäftsalltag wichtig. Zum Reinigen der Lastwagenplanen verwendet man auf­gefangenes Regenwasser. Das Fabrikge­bäude ist gut isoliert, nachhaltig gebaut und mit der Wärme aus einer­ Abfallverbrennungsanlage geheizt. Nicht zuletzt ist es möglich, die fast unverwüstlichen Taschen, falls sie trotzdem einmal kaputtgehen, in einem Freitag-­Laden zurückzugeben, wo man die Materialien trennt und fachgerecht entsorgt.

Bei den Taschen allein ist es nicht ­geblieben. Inzwischen ist die Produkt­palette um Accessoires wie Porte­monnaies, Necessaires oder Notizbücher erweitert worden. Besonders begehrt sind Last­wagenplanen in seltenen Farben, etwa in Schwarz. Bis heute ist jede Tasche ein ­Unikat, denn die Auswahl des Ausschnitts der gebrauchten Materialien bestimmt das Design. Genäht werden die Produkte im näheren Ausland, etwa in Frankreich oder Portugal, und in zwei kleineren ­Nähereien in der Schweiz.

Da Lastwagenplanen ein europäisches Phänomen sind, sind bei Freitag drei Einkäufer dafür zuständig, in ganz Europa den passenden Rohstoff zu erwerben. In Asien oder den USA hingegen sind Lastwagenplanen so gut wie unbekannt. Dafür erobern sie diese Kontinente nun in Form von Freitag-Produkten.

Zürcher Wurzeln treu bleiben

Seit einem Jahr gibt es einen Freitag-Store in Tokio (Japan) – es ist der neunte seiner Art, aber auch in Metropolen wie Bangkok (Thailand) kommen die urbanen ­Accessoires gut an. Wie in der Schweiz und anderen Ländern werden in Asien die Kunden und Fans der Marke mit Hilfe von Sozialen Medien, etwa Facebook, informiert und unterhalten – stets mit Hilfe von Mitarbeitern vor Ort. Sie ­verstehen die ­jeweilige Sprache und die kulturellen Eigen­heiten der Region.

Das Hauptquartier von Freitag bleibt hingegen in Zürich. Während die Produktion und die Büros vergangenes Jahr nach Oerlikon gezogen sind, steht das Herzstück des Imperiums, der Flagship-Store, immer noch nahe an der Geburtsstätte des Unternehmens. Der Freitag-Turm ­neben dem Bahnhof Hardbrücke ist zwar nicht so hoch wie der in Sichtweite stehende Prime Tower, das höchste Gebäude der Schweiz. Aber er hat mehrere Architekturpreise gewonnen und ist eines der meistfotografierten Gebäude von Zürich, weil er aus ausgedienten, aufeinander­gestapelten Schiffscontainern gebaut ist und damit der Philosophie der Freitag-Brüder perfekt entspricht.

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