Wie ein Öko-Fundi sieht er nun nicht gerade aus. Frédéric Mauch holt Besucher mit seinem schwarzen Mini-Cooper am Bahnhof des Genfer Vororts Gland (liegt zwar direkt am Lac Léman, gehört aber noch zum Kanton Waadt) ab. Er ist modisch gekleidet und hat ein Handy am Ohr.

Sein Credo in Bezug auf Nachhaltigkeit und Ökologie lautet offenbar: Nicht dröge Abstinenz, sondern mit Köpfchen. Auf Lifestyle muss nicht verzichten, wer umweltbewusst lebt. «Es ist ungeheuer befriedigend», erklärt der Jungunternehmer eineinhalb Stunden später zum Abschied, «mit einem Produkt zu arbeiten, auf das man stolz sein kann.»

Zumindest an einem Punkt in seiner Karriere im Marketing von Auto- und Mode-Unternehmen dürfte Mauch dieser Stolz gefehlt haben. Dann nämlich, als er zu verstehen begann, was für eine gigantische ökologische Verschwendung die wegwerfbaren Accessoires darstellten, die seine damaligen Arbeitgeber entwickelten. Diese - gemeinsam mit den meisten hierzulande verwendeten Verpackungsmaterialien - landen nach dem einmaligen Gebrauch im Kehricht.

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Dabei handelt es sich um Produkte aus Polyethylen, einem zwar extrem vielseitigen Stoff, einem aber auch, der aus Erdöl gewonnen wird. «Dieser Rohstoff ist zu wertvoll, um in Rauch aufzugehen», sagte sich Mauch und suchte nach ökologisch vertretbaren Alternativen. Er fand sie im Bio-Kunststoff.

Ohne Rückstände abbaubar

«Alles ist ein bisschen bio», relativiert er. Heute würden unzählige Bio-Kunststoffmaterialien als Ersatz für Erdölplastik angeboten, nicht alle seien aber biologisch abbaubar, frei von Schadstoffen und CO2-neutral. Bei einigen würden bei der Produktion bedenkliche Inhalte wie etwa Kobalt verwendet, bei anderen könne bei der Zersetzung Schwermetallstaub anfallen.

Für Mauchs Produkte, die allesamt der strengen europäischen Umweltnorm EN 13432 entsprechen, kommen nur Werkstoffe in Frage, die vollständig und ohne Rückstände abgebaut werden. Ein herkömmlicher Abfallsack aus Kunststoff braucht 400 Jahre, um vollständig zu zerfallen. Im Kontrast dazu löst sich das BioApply-Produkt in 40 Tagen vollständig auf. Seine Resistenz kann sich aber in jeder Hinsicht mit der eines herkömmlichen Sackes messen.

Bislang setzt Mauch auf Materialien, die aus Mais oder Weizen hergestellt werden. Kritikern von Bio-Kunststoffen ist genau dies ein Dorn im Auge, handelt es sich doch um essbare Pflanzen. Wenn weite Teile der Weltbevölkerung Hunger litten, hätten Nahrungsmittel ausschliesslich dem Essen zu dienen, argumentieren sie.

Frédéric Mauch betont, er wolle die Diskussion möglichst sachlich halten. Eine Euphorie über biologisch abbaubare Kunststoffe, die - analog zu den Bio-Treibstoffen - nach kurzer Zeit in deren Verteufelung umschla- ge, diene der Sache nicht. Man müsse jedoch sehen, dass die benötigte Anbaufläche für die nachwachsenden Bio-Kunststoffe vergleichsweise klein sei. Zudem werde intensiv an Pflanzen geforscht, die von Mensch und Tier nicht als Nahrungsmittel genutzt werden.

Natürlich wäre ein kompletter Verzicht auf Wegwerf-Verpackungsmaterial bei weitem die beste Lösung des Problems, räumt der Jungunternehmer ein. Gerade deshalb wolle BioApply einen Schritt weitergehen und nicht bloss Erdölplastik durch biologisches Plastik ersetzen: «Unser Ziel ist, die bestehenden Technologien und Produkte zu verbessern.»

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Nicht zuletzt deshalb arbeite BioApply gemeinsam mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa an der Weiterentwicklung bestehender Produkte.

Die Öko-Bilanz von mehrmals verwendbaren Tragtaschen, die am Ende ihrer Lebenszyklen kompostiert werden können, überzeugt auf jeden Fall: «Zur Herstellung benötigen sie 10% weniger Wasser und 40% weniger Energie als herkömmliche Plastiksäcke, ausserdem setzen sie 10% weniger Treibhausgase frei», führt Mauch aus.

Öko-Badelatschen für Hotels

Das Einsatzgebiet der Bio-Kunststoffe beschränkt sich nicht auf Abfallsäcke und Tragtaschen. BioApply bietet ebenso Einweggeschirr daraus an, prüft den Einsatz von Windelfolien und ist daneben daran, kompostierbare Flip-Flops zu entwickeln, die in Hotels statt der herkömmlichen Baumwoll-Badelatschen abgegeben werden könnten.

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Mauch blickt gelassen in die Zukunft. Seit der Gründung hat er sich intensiv mit dem Markt der Bio-Kunststoffe auseinandergesetzt, ein Netzwerk aus Produzenten und Kunden aufgebaut und einen Internet-Shop eingerichtet. 80% der Standardprodukte von BioApply verkaufen sich bereits über diesen.

Umsatzsprung in diesem Jahr

Grundsätzlich spielt dem Start-up die zunehmende Erdölknappheit in die Hände. Mit einem Anstieg der Produktion von Bio-Kunststoffen ist auf jeden Fall zu rechnen. Der Branchenverband European Bioplastics schätzt, dass die Produktionskapazität in den kommenden zwei Jahren von rund 300000 auf 1500000 t steigen wird. Experten gehen davon aus, dass Bio-Kunststoffe ab einem Preis von 100 Dollar pro Barrel Öl besser abschneiden als Erdölplastik.

Mauchs Kunden - unter ihnen bekannte Namen wie Switcher oder Alinghi - bieten die kompostierbaren Tüten auch aus Imagegründen an. Die Botschaft «Wir kümmern uns um die Umwelt» kommt bei den Konsumenten so gut an, dass diese 1 Fr. pro Tragtasche bezahlen. Mauch hat allen Grund zur guten Laune: «Den Umsatz von 2008 haben wir bereits im 1. Quartal 2009 übertroffen.»

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