Ein Kaiser-Wilhelm-Turm, eine mittelalterliche Befestigungsanlage, 20'000 Einwohner: Das niedersächsische Holzminden gehört mit Sicherheit nicht zu den globalen Destinationen, ohne die man schlecht leben kann.

Im 850 Kilometer entfernten Genf aber, in den Chefetagen der beiden Schweizer Duft- und Aroma-Champions Givaudan und Firmenich, dürfte der Name der Kleinstadt im Wesbergerland nur allzu geläufig sein. Schliesslich beherbergt der Ort einen zwar jungen, aber umso erfolgreicheren neuen Konkurrenten: Symrise. Das Unternehmen, das 2003 aus dem Zusammenschluss zweier mittelständischer Traditionsfirmen entstand, hat sich in wenigen Jahren zu einem global tätigen Duft- und Aromahersteller mit einem Umsatz von mehr als 3 Milliarden Euro entwickelt.

Der Aufstieg von Symrise zeigt: Das Geschäft wird härter für den Weltmarktführer Givaudan und den Konzern der Familie Firmenich, deren Vermögen die «Bilanz» mit 7,5 Milliarden Franken beziffert. Die Welt der Zulieferer von Konsumgütergiganten wie Unilever und Procter & Gamble und Kosmetikkonzernen wie L’Oréal oder Nivea-Hersteller Beiersdorf ist im Umbruch. Newcomer wie Symrise surfen erfolgreich auf der «Natur ist gut»-Welle. Zudem konsolidiert sich die Industrie im Monatstakt.

Vorläufiger Höhepunkt: die 26,2 Milliarden Dollar teure Übernahme von Teilen des US-Konzerns Dupont durch die International Flavors & Fragrances (IFF). Ein Paukenschlag.

Der Wind wird rauer

Lange führte kaum ein Weg vorbei an den beiden Genfer Konzernen. Wer einen Duftstoff oder ein Aroma brauchte, der schaute sich bei Givaudan um, der Nummer eins aus dem Vorort Vernier, oder an Firmenich, ihren vornehmen Follower.

Doch nun wird der Wind rauer. IFF macht schon länger Jagd auf den Spitzenplatz von Givaudan. Vor einem Jahr schluckten die New Yorker für 7,1 Milliarden Dollar den israelischen Aromahersteller Frutarom Industries. Nun verleibt sich der Konzern das Spezialitätenunternehmen Dupont ein. Das Target Dupont ist das Resultat eines der abenteuerlichsten Manöver der vergangenen Jahre: des Zusammenschlusses der alten Dupont mit Dow Chemicals 2017 und der anschliessenden Zerlegung des dabei entstandenen Chemiekolosses DowDupont.

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Gewiss, an den Kräfteverhältnissen an der Weltspitze ändert sich damit vorerst nichts. Dupont, ein Chemiekonzern mit Nahrungsmittelzusätzen und Pharmaprodukten, bringt bei Duft und Aroma keine zusätzlichen Assets in die Verbindung ein. Das Geschäft mit den Flavors und Fragrances des neuen Giganten der Zulieferindustrie ist im Wesentlichen dasjenige der alten IFF – und das liegt mit prognostizierten 5 Milliarden Dollar für 2019 noch immer deutlich unter der Marke von 6,3 Milliarden Franken, die Givaudan gemäss Analysten dieses Jahr anpeilen wird.

Aber die Bedeutung der Übernahme geht tiefer. Der Zusammenschluss steht für einen Trend, den die Industrie schon länger umtreibt: weg vom einzelnen Produkt, hin zu einem All-inclusive-Angebot mit Aromen, Kulturen wie Hefe, Nahrungsmittelzusätzen und Probiotics.

Der Hintergrund: Die Newcomer der Nahrungsmittelindustrie haben zwar oft ganz wunderbare Ideen, welche Produkte sie entwickeln wollen; sie haben aber in aller Regel, anders als das Industrie-Establishment in Vevey oder Paris, keine eigene Infrastruktur, um ein Produkt zu entwickeln. Das heisst: Wer als Aromaoder Dufthersteller mit den neuen Spielern der Nahrungsmittelindustrie ins Geschäft kommen will, der muss deshalb schon mehr im Köcher haben als nur Produkte. Der Zusammenschluss in den USA könnte hier neue Massstäbe setzen.

Mit Zwiebeln an die Spitze

Auch mit Symrise wird weiter zu rechnen sein; der Aufsteiger mit dem poetischen Namen aus dem niedersächsischen Hinterland ist in den vergangenen Jahren konsequent über dem Markt gewachsen. 2018 schaffte er ein organisches Wachstum um 9 Prozent, bei einem Industriedurchschnitt von 4 Prozent.

Heinz-Jürgen Bertram, Symrise-Vorstandsvorsitzender seit zehn Jahren, setzt auf Boommärkte wie Tierfutter und Probiotik. Zudem lässt der «King of Onion», wie ihn die Analysten bisweilen nennen, in Deutschland und Frankreich auf einer Fläche von 400 Hektaren verschiedenste Zwiebelsorten anbauen, wie das «Handelsblatt» berichtet. Der Clou dabei: Die Zwiebel ist ein natürlicher und damit deklarationsfreier Geschmacksverstärker und bedient so einen Megatrend in der Nahrungsmittelindustrie: hin zu weniger Chemie.

Die beiden Schweizer Champions sind gut aufgestellt. Givaudan hat in den vergangenen Jahren nicht weniger als 15 Übernahmen getätigt. Kulturen, Probiotics und anderes mehr, das die Herzen der Nahrungsmittelindustrie höher schlagen lässt, führen CEO Gilles Andrier und seine Leute bis jetzt noch nicht im Angebot. Doch auch das könnte sich ändern. «Das ist eine Entwicklung, die wir im Auge behalten», sagt Givaudan-Sprecher Peter Wullschleger.

Dupont-Verwaltungsratspräsident Ed Breen sagte, es habe «drei hochmotivierte Bieter» gegeben. Gemäss Informationen der «Handelszeitung» soll sich auch Givaudan für Dupont interessiert, aber Abstand genommen haben, als klar war, dass das Unternehmen nur «en bloc» zu haben war.