Die international tätige Agility Group gehört mit einem Umsatz von 6,2 Mrd Dollar und mehr als 32000 Mitarbeitenden zu den weltweit führenden Logistikdienstleistern. In Europa ist die Gruppe eher wenig bekannt. Wem gehört das Unternehmen?Und wer ist der Hauptaktionär?

Beat Simon: Die Agility-Gruppe ist an den Börsen von Kuwait und Dubai kotiert und im Besitz von rund 15000 Aktionären. Darunter befinden sich zwei massgebliche Aktionäre: Die National Real Estate Company, eine private Gesellschaft, welche 22,7% am Kapital hält. Weitere 15% des Kapitals sind im Besitz der Public Institution for Social Security, dem Pensionsfonds von Kuwait. Zwei Aktionäre also, welche eine langfristig orientierte Anlagepolitik betreiben.

Welche Unternehmensbereiche gehören zur Gruppe?

Simon: Die Agility-Gruppe umfasst drei verschiedene Unternehmensbereiche: Zum einen Global Integrated Logistics (GIL) mit einem Umsatzvolumen von 3,9 Mrd Dollar und rund 20000 Mitarbeitenden. Im Weiteren Defense & Government Services (DGS) mit 9300 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,2 Mrd Dollar sowie den Bereich Investments.

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Was muss man sich unter dem Bereich Investments vorstellen?

Simon: Dieser umfasst Beteiligungen in Branchen, die nicht unbedingt direkt mit Logistik in Verbindung stehen. So hat sich Agility im Telekombereich engagiert und ist unter anderem an der Iraqi Telephone Company sowie einer Telecomgesellschaft in Kenia beteiligt.

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt acht Transport- und Logistikunternehmen von Agility übernommen, darunter auch die Schweizer Natural/Cronat Holding. Welche Ziele verfolgte Agility mit diesen Akquisitionen?

Simon: Unsere Gruppe verfolgt eine nachhaltige Wachstumsstrategie. Innerhalb des Konzerns befassen sich spezielle M&A-Teams mit dem Erwerb von Unternehmen. Dabei wird zuerst abgeklärt, ob das zu übernehmende Unternehmen in die Unternehmensphilosophie von Agility passt. Es werden nur Firmen übernommen, die dazu beitragen, das Angebotsportfolio von Agility zu erweitern oder zu vertiefen und die sich von ihrer Kultur her in unsere Philosophie des Personal Service einfügen. Ein Beispiel ist die erwähnte Übernahme der Natural-Gruppe. Mit dieser Akquisition konnte Agility seine Position im Schweizer Markt auf einen Schlag deutlich ausbauen, verfügten wir doch davor nur über eine sehr kleine Organisation in der Schweiz. Dank dieser Akquisition können wir unserer Schweizer Kundschaft deutlich umfassendere Dienstleistungen anbieten, als dies bis anhin der Fall war. Dazu kommt, dass wir mit diesen Übernahmen unser weltweites Netzwerk weiter ausbauen und verdichten konnten.

Sie selber leiten als CEO Agility Europe. Wie gross ist dieses Unternehmen?

Simon: Agility Europe erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,7 Mrd Dollar und beschäftigte circa 3000 Mitarbeitende an mehr als 160 Standorten in momentan 19 Ländern.

Konkurrenten wie beispielsweise Panalpina erwerben keine teuren Infrastrukturen oder Fuhrparks, verfolgen also das «asset-light»-Geschäftsmodell. Welche Philosophie verfolgt Agility in dieser Beziehung?

Simon: Agility verfolgt eine sogenannte Asset-Appropriate-Philosophie, also eine situativ angepasste Investitionsstrategie. Ein Beispiel: In Entwicklungsländern besteht noch enormer Investitionsbedarf im Logistikbereich. Wir sind im Sinne einer langfristigen Zusammenarbeit gewillt, dort durch eigene Investitionen kundenspezifische Anforderungen an die Infrastruktur, also sowohl an die Lager- wie auch Distributionslogistik und den Fuhrpark, zu erfüllen. In Indien und China beispielsweise tätigen wir derzeit erhebliche Investitionen in Logistikeinrichtungen, um unseren Kunden Wettbewerbsvorteile in ihren jeweiligen Geschäftsfeldern zu verschaffen ? wovon wir letztlich auch profitieren. Im Klartext: Wächst unser Kunde schneller als sein Umfeld, machen wir dies auch. Wo aber eine den Kundenwünschen entsprechende Logistikinfrastruktur bereits existiert, werden wir eher keine eigenen Investitionen tätigen.

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Die Margen im Supply Chain Management beziehungsweise in der Kontraktlogistik sind derzeit sehr bescheiden und bewegen sich bei den Konkurrenten zwischen 1 und 3%. Wie sieht das bei Agility aus?

Simon: In einigen Bereichen liegt unsere Marge höher, beispielsweise im Bereich Defense & Government Services. Hier ist einerseits das Risiko höher, aber damit verbunden auch unsere Marge. Der Logistikmarkt ist hart umkämpft, wir verfolgen jedoch das Ziel, dem Kunden eine ganze Reihe von zusätzlichen Dienstleistungen anzubieten, also value added services. Je besser uns dies gelingt, desto höher ist auch unsere Marge.

Defense & Government Services sind eine Spezialität der Agility-Gruppe. Was muss man sich darunter konkret vorstellen?

Simon: Wir bieten unseren Partnern im Verteidigungs- und Regierungsbereich sowie in UNO-Institutionen umfassende spezifische Logistikleistungen an. Beispielsweise sind wir für die Verpflegungs-versorgung der US-Armee im Irak verantwortlich. Wir arbeiten nicht nur mit Regierungen, sondern auch mit zahlreichen Hilfswerken zusammen, um eine möglichst rasche Versorgung dieser Organisationen mit oft dringend benötigten Hilfsgütern zu gewährleisten.

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Agility bietet Logistikdienstleistungen für verschiedene Schlüsselindustrien an. Bleibt es bei diesen Branchen, oder erwägt man, weitere Branchen zu betreuen?

Simon: Wir betreuen eine ganze Reihe wichtiger Kunden in unseren Hauptsegmenten, wie Chemicals, Oil & Gas, Automotive, Hightech oder Detailhandel. Mit unserer universellen Informatik und unserem umfassenden Portfolio an Logistiklösungen können wir die verschiedensten Branchen mit spezifischen Services bedienen. Die Branchen differenzieren sich stark in den Lebenszyklen der Produkte oder den spezifischen Anforderungen der Kunden an die Logistik. Unsere Spezialisten haben das Know-how, für jede Schwerpunktbranche kundenspezifische Logistiklösungen zu realisieren.

Welchen Einfluss hat die sogenannte Globalisierung auf die Dienstleistungspalette international tätiger Speditions- und Logistikkonzerne?

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Simon: Für die Logistikdienstleister ist die Globalisierung schon seit vielen Jahren Realität. Wir sind seit Jahren damit beschäftigt, unseren Kunden weltweit anspruchsvolle Logistikdienstleistungen anzubieten. Die Zunahme des Welthandels sowie die Verschiebung von Produktionskapazitäten in Richtung Osteuropa oder Asien erfordern von den Logistikern eine hohe Flexibilität. Im Rahmen dieser Entwicklung stehen wir vor der Herausforderung, unseren Kunden in deren Wachstumsmärkte zu folgen. Unsere Kunden erwarten von uns eine ständige Bereitstellung und Optimierung unserer Dienstleistungen ? sowohl global wie auch vor Ort.

In welchen Regionen der Welt bestehen aus der Sicht von Agility noch Expansionsmöglichkeiten im Bereich Supply Chain Management?

Simon: Agility investiert derzeit hohe Summen in seine Infrastruktur in Indien und in China. Zudem sind wir derzeit daran, unsere Präsenz in Osteuropa und Russland zu verstärken. Wir haben kürzlich neue Niederlassungen in Slowenien, in Ungarn und in Polen eröffnet. In Russland sind bereits 120 Personen, in der Türkei 90 und in Kasachstan 35 Mitarbeitende von uns tätig.

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Ein Schwergewicht von Agility stellt die Region Mittlerer Osten dar, wo rund 13000 Personen beschäftigt sind.

Simon: In dieser Region sehen wir in den kommenden Jahren noch enorme Wachstumsmöglichkeiten.

Lange war die Rede davon, dass Weltkonzerne, welche ihre Distribution outsourcen, nur noch einen Ansprechpartner wünschen. Ein Trend, der sich bisher auf breiter Basis nicht durchsetzte. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?

Simon: Es gibt meines Wissens weltweit betrachtet keinen Konzern, der sich nur auf einen Logistikprovider abstützt, es sind immer mehrere. Wir können allerdings dank unseres weltweiten Netzes unsere Kunden in mehreren Weltregionen mit unserer eigenen Organisation unterstützen.

Im Luftfrachtgeschäft bestehen derzeit etwelche Unterschiede in der Auslastung verschiedener Routen. Welche Bedeutung hat das Luftfrachtgeschäft für Agility?

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Simon: In Europa verzeichnen wir bei Agility in den Bereichen Überlandtransporte, Luftfracht, Seefracht sowie spezielle Logistikleistungen je einen Anteil von rund 25%. Das bedeutet, dass sich unser Umsatz sehr ausgewogen verteilt. In der Seefracht belegt Agility mit rund 450000 TEU den 6. Rang weltweit. In der Luftfracht rangiert die Gruppe gemäss IATA-Statistik auf Rang 12.

Chinesische Logistikdienstleister drängen auf den europäischen Markt. Wie ernst ist diese Konkurrenz zu nehmen?

Simon: Konkurrenz belebt das Geschäft. Allerdings sind wir überzeugt, sowohl in Europa wie in Asien gut aufgestellt zu sein. Es darf nicht vergessen werden, dass diese neuen Anbieter eine gewisse Zeit brauchen, um über ein entsprechendes Netzwerk zu verfügen.