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Globalisierung: Inder kaufen Firmen auf

Hohe Gewinne erlauben es indischen Konzernen, ausländische Firmen zu übernehmen. Das gibt Selbstvertrauen.

Von Vijay Kumar Singh
am 24.08.2005

Die internationalen Medien berichteten in den letzten Monaten vermehrt über Beteiligungen, Kooperationen und Übernahmen von indischen Firmen im Ausland. Indische Unternehmen verspüren enormen Appetit auf die globale Industrie. So beteiligt sich die indische Biotechfirma Nicolas Piramal an der kanadischen BioSyntech, Amtek Auto an der deutschen Zeltner, die indische Videocon übernimmt 92% an der indischen Niederlassung der schwedischen Electrolux. Videocon hatte bereits im Juli 2005 für die französische Thomson 290 Mio Dollar investiert, die Fernsehrohre herstellt. Der Pharmakonzern Ranbaxy hat sein Interesse an der deutschen Voatris bekannt gegeben.

Zu einer Übernahme eines Schweizer Unternehmens durch Inder ist es bisher noch nicht gekommen. Diese Situation könnte sich jedoch schnell ändern, falls eine geeignete Firma zur Diskussion steht, wie Finanzexperte Shailendra Kumar aus Mumbai gegenüber der «HandelsZeitung» bestätigt.

Stahl, Tee, Chemiefasern

Auch die indischen Grossunternehmen Tata und Reliance sind kaufenderweise im Ausland tätig geworden. Tata hat 2004 für 286 Mio Dollar den Stahlproduzenten NatSteel in Singapur übernommen. Schon 2000 hatte Tata für 432 Mio Dollar den zweitgrössten Teehersteller Englands, Tetley, gekauft. Und nun plant Tata, mehr als 1 Mrd Dollar bei einer Stahlfabrik in Iran zu investieren. Ausserdem hat dieser Konzern ein Joint Venture mit der chinesischen Regierung auf dem Gebiet der Informationstechnologie gegründet.

Reliance hat 2004 die deutsche Trevira eingekauft, einen der bedeutendsten europäischen Hersteller von Polyesterfaser- und Filamentgarnen, der 1900 Mitarbeiter beschäftigt. Mit diesem Erwerb wird Reliance mit 1,8 Mio t Jahreskapazität weltweit zur grössten Produzentin chemischer Fasern.

Seit der Intensivierung der Globalisierung haben jetzt auch die Inder begriffen, dass sie nur dann bestehen können, wenn sie sich weltweit an Fabrikations- und Verkaufnetzwerken beteiligen. Anderseits stehen ihnen auch die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung. Denn die indischen Firmen erzielen derzeit prächtige Gewinne. Dazu wächst die Wirtschaft Indiens kräftig, und die Nachfrage besonders bei Konsumgütern steigt. Ausserdem verfügt das Land über eine Währungsreserve von über 137 Mrd Dollar. Viele Akquisitionen werden durch Fonds finanziert. An vorderster Front dabei sind die grösste indische Bank, State Bank of India, und der staatliche Öl- und Gaskonzern ONGC. Dieser beteiligt sich durch einen Fonds an der zentralasiatischen Ölfirma PetroKazakhstan.

Neue Länder im Visier

Diese Trendwende in der indischen Industrie ist augenfällig. Bis Ende der 90er Jahre waren es vor allem Ausländer gewesen, die sich Firmen in Indien kauften oder sich daran beteiligten.

Die Erklärung für diese Entwicklung ist einerseits in den Wirtschaftsreformen der 90er Jahre zu sehen. Anderseits hat die indische Regierung eine Regelung erlassen, die den Kauf ausländischer Firmen ohne grosse bürokratische Hürden erlaubt. Bereits 2004 haben Inder für 1,7 Mrd Dollar 60 ausländische Unternehmen übernommen oder sich daran beteiligt. Dieser Trend ist in der 1. Hälfte 2005 noch beschleunigt worden. Gemäss der indischen Behörde wurden im 1. Semester 2005 40 Deals für 914 Mio Dollar abgeschlossen, die Absichtserklärungen nicht mitgezählt.

Neuerdings steht für indische Anleger nicht wie in der Vergangenheit nur England, wo 400 indische Firmen investiert sind, im Vordergrund, sondern auch Länder wie Deutschland, Spanien, USA, Kanada, Thailand oder China. Das ist heute Indiens selbstbewusste Art, sich in der globalen Wirtschaft zu integrieren.

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