Seit vergangenen Freitag ist Bayers Börsenwert um knapp einen Fünftel geschrumpft – rund 16 Milliarden Euro haben sich in Luft aufgelöst. Für den dramatischen Kurssturz ist ein Urteil in den USA verantwortlich: Ein kalifornisches Gericht sprach einem krebskranken Mann 289 Millionen Dollar Schadenersatz zu, weil er das Insektenschutzmittel Roundup der Bayer-Tochter Monsanto für sein Leiden verantwortlich machte.

Es war die erste Klage in den USA, in der das Krebsrisiko von Glyphosat, dem Wirkstoff von Roundup, in Zentrum stand. 5000 ähnliche Prozesse könnten folgen. Bayer droht eine Welle von Klagen mit unabsehbaren Folgen. «Das Urteil öffnet Tür und Tor für weitere Prozesse», sagt Analyst Markus Mayer von der Baader Bank.

Ein früherer Kassenschlager wird zum Problem

Glyphosat war bis vor wenigen Jahren der Kassenschlager von Monsanto. Aspirin-Hersteller Bayer bereitete der Wirkstoff dennoch bereits Kopfschmerzen, als er Monsanto dieses Jahr für 63 Milliarden Dollar kaufte. Glyphosat ist umstritten, weil es möglicherweise Krebs auslöst. Hinzu kommen weitere Probleme: Das weltweit am meisten versprühte Insektizid hat viel von seiner Wirkung verloren, weil Unkraut zunehmend dagegen resistent ist. Zudem ist der Patentschutz seit Jahren abgelaufen, Monsanto ist längst nicht mehr der einzige Anbieter.
 

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Bayer

Bayer: Der deutsche Konzern ist Konkurrent der Basler Syngenta.

Quelle: Keystone

Glyphosat bleibt zugelassen

Für Monsanto bleibt Glyphosat trotz des Krebsverdachts, der sinkender Wirksamkeit und des Margenrückgangs ein bedeutendes Geschäft. Was das Urteil in den USA für den neuen Monsanto-Eigner Bayer für Konsequenzen hat, lässt sich aus Sicht von Bankanalyst Markus Mayer nicht abschätzen. Gut möglich, dass der Entscheid wieder aufgehoben wird – Monsanto wird es anfechten. Ob Glyphosat Krebs auslöst, ist umstritten. Zwar stuft es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wahrscheinlich krebserregend ein. Viele Studien und Behörden kommen aber zum gegenteiligen Schluss, und in den USA, EU und auch der Schweiz ist das Mittel weiterhin zugelassen.

Doch Bayer muss auch mit dem Schlimmsten rechnen – dass Sammelklagen eingereicht werden, die zu Schadenersatzforderungen von Milliarden von Dollar gegen den Konzern führen. Hinzu kommt: Monsanto ist in den USA auch mit Schadenersatzklagen wegen eines weiteren Insektizids konfrontiert, Dicamba, ein Nachfolgemittel von Glyphosat. Und schliesslich ist Bayer selbst auch Ziel von Sammelklägerinnen in Australien und den USA. Das Verhütungsmittel Essure soll der Gesundheit schaden.

Syngenta

Für Syngenta hat Glyphosat keine grosse Bedeutung mehr.

Quelle: Keystone
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Angesichts dieser toxischen Klagewelle hält Markus Mayer sogar für möglich, dass Anleger auf eine Pleite von Bayer spekulieren. «Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Pleite ist aber extrem gering», so der Experte der Baader Bank. Mayer sieht noch eine weitere Möglichkeit: Falls der Aktienkurs weiter fällt, wird Bayer womöglich sogar ein Übernahmeziel. Als Käufer käme laut Mayer vor allem ein Pharmakonzern in Frage, der sich für die Medikamentensparte interessierte. «Crop Science», das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut, könnte ein solcher Käufer abspalten und an die Börse bringen.

Der Kurssturz kommt nur wenige Wochen, nachdem Bayer die 63 Milliarden Dollar teure Übernahme von Monsanto vollständig abgeschlossen hat. Der kostspielige Zukauf könnte sich jetzt als schweren Fehler herausstellen.

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