Die Wall Street ist ein hartes Pflaster. Wer dort war, berichtet von groben Initia­tionsriten, brutalem Konkurrenzkampf, Intrigen, rassistischen, elitären, sexistischen Witzen. Die Bücher von Michael Lewis, «Liar,s Poker» bis Louise Roths «Selling Women Short» sind voll davon. Scharfe Kostpröbchen liefert seit 2011 der Twitterer hinter dem Konto «Goldman Sachs Elevator Gossip». «Reich werden ist nicht schwer, jedes Mädchen mit fragwürdiger Moral kann es», bemerkte «GSElevator» beispielsweise kürzlich. Oder: «Ich debattiere nicht. Ich erkläre dir, wieso ich Recht habe.» Und so weiter. Auch hübsch, Sie entschuldigen: «Wenn meine Frau mir einen Blowjob anbietet, weiss ich, dass ich meine Kreditkartenrechnung prüfen muss.» Wer bei Goldman, Morgan Stanley, JP Morgan und Co. anheuert, darf keine Milde erwarten. Doch jetzt sollen die Alphatiere den Bogen überspannt haben.

Eine Lawine kommt ins Rollen

Die hochkarätigen früheren Goldman-Bankerinnen Shanna Orlich und Cristina Chen-Oster haben in New York einen ­Antrag auf eine Massenklage wegen Geschlechterdiskriminierung gegen Goldman Sachs eingereicht. Auf die mächtigste aller Investmentbanken droht eine La­wine zuzurollen: Eine Webseite, auf der sich potenzielle Geschädigte melden können, ist bereits im Netz, erste Reaktionen deuten auf zahlreiche Klägerinnen hin. Und, bei aller gesunden europäischen Skepsis gegenüber Diskriminierungsklagen und Massenprozessen: Wenn sich die Goldman-Jungs so verhalten haben, wie in der Klageschrift beschrieben, werden sie wohl heftig bluten müssen.

Halbnacktbilder in Mails

Nicht nur soll Goldman Frauen auf Kaderstufe 23 Prozent und auf Angestelltenstufe 8 Prozent weniger bezahlen als Männern und Frauen schlechter benoten, wofür die Klägerinnen eine Analyse eines Princeton-Ökonomen anführen. Die Bank toleriere auch «die Sexualisierung von Frauen und eine Kultur der sexuellen Belästigung», wie es in der Klageschrift heisst. So sollen Banker neue Mitarbeiterinnen als «die neuste Ernte» angekündigt und sie in internen Mails statt mit den üblichen Lebenslauf-Fotos mit Halbnacktbildern aus dem Netz vorgestellt haben. «Wenig überraschend bei einer solchen Unternehmenskultur finden Arbeitstreffen in Stripclubs statt», so die Klage weiter. Besonders relevant: Es sollen sich nicht Einzelne ungebührlich verhalten, vielmehr soll die Firma versagt haben. «Goldman weiss von diesen Problemen und toleriert Manager, die Geschlechtervorurteile, sexuelle Belästigung und Bevorzugung nach Geschlecht ausleben.» Ein Sprecher sagte, die Klage «entbehre jeder Grundlage».

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Zahlreiche Unternehmen haben in den USA hohe Summen wegen Geschlechterdiskriminierung bezahlt: Novartis zahlte 2010 152,5 Millionen Dollar an aktuelle und frühere weibliche Angestellte, die ein US-Tochterunternehmen benachteiligt hatte. Rechtsexperten sagten damals voraus, dass weitere Fälle folgen würden. Aktuell laufen auch entsprechende Klagen gegen Wal-Mart und Abercrombie & Fitch.