Die Zahlen sprechen für sich: Die Neuwagenzulassungen in Russland werden dieses Jahr die 3-Mio-Marke überschreiten. Im 1. Halbjahr 2008 betrug die Zunahme der Neuwagenverkäufe unglaubliche 41%. Geht es in diesem Tempo weiter, überholt Russland bis Ende Jahr gar Deutschland, den bisher grössten Markt Europas!

In diesem Umfeld verkauft der Volkswagen-Konzern in Russland jährlich fast 150000 Autos, nicht selten der höheren Preisklasse. Bereits 2009 sollen es 200000 Fahrzeuge sein. Die Wachstumsraten für die einzelnen Konzernmarken VW, Audi, Skoda und Seat liegen zwischen 30 und 55% (Skoda) pro Jahr.

Gegenwärtig ist VW dabei, für 500 Mio Euro in Kaluga, einer Stadt mit knapp 300000 Einwohnern drei Autostunden südlich von Moskau, ein Werk aufzubauen. Es ist in einer ersten Stufe für 150000 Fahrzeuge ausgelegt, mit der Möglichkeit der Kapazitätsverdoppelung. Gebaut werden dort fünf Modelle, und zwar von VW der Passat, der Tiguan und der Jetta, von Skoda der Octavia und der Fabia.

Sture Bürokratie wirkt lähmend

Das Werk in Kaluga spielt in der VW-Strategie zur Versorgung des russischen Marktes eine zentrale Rolle. «Aber wir gehen sehr vorsichtig Schritt für Schritt vor», betont Werksdirektor Friedrich-Wilhelm Lenz. Ein weiser Entschluss, denn die russische Bürokratie ist, diesen Eindruck vermitteln Gespräche mit dem Management, praktisch ebenso ineffizient wie zu kommunistischen Zeiten, das russische Steuerrecht zudem ein Dickicht mit spitzen, scharfen Dornen. Um unter diesen Umständen einigermassen reibungslos arbeiten zu können, sind primär gute Beziehungen, nicht zuletzt zu den lokalen Behörden, gemäss Lenz ein absolutes Muss. Entsprechend pflegt das VW-Management sein Verhältnis zum Gouverneur der Verwaltungseinheit Kaluga und seinem Stellvertreter sowie zum Bürgermeister der Stadt.

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Im Werk werden gegenwärtig fertig montierte Autos aus Deutschland, die zum Teil wieder demontiert worden sind und in Containern per Bahn angeliefert werden, erneut zusammengesetzt. Auf den ersten Blick ist dies ein widersinniges Verfahren. Doch es macht aus zweierlei Gründen Sinn: Erstens ist auf fertig montierte, fahrbereite Autos eine Importsteuer von 25% zu entrichten, zweitens lässt sich mit der SKD-Methode (Semi knocked down) die Belegschaft an den Montagebändern Schritt für Schritt ausbilden und mit den Fahrzeugen vertraut machen.

Bedingung für den Steuererlass jedoch ist, dass innerhalb von 30 Monaten zur Vollmontage übergegangen wird, sonst sind die erlassenen Steuern nachzuzahlen. Das bedeutet: Die Bleche müssen inskünftig im Werk gepresst und lackiert werden, der lokale Anteil an Komponenten muss steigen. Aber weil die russischen Zulieferer – mindestens noch für die nächsten Jahre – nicht konkurrenzfähig sind, hofft VW auf die Ansiedlung westeuropäischer Zulieferfirmen.

Kaufkraft fast ohne Grenzen

Volkswagen hat noch einen langen Weg vor sich, doch sind die Verantwortlichen in Wolfsburg wie in Kaluga optimistisch. Dietmar Korzewka, VW-Konzernbeauftragter für Russland, spricht von einem enormen Drang nach Mobilität. Sein Fazit: «Da lohnen sich Geschäfte, selbst in einem zweifellos schwierigen Umfeld.» Und was der westlichen Wirtschaft zu schaffen macht, die hohen Rohstoffpreise nämlich, bringt umgekehrt den Russen wachsenden Wohlstand, auch dem Einzelnen. Dadurch steigen nicht nur die Inflation, sondern auch die Kaufkraft und damit der Wunsch nach einem eigenen Auto, möglichst nach einem ausländischen. VW ist also zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.