Google ist nicht zu bremsen. Der US-Konzern mischt mittlerweile in jeglichem Industriebereich an vorderster Front mit, jetzt auch in dem der Industrieroboter. Die Firma Bot & Dolly etwa ist die jüngste Akquisition des Softwaregiganten in dem Bereich. Bot-&-Dolly-Roboter Iris hebt die Interaktion mit dem Menschen auf ein neues Level. Spezielle Algorithmen auf der Basis riesiger Datenmengen lassen eine neue Generation von Industrierobotern sehen, greifen, spüren und gleiten. Menschen können unversehrt Seite an Seite mit ihren Roboterkollegen werken.

Googles Expansion in die Welt der Roboter ist auch eine Kampfansage an ABB. Noch vor kurzem präsentierte sich der Schweizer Technologiekonzern als Vorreiter in diesem Bereich. «Unser Roboter Yumi braucht keinen Käfig mehr und lernt selbstständig anhand installierter Kameras», sagte ABB-Chef Ulrich Spiesshofer vor einem Jahr an der weltweit grössten Industriemesse in Hannover.  

Vorsprung von ABB ist in Gefahr

Doch der Vorsprung von ABB ist in Gefahr, zumal der Konzern eigene Baustellen beackert. Am Mittwoch hat der Industrieriese seine Quartalszahlen präsentiert, die mässig, wenn auch besser als erwartet ausgefallen sind. Das hat den Aktienkurs um rund 4 Prozent steigen lassen. Ein guter Impuls für den gewaltigen Konzernumbau, für den der Industrieriese allerdings einen langen Atem braucht. Allein der Machtkampf um die Abtrennung der Energiesparte mit Grossaktionär Cevian schlägt immer neue Volten. Mittlerweile dehnt sich das Tauziehen auf die Berater des Konzerns aus.

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Vor diesem Hintergrund findet das Duell mit Google statt: Das US-Unternehmen versucht unter seinem neuen Namen Alphabet alles, um selbst neue Automationslösungen für die industrielle Fertigung zur Marktreife zu bringen – und hat dazu grosse finanzielle Mittel zur Verfügung. «Google ist der neue Player in der Robotik», sagt Roland Siegwart, Leiter des Robotikinstituts der ETH Zürich.

Milliardengeschäft mit Robotern

Für Google und ABB geht es um Milliardengeschäfte: Im Jahr 2014 ist der weltweite Verkauf von Industrierobotern um einen Drittel auf 230'000 Stück pro Jahr gestiegen. Der Weltmarkt wird auf bis zu 30 Milliarden Dollar geschätzt. Haupttreiber sind die Automobil- und die Elektronikindustrie, besonders in China. Für ABB ist die Robotiksparte eine kleine, aber feine Einheit mit einem Jahresumsatz zwischen 2 und 3 Milliarden Dollar. ABB will diese Zahlen nicht bestätigen. Der Konzern hat einen Gesamtumsatz von 35 Milliarden Dollar.

Google bringt nun dank der Akquisition von Bot & Dolly erstmals auch Roboter in Stellung, die ihre Umwelt erfassen und mit Menschen interagieren können – und die daher auch mit den ABB-Robos konkurrieren können.

Erste Gehversuche in der Robotik hatte Google schon vor einiger Zeit mit dem Chiphersteller Foxconn gewagt, der unter anderem auch für Apple das iPhone zusammenbaut. Google war mit dem Chipproduzenten eine Kooperation in der Fertigung industrieller Roboter eingegangen. Der Internetgigant konzentrierte sich in dieser Zusammenarbeit allerdings mehr auf die Robotersoftware und die Datenverarbeitung – dafür macht Google Millionen locker – und weniger auf den mechanischen Teil der Produktion wie eine ABB.

Google hat mehr Geld als ABB

Und genau bei der Entwicklung von Robotersoftware sitzt Google am längeren Hebel. Die schiere Grösse und die zur Verfügung stehenden Mittel des Internetriesen lassen ABB alt aussehen. Bei einer Forschungsquote von 4 Prozent kommt ABB in der Robotiksparte nicht über
ein Budget von 80 bis 120 Millionen Dollar hinaus. Ihre Forschungsgelder muss ABB für die Erneuerung bestehender Produke wie einen Yumi und dessen Entwicklung für die nächsten Jahre reservieren. Google hingegen rechnet ständig mit Milliardenbeträgen für neue Projekte, welche sich mit disruptiven Technologien beschäftigen.  

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«Wenn Google etwas kann, das ABB so nicht kann, dann ist es das Sammeln und Verwerten von Daten», sagt ETH-Forscher Siegwart. Und für Roboter, die sich in einer Fabrik mit Menschen bewegen sollen, ist eine grösstmögliche Menge von Daten essentiell. Die Maschinen müssen auf eine Menge Daten zurückgreifen, die zuvor aufgenommen und mittels Software für Roboter abgebildet wurden. «Bis jetzt war die Industrierobotik ja fast blind», so Siegwart.

ABB stark in der Serienproduktion

Hier kann Google seine Stärken ausspielen: in der Verwertung von Kamera- und 3D-Daten. Denn genau diese werden in der industriellen Produktion benötigt. Nur mit dreidimensionalen Informationen gelingt es den Robotern, einzelne Teile in der Fertigung exakt so zusammenzusetzen, wie es nötig ist. Eine gute Software ist dabei also mit am wichtigsten. Siegwart vergleicht den Vorstoss von Google in der Robotik mit dem Fortschritt in der Automobilindustrie: «Vor 50 Jahren waren Fahrzeuge noch rein mechanisch. Heute bestehen Fahrzeuge zu mehr als 50 Prozent aus Elektronik

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Die Stärke von ABB liegt aber woanders, sagt Hanspeter Fässler, Ex-ABB-Schweiz-Chef und davor Robotikentwickler für ABB in Schweden: Der Schweizer Konzern ist stark in der Serienproduktion. Roboter, so kompakt wie Nähmaschinen und das in grosser Stückzahl, direkt vom Band an den Kunden – «das ist und das bleibt bis auf Weiteres das Know-how von ABB», so Fässler.

Gefahr für Unabhängigkeit

Den Takt in der Entwicklung von Roboterhirnen gibt aber Google an. Und weil der Gigant nach den vielen Akquisitionen die Entwicklung von Roboterintelligenz dominiert, ist die Unabhängigkeit von ABB gefährdet. «Das wird dazu führen, dass ABB die Software künftig vermehrt zukaufen wird», sagt Fässler. Die Rechnung ist einfach: Google übernahm 13 neue Robotikfirmen für Hunderte Millionen von Dollar und hat bereits Milliarden in Software für Umwelterkennung investiert wie Google Maps und Google Earth. ABB vermeldete lediglich eine wesentliche Übernahme in der Robotik vor einem Jahr: Das Münchner Unternehmen Gomtec, spezalisiert auf Maschinenbau, Steuerungs- und Computertechnik. Der Konzern will Gomtec zu seinem globalen Forschungszentrum für kollaborative Roboter ausbauen.

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Damit ABB nicht den Anschluss verliert, schaut sich der Konzern bereits nach neuen Kooperationen bis hin zu allfälligen Übernahmen um. So führt ABB derzeit Gespräche mit dem Schweizer Startup Anybotics, dessen Co-Gründer Fässler ist. Das Unternehmen, spezialisiert auf industrietaugliche Robotergelenke, hat eine Erweiterung für Yumi im Portfolio. Ob das für ABB reichen wird, Google langfristig die Stirn zu bieten, wird sich aber noch zeigen müssen.

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