Alleine in der Schweiz ist die Zahl der Hüfteingriffe in den letzten zehn Jahren laut Bundesamt für Statistik um rund 30 Prozent gestiegen. Viele künstliche Gelenke müssen nach der ersten Operation ersetzt werden. Das ist weder für Patienten angenehm, noch für Ärzte und Spitäler effizient.

Dieses Problem will das Medtech-Startup Naviswiss aus Laufen BL mit seinem leicht zu bedienenden Mess- und Navigationssystem im Miniaturformat lösen. Dieses soll die Gesundheitskosten senken, eine Qualitätskontrolle während des Eingriffs ermöglichen und die Arbeitsabläufe vereinfachen, so die Firmengründer Bruno Knobel und Christian Walsoe. Für Patienten reduziere sich das Risiko, sich mehrmals unters Messer legen zu müssen, um die Stellung des Implantats korrigieren zu lassen, weil es direkt justiert werden könne. Das innovative Gerät sei mit einem GPS für Chirurgen vergleichbar.

Hüfte, Knie oder Schulter

Der miniaturisierte «ClipOn» von Naviswiss ist für verschiedene orthopädische Eingriffe (Hüfte, Knie oder Schulter) sowie Wirbelsäulenchirurgie und Traumatologie nutzbar. Es ist nicht nur wesentlich handlicher als die bisher eingesetzten grossen und komplexen chirurgischen Mess- und Navigationsapparate, die bis zu 150'000 Euro kosten, sondern für knapp 20 000 Euro auch ein Preisbrecher. Ein Vorteil für Ärzte und Spitäler, die stark unter Kostendruck stehen und gleichzeitig in die Qualitätssicherung investieren müssen.

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«Ausserdem wird sich unser patentierter Ansatz in der Weichteilchirurgie nutzen lassen, beispielsweise bei der Entfernung von Lebertumoren», skizziert Finanzchef Christian Walsoe die Zukunft. «Zudem zeigt der Markt deutlich, dass er reif ist für die neuen, einfach zu bedienenden Messsysteme.»

Krisenjahre bremsen Entwicklungsprozess

Die Geschichte des Startup beginnt einige Jahre vor der Gründung mit Bruno Knobel. Als Geschäftsführer des Auftragsdienstleisters Industrielle Forschung und Entwicklung (IFE) hatte er schon von 1995 bis 2000 ein Navigationssystem bis zur Produktreife entwickelt. Aufgrund einer Fusion des Auftraggebers wurde das Projekt jedoch eingestellt. Die Rechte blieben in der IFE. 2007 wurde Naviswiss als Spin-off aus der IFE gegründet, weil Knobel und Walsoe, der neu dazugekommen war, grosse Chancen in der Miniaturisierung sahen. Der «ClipOn» ist in etwa so klein wie ein Haarföhn, während die herkömmlichen Messinstrumente bis zu 1,5 Meter gross sind.

Die erste Finanzierungsrunde brachte bloss 100'000 Franken. Wie für Startups in der Frühphase üblich, beteiligten sich die drei «F» – Family, Friends and Fools. Nach dem Entstieg von Business Angels sowie dem Unternehmer Peter Hotz als Hauptinvestor und heutigem Verwaltungsratspräsidenten kam die Weiterentwicklung wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise zum Erliegen. Hotz, der die Firma seit 2009 finanziell am Leben erhielt, betrachtet diese Zeit rückblickend aber nicht als «verloren». Man habe die vorhandenen Ideen kanalisiert und die Funktionalitäten sinnvoll eingeschränkt, um die Miniaturisierung konsequent voranzutreiben.

Mindestens fünf Millionen Franken

Der Stillstand habe sich aber negativ auf die Geldsuche ausgewirkt, so Hotz. Naviswiss sei sieben Jahre nach der Gründung kein klassisches Startup mehr. Es sei kein Jungunternehmen aus dem universitären Umfeld mit einem jungen Team und kurzer Vorlaufzeit. Solche Firmen fänden häufig über Businessplan-Wettbewerbe und Förderprogramme finanzielle Mittel. Nicht aber ein altes Jungunternehmen mit reifem Management.

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Im Medtech-Bereich ist der Zeithorizont und der Kapitalbedarf gemäss Walsoe länger und höher, allerdings nicht so hoch wie für Pharma oder Biotech. «Unter fünf Millionen Franken ist es für eine Venture-Capital-Gesellschaft uninteressant, in Life-Sciences-Startups zu investieren. Bei kleineren Beträgen sei das Verhältnis Rendite zu Aufwand uninteressant», sagt der Finanzchef. Selbst Wagniskapitalgeber scheuten immer mehr das technische Risiko.

Die Mindestanforderung sei ein funktionierender Prototyp zirka ein Jahr vor Markteintritt und ein junges oder branchenerfahrenes Team. «Das gilt sogar für Medtech-Konzerne, die erstin Startups investieren oder diese ganz übernehmen, wenn fertige Produkte erste Erfolge erzielen. Dann spielt der Preis kaum eine Rolle», ergänzt Peter Hotz.

Omnipräsente Finanzierungsproblematik

Auch auf Banken könne man nicht unbedingt zählen, wenn es um die Verbesserung von bestehenden Geräten gehe, seien diese noch so bahnbrechend und der Prototyp vorhanden, so der Hauptinvestor. Das verschärfe die omnipräsente Finanzierungsproblematik solcher Jungunternehmen zusätzlich.

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In der nächsten Finanzierungsrunde benötigt Naviswiss nochmals zwei bis drei Millionen Franken, und zwar für die Fertigstellung und Zertifizierung des letzten Prototyps. Am Ende werden fast acht Millionen Franken in die Systementwicklung geflossen sein. «Ab dem Sommer 2015 kann man die Produkte dann in den OP einsetzen», prognostiziert Hotz. Danach werde entschieden, ob die Firma eigenständig bleibe oder an einen Konzern verkauft werde. Im Worst Case, sollte die Geldbeschaffung nicht zustande kommen, müsse man leider an einen Exit via Patentverwertung denken.