Für Greenpeace werfen die Unregelmässigkeiten im Material des Reaktordruckbehälters von Block 1 des AKW Beznau viele Fragen auf. Die Umweltorganisation fordert unter anderem eine unabhängige Expertenkommission, bevor der Betrieb von Beznau 1 wieder aufgenommen wird.

Für die Schweiz handle es sich um neuartige Befunde, sagte Florian Kasser, Atom-Experte bei Greenpeace Schweiz, am Mittwoch vor den Medien in Bern. Deshalb brauche es ein unabhängiges Gremium, das der Aufsichtsbehörde Ensi eine Empfehlung abgebe.

Wiederinbetriebnahme verzögert sich

Vor einer Woche war bekannt geworden, dass Block 1 des AKW Beznau in Döttingen AG länger still stehen wird als geplant. Die Wiederinbetriebnahme nach der Jahresrevision verzögert sich um drei Monate bis Ende Oktober. Unregelmässigkeiten im Material des Reaktordruckbehälters, die dank neuster Messtechnologie gefunden wurden, sind der Grund.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) erwartet nun von der AKW-Betreiberin Axpo eine Bewertung dieser Befunde. Der Betrieb von Beznau 1 darf gemäss Ensi erst wieder aufgenommen werden, wenn die Sicherheit des Reaktordruckbehälters nachgewiesen ist.

Ähnlichkeiten mit belgischen Atomreaktoren?

Das Ensi sieht bereits vor, internationale Experten beizuziehen, wie Mediensprecher Sebastian Hueber auf Anfrage sagte. Details zur Auswahl der Experten könne er nicht bekannt geben, weil die Arbeiten am Anfang stünden.

«Wir stehen auch im Kontakt mit den belgischen Behörden», sagte Hueber. Denn eine gewisse Ähnlichkeit mit den Unregelmässigkeiten, die 2012 in zwei belgischen Atomreaktoren entdeckt wurden, könne nicht ausgeschlossen werden.

Für Greenpeace ist das «Vier-Augen-Prinzip» wichtig. Die Organisation fordert, dass ein Expertengremium mit unabhängiger Meinung das Ensi über den Weiterbetrieb von Beznau 1 berät und nicht einfach Experten direkt in die Ensi-Arbeiten einbezogen werden.

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Greenpeace will eigentlich Schliessung

Für Greenpeace ist ohnehin eine definitive Ausserbetriebnahme des AKW die «vernünftigste Massnahme». Die kürzlich entdeckten Probleme im Reaktordruckbehälter von Beznau 1 schwächten «das Herzstück des ältesten AKW der Welt» und erhöhten das Unfallrisiko.

Derzeit herrsche viel Unklarheit bezüglich dieser Schwachstellen, sagte der Atom-Experte von Greenpeace. Man habe keinen direkten Zugang zu den Schwachstellen, da sich diese nicht an der Oberfläche, sondern im Material drin befänden, erklärte Kasser.

60 Jahre Betrieb vorgesehen

Diese Schwachstellen verschärften die Effekte der Abnutzung, fügte er an. Deshalb brauche es eine zusätzliche Sicherheitsmarge, was eine Verkürzung der Lebensdauer des AKW bedeuten würde.

Die Vorstellung, das AKW insgesamt über 60 Jahre zu betreiben, sollte damit vom Tisch sein, sagte Kasser. In Beznau habe der Reaktordruckbehälter 46 Jahre Betrieb hinter sich und sei entsprechend abgenutzt.

Ensi verteidigt Mühleberg und Gösgen

Greenpeace verlangt zudem eine vollständige Überprüfung der Reaktordruckbehälter sämtlicher AKW in der Schweiz. Denn die Schwachstellen könnten vereinzelt und nicht gleichmässig in der Wand verteilt auftreten.

Erneute Prüfungen in den anderen AKW sieht das Ensi aber derzeit nicht vor. Die Aufsichtsbehörde verweist darauf, dass in den Kernkraftwerken Mühleberg und Gösgen die Reaktordruckbehälter zuvor geprüft worden seien. Bei den Untersuchungen der festgelegten Prüfbereiche wurden keine relevanten Anzeigen gefunden.

Beznau 1 bis auf weiteres nicht in Betrieb

Im Kernkraftwerk Leibstadt ist das Grundmaterial des Reaktordruckbehälters nicht geschmiedet, sondern gewalzt. Deshalb bestehe derzeit kein Anlass, auch diesen Druckbehälter zu prüfen, hält das Ensi fest. Für Beznau 2 werde die Prüfung wie geplant durchgeführt.

Ensi-Sprecher Hueber bekräftigte, dass Beznau 1 erst wieder in Betrieb gehe, wenn die Sicherheit des Reaktordruckbehälters nachgewiesen sei. Für die entsprechende Prüfung werde so viel Zeit in Anspruch genommen, wie es nötig sei.

(sda/gku)