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Analyse
«Griechenlands Krise hat sich in einen chronischen Schmerz verwandelt»

Greece
Griechenland: Das Land bleibt hochverschuldet.Quelle: Getty/Anadolu

Erstmals seit Langem wächst Europas Wirtschaft schneller als die USA. Schroders-Ökonom Azad Zangana erklärt, wieso die Konjunktur plötzlich in Schwung kommt – und was aus den wirtschaftlichen Sorgenkindern im Süden des Kontinents geworden ist.

Veröffentlicht am 21.11.2017

Bis vor kurzem kamen aus Europas Wirtschaft fast nur schlechte Nachrichten. Jetzt wächst der Alte Kontinent wirtschaftlich plötzlich schneller als die USA. Wie konnte sich die Lage so schnell verändern?
Azad Zangana*: 2014 und 2015 waren sehr schwierige Jahre für Europa, weil die Europäische Zentralbank (EZB) die Bankenbilanzen überprüfte. Wegen des Stresstests der EZB verliehen die Banken monatelang keine Kredite mehr: Sie fuhren ihre Vergabe zurück, damit sie beim Stresstest nicht durchfallen würden. Das bremste das Wachstum während dieser Periode. Als der Stresstest 2015 endete, flossen wieder mehr Kredite in die Wirtschaft.

War das der Wendepunkt für Europas Wirtschaft?
Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt froren die Staaten ihre Ausgaben ein. Dadurch sank die Nachfrage – just, als wieder Kredite erhältlich waren. 2014, als die Nachfrage noch vorhanden gewesen war, hatten die Kredite gefehlt. 2016 erst normalisierten sich die Staatsausgaben, und auch die Kredite flossen wieder – und dadurch stieg der Konsum. Die negative Inflation war sehr hilfreich. Weil die Preise in der Eurozone erstmals sanken, stiegen die Reallöhne. Die Konsumenten waren wieder in Kauflaune, die Unternehmen erhöhten ihre Investitionen, und Kredite waren einfach erhältlich.

Griechenland war lange das Sorgenkind Europas. Hat das Land die Krise überwunden?
Griechenlands Schuldenproblem ist nicht gelöst. Es ist immer noch ein Schuldenberg vorhanden, irgendwann müssen die Kreditbedingungen neu verhandelt werden. Griechenland erhält weiter Kredit faktisch zum Nullzins, die Schulden werden einfach nach hinten geschoben. Aber so lange Griechenland wächst, kann das Land die Schulden langsam abbauen. Das Land hat einige Reformen umgesetzt, und der Staatshaushalt ist in einem besseren Zustand. Falls die Griechen bei den Wahlen im kommenden Jahr die aktuelle Regierung von Syriza abwählen, bin ich sogar noch optimistischer für das Land. Die Lage bleibt dennoch schwierig. Griechenlands Schuldenkrise hat sich in einen chronischen Schmerz verwandelt.

Spanien macht wegen des Streits um Katalonien Schlagzeilen. Bedroht der Konflikt Spaniens Aufschwung?
Nach unseren aktuellen Daten hat der Konflikt bislang überhaupt keinen Einfluss auf die Wirtschaft. Einen spürbaren Effekt hatte er einzig auf die Standortentscheide von Unternehmen, rund 700 Unternehmen verlegten ihren Sitz aus Katalonien in eine andere Region Spaniens. Wir warten aber noch auf Daten zum Tourismussektor. Barcelona ist eine wichtige Feriendestination, und vielleicht sind die Buchungen jetzt gesunken. Aber ich bin überhaupt nicht besorgt. Spanien ist sehr dynamisch, und die Reformen, die sie in den letzten vier Jahren gemacht haben, beginnen zu wirken. Das Wachstum in den letzten beiden Jahren war stärker als gedacht.

Machen Sie sich Sorgen wegen Italiens Banken?
Italiens Banken haben viele faule Kredite in ihren Bilanzen, vor allem kleinere Regionalbanken. Einige Institute müssen gerettet werden, durch Staatskredite oder Zusammenschlüsse. Aber das ist nicht ausschliesslich ein Problem Italiens. Es ist ein Problem in der ganzen EU, alle wissen, dass es zu viele Banken gibt – es sind Fusionen nötig. Doch grundsätzlich mache ich mir um Italiens Banken keine Sorgen, es fliessen genügend Kredite in die Wirtschaft.

Wie stark wird der Brexit London schaden?
Der Schaden für die Finanzindustrie könnte beträchtlich sein. Am meisten dürfte es die Clearing Houses treffen, die Finanzabwicklungsstellen – wir wissen nicht, ob sie weiter in London bleiben können. Auch die Investmentbanken könnten unter dem Brexit leiden. Wenn Grossbritannien den Zugang zum EU-Passport verliert oder wenn die EU und Grossbritannien nicht gegenseitig ihre Regeln anerkennen, könnte viel von diesem Geschäft auf das europäische Festland ziehen. Ich befürchte allerdings, dass diese Verlagerung in jedem Fall passiert, falls nicht innerhalb von drei oder vier Monate die Entscheide fallen.

Was meinen Sie damit?
Wenn ich Ihnen sage: Sie müssen umziehen, antworten Sie mir: Ich brauche eine längere Frist: Ich muss neue Schulen für die Kinder finden und ein neues Zuhause, etc. Die Zeit drängt, diese Verhandlungen müssen schnell abgeschlossen werden.

Wird London eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt bleiben?
London bleibt ein Finanzzentrum. Viele Geschäfte aus Asien und den USA werden in London abgewickelt, das wird so bleiben. Die Frage ist, ob London das europäische Geschäft verliert – und dieses ist auch sehr wichtig für die Stadt.

* Azad Zangana ist «Senior Europan Economist & Strategist» bei der Bank Schroders. Der Ökonom ist beim Institut zuständig für die Wirtschaftsentwicklung in der Euro-Zone und Grossbritannien.

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