Das sterile Verbandsmaterial ging zuerst aus. Dann war Schluss mit Röntgenaufnahmen, weil der Nachschub an Filmen ausblieb. Als der Vorrat an Filtern für lebenswichtige Nierenmaschinen zur Neige ging, schlugen die Ärzte im Athener Evangelismos-Hospital Alarm. «Es ist sicher, dass in den nächsten Tagen Menschenleben verloren gehen», sagte Dimitris Varnavas, Präsident der Ärzte-Vereinigung.

Das war letzten Frühsommer, und der Boykott der Spitalzulieferer drohte zu eskalieren. Die Firmen protestierten damit gegen die lasche Zahlungsmoral der öffentlichen Krankenhäuser, die mit mehr als 9 Milliarden Franken bei den Pharmaunternehmen und Spitalmaterial-Lieferanten in der Kreide standen. Die Situation war hoffnungslos: Griechenland war pleite, und die Firmen mussten gigantische Abschreiber befürchten. Auch bei Novartis, Roche & Co. begann das Zittern. Dann verfügten die Behörden in der Not auch noch tiefere Medikamentenpreise.

Für einige Manager war das zu viel. Die Firma Leo Pharma aus Kopenhagen drohte mit dem Rückzug von 18 Arzneien aus Griechenland. Ende Mai stoppte das dänische Pharmaunternehmen Novo Nordisk die Lieferung seiner Injektionshilfen für Insulin. 50 000 Diabetiker benutzen in Griechenland dieses Gerät. Die griechische Diabetiker-Assoziation sprach von «brutaler kapitalistischer Erpressung».

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Es folgten zwei Wochen der Ungewissheit und harter Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Dann stand der Kompromiss: Athen begleicht bis Ende Jahr alle Schulden gegenüber der Pharmabranche. Möglich wurde der Coup nur dank der 110-Milliarden-Euro schweren Rettungsübung der EU, die Griechenland vor dem Bankrott bewahrte.

Null Zinsen für die nächsten Jahre

Doch der Vorschlag der Regierung hat einen Schönheitsfehler: Die Schulden gegenüber der pharmazeutischen Industrie werden nicht in bar beglichen, sondern in Staatsobligationen umgewandelt. Konkret erhalten die Firmen sogenannte Zero-Bonds: Null Zinsen für ein bis drei Jahre. Wer die Papiere auf dem Markt abstossen will, muss mit 20 Prozent Verlust rechnen. Zu diesem Schluss kommt die griechische Regierung selber, aber auch die Branche: Das deutsche Biotech-Unternehmen Biotest hat seine Forderungen in den Büchern um diesen Betrag bereits reduziert.

Bis Ende Jahr will der griechische Finanzminister die Staatsanleihen den Firmen übergeben. In der Schweiz ist Roche am stärksten betroffen. «Die griechischen Spitäler sind bei Roche für die Jahre 2007 bis 2009 noch in der Grössenordnung von 200 bis 300 Millionen Franken verschuldet.» Das berichtet ein Berater, der Einblick in die Zahlen hatte. Bei einem Abschreiber von 20 Prozent kommt auf die Basler ein Verlust von rund 50 Millionen Franken zu.

Roche selber will diese Zahl nicht kommentieren. Doch der Konzern hat sich gewappnet. «In der ersten Jahreshälfte 2010 sind die Rückstellungen für zweifelhafte Forderungen erhöht worden, um die jüngsten Entwicklungen widerzuspiegeln», steht im Halbjahresbericht. Explizit wird darin auf Griechenland und den Vorschlag der Regierung verwiesen, «grosse Teile der Forderungen zu einem Discount mit Staatsanleihen zu begleichen».

Roche ist stark engagiert

Roche ist besonders exponiert, weil das Unternehmen mehr Medikamente als andere Pharmakonzerne an Spitäler liefert. Das ist eine Folge des Fokus auf Krebsmedikamente. Drei der vier Top-Produkte von Roche sind solche kostspieligen Arzneien. Beim Konkurrenten Novartis seien die Forderungen substanziell, aber doch geringer als bei Roche, erzählt der Insider.

Bei der Genfer Merck Serono steht Griechenland für die Jahre 2007 bis 2009 mit 60 Millionen Euro im Minus. Der deutsche Mutterkonzern rechnet mit Abschreibern von knapp 13 Millionen Euro. Der Basler Biotech-Konzern Actelion schweigt.

Andere Firmen in der Schweiz sind nur marginal betroffen. Galenica beliefert die Spitäler über einen Agenten vor Ort, der das Risiko trägt und bislang die Rechnungen beglichen hat. Ähnliches verlautet von den Medtech-Firmen Tecan und Straumann, die höchstens marginal in die Region und über Agenten verkaufen. Auch der Laboranbieter Dr. G. Bichsel arbeitet mit einem Vertreter in Griechenland. Bisher habe dieser alles Material fortlaufend bezahlt. «Aber man hört, Agenten seien in Schwierigkeiten geraten», sagt Verwaltungsratspräsident Guido Bichsel. Die Generikafirmen Mepha, Streuli und Helvepharm liefern nach eigenen Angaben nicht nach Griechenland.

Die nächsten vier Wochen sind entscheidend. Noch haben nicht alle Pharmaunternehmen in den Staatsanleihen-Kompromiss eingewilligt. Theoretisch stünde den Zulieferern auch der Gang vor Gericht offen - allerdings mit jahrelangem Gezerre und unsicherem Ausgang. Abschreckend wirken die Erfahrungen aus dem Jahr 2004. Damals offerierte die griechische Regierung, einen Teil der Schulden in bar, aber mit einem Discount zu begleichen. Einige Unternehmen wollten sich das nicht bieten lassen und schalteten Anwälte ein. Sie warten bis heute auf ihr Geld.

«Die Pharmafirmen haben keine Wahl»

Nach den Boykottdrohungen vom Frühling würde eine neuerliche harte Haltung der Industrie auch kaum auf Verständnis stossen. Hinzu kommt: Jahrelang haben Pharma- und Medtechbranche ihre Produkte in Griechenland zu höheren Preisen absetzen können als im übrigen Europa (siehe Kasten). In der Krise kommt das schlecht an. «Die Party im Gesundheitssektor ist zu Ende», sagt Gesundheitsministerin Mariliza Xenogiannakopoulou.

Deshalb werden am Ende alle den Staatsanleihen-Kompromiss annehmen. «Die Pharmafirmen haben keine Wahl», sagt ein Kenner der Materie. «Und die meisten sind sogar froh darüber, künftig zumindest halbsolide Staatspapiere statt zweifelhafte Forderungen in der Bilanz zu haben.»