Die Wirkung des Medikamentes Tamiflu des Pharma-Konzerns Roche ist weniger deutlich erwiesen, als bisher dargestellt. Eine umfassende Analyse der klinischen Studiendaten zeige ein weniger positives Bild von Oseltamivir (Tamiflu) als jenes, das den Zulassungsbehörden, Politikern, Ärzten und der Öffentlichkeit präsentiert worden sei, schreibt die Fachpublikation «British Medical Journal» (BMJ) in einem am heutigen Donnerstag online publizierten Artikel unter dem Titel «The Tamiflu trials».

«Wichtige Vorteile (des Medikamentes) sind zu stark betont worden und Nebenwirkungen zu wenig», so der BMJ-Artikel weiter. Die Analyse der Daten habe keine überzeugende Hinweise geliefert, dass Tamiflu – wie vom Hersteller behauptet – das Risiko von Komplikationen einer Grippeerkrankung senke wie Lungenentzündung oder Einweisung in ein Spital. Dies sei jedoch ein wesentlicher Grund dafür gewesen, weshalb das Medikament international auf Vorrat eingekauft worden sei, wird geltend gemacht.

Schwachstellen im System

In der Folge werden im Artikel auf der Basis der Analysen von Cochrane zahlreiche Fragen aufgeworfen und es wird auf Schwachstellen im System hingewiesen. Die Rede ist so auch von einem «Multisystem-Versagen», schreiben die Autoren von Cochrane. Die Spezialisten von Cochrane übten in der Folge Kritik am Design zahlreicher Tamiflu-Studien und der Unabhängigkeit der Studienleitung. Cochrane ist ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, die medizinische Therapien bewerten.

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Roche zweifelt die Schlussfolgerungen der Cochrane-Experten stark an. «Roche widerspricht entschieden den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe für akute Atemwegserkrankungen (Acute Respiratory Infections, ARI) aus ihrer Analyse zu Tamiflu. Roche steht voll und ganz hinter der Qualität und Integrität der Tamiflu-Daten», teilt der Konzern am Donnerstag in einer Stellungnahme auf Anfrage mit.

Der Pharma-Konzern Roche hat mit Tamiflu vor allem in Zuge der Pandemie-Vorsorge Umsätze in Milliardenhöhe erzielt. Im Zuge der Kritik am Zugang zu Studiendaten hat der Konzern wie auch andere Pharmafirmen für externe Forscher den Zugang zu klinischen Studiendaten ausgeweitet. Ein unabhängiges Gremium aus anerkannten Experten werde Anträge auf Zugang zu anonymisierten Patientendaten von Roche prüfen und genehmigen, teilte der Konzern Ende Februar 2013 mit.

Transparenz bei Studiendaten gefordert

Ausserdem werde Roche die Veröffentlichung von vollständigen klinischen Studienberichten für alle von den Gesundheitsbehörden zugelassenen Medikamente unterstützen und externen Forschern diejenigen klinischen Studienberichte, die von diesen Behörden nicht bereitgestellt werden können, auf Anfrage zur Verfügung stellen. Auch ging der Pharma-Konzern damals im Speziellen auf in der Vergangenheit geäusserte Kritik an Studiendaten für das Grippemittel Tamiflu ein.

Roche sei sich des öffentlichen Interesses an der Transparenz von Studiendaten im Zusammenhang mit dem Grippemittel Tamiflu bewusst, hiess es damals. Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt hätten alle Informationen erhalten, die sie zu Tamiflu angefordert hätten. Von 74 abgeschlossenen, von Roche gesponserten Tamiflu-Studien waren laut Mitteilung vor gut Jahresfrist 71 (96 Prozent) als Primär- oder Sekundärpublikation oder unter «rochetrials.com» öffentlich zugänglich. Die Veröffentlichung der drei von Roche gesponserten Studien, die abgeschlossen, aber noch nicht veröffentlicht waren, werde zurzeit vorbereitet, hiess es damals weiter.

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(awp/me)