Wegen der Finanzkrise und der in Schieflage geratenen UBS konnte sich die Raiffeisen-Gruppe als solider Bankpartner profilieren. Zeitweise übertrumpfte sich die Bank immer wieder selber mit Neugeldzuflüssen in Milliardenhöhe. Zudem vergab die Gruppe 2009 so viele Hypotheken wie noch nie in ihrer Geschichte. Damit dürfte Raiffeisen Systemrelevanz erlangt haben. «Allein das Hypothekarvolumen, das die Raiffeisen in der Schweiz stemmt, deutet auf eine Preismacht und damit Systemrelevanz hin», sagt ein ehemaliger Raiffeisen-Manager gegenüber der «Handelszeitung».

Die Diskussion um die «Too big to fail»-Problematik konzentriert sich derzeit hauptsächlich auf die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS. Zwar haben die beiden Banken ihre Bilanzen im vergangenen Jahr stark reduziert - jedoch mehrheitlich im Ausland. So kritisiert die Nationalbank, dass die beiden Banken zusammen bei den inländischen Einlagen und Krediten nach wie vor einen Marktanteil von rund einem Drittel besitzen. Angesichts des Marktanteils müsste auch die Raiffeisen-Gruppe als systemkritische beurteilt werden, wie immer mehr Bankenexperten behaupten.

Nach eigenen Angaben besitzt Raiffeisen bei den Kundenguthaben einen Marktanteil von 20% und bei den Hypothekarkrediten einen Anteil von 15%. Dennoch bleibt die Gruppe von den Diskussionen verschont. «Wir sind in die entsprechenden Gespräche nicht involviert», sagt Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz zur «Handelszeitung». Raiffeisen habe ein konservatives und sehr fokussiertes Geschäftsmodell. Das Geschäft müsste im unwahrscheinlichsten «worst case» vom Markt aufgenommen werden können, sagt er. Auch hinsichtlich möglicher Eigenmittelanforderungen rechnet Vincenz mit keinen weiteren Auflagen. «Unsere Leverage Ratio liegt bereits bei sehr guten 6,2%. Wir rechnen nicht mit zusätzlichen Forderungen.»

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Ganz unbeobachtet dürfte die Raiffeisen-Gruppe aber in der Sache «too big to fail» nicht bleiben. Zwar hat die Finma laut Sprecher Tobias Lux neben den beiden Grossbanken keine weitere Institute auf dem Radar. «Trotzdem intensiviert die Finma gemäss ihres risikobasierten Aufsichtsansatzes ihre Aufsichtstätigkeit bei Instituten, die zum Beispiel in gewissen Segmenten eine bedeutende Marktposition haben und daher auch grösseren Risiken ausgesetzt sind», sagt Lux.

Hohe Risiken

Obwohl die Raiffeisen in der «Too big to fail»-Debatte weiterhin aussen vor bleibt, dürfte zumindest bei der Hypothekenvergabe das Augenmerk immer stärker auf sie gerichtet werden. So warnte die Schweizer Nationalbank in ihrem vergangener Woche präsentierten Finanzstabilitätsreport die Banken vor einer Immobilienblase. Und dies in einer Eindringlichkeit, wie schon seit Langem nicht mehr. So seien bei den Eigentumswohnungen erste Anzeichen einer Überhitzung aufgetaucht.

Diesen Hinweis nimmt Raiffeisen gelassen. «Die Preise für Wohneigentum sind in den vergangenen zehn Jahren um jährlich durchschnittlich 3% gestiegen. Das halten wir für ein gesundes Wachstum, eine Immobilienblase sehe ich nicht», sagt Vincenz. Gewisse Übertreibungen im Raum Zürich und Genf liessen sich nicht auf die ganze Schweiz übertragen, sagt der Raiffeisen-CEO.

Nebst den Immobilienpreisen zeichnet der Report der SNB aber noch ein weiteres deutliches Bild. Das Zinsrisiko für die Raiffeisengruppe ist 2009 auf knapp 15% gestiegen. Damit spitzt sich ein mögliches Ausfallrisiko zu. Der Grund für den Risikoanstieg ist wohl das rasante Wachstum im Hypothekargeschäft von 9,1% auf 110,7 Mrd Fr. im vergangenen Jahr. Zudem stieg aufgrund des tiefen Zinsniveaus der Anteil der Festhypotheken verglichen mit 2008 von 55 auf 73%. Käme es tatsächlich zu einem Zinsanstieg, sind Anpassungen während der Kreditlaufzeit bei den Festhypotheken kaum möglich. Hinzu kommt, dass nach Ablauf der tiefen Festhypotheken ein Grossteil der Schuldner die höhere Zinslast nicht tragen könnte.

So hat eine Studie des Vergleichsdienstes Comparis im März ergeben, dass beispielsweise ein Zinsanstieg um 3% dazu führen würde, dass die Hälfte der Wohneigentümer die Hypothekarzinsen nicht mehr oder nur eingeschränkt bezahlen könnte.

Rückgang Hypothekarvolumen

Neben der Zinsproblematik und einer möglichen Immobilienblase wird das Hypothekargeschäft auch von der vom Bundesrat verordneten Abschaffung des Eigenmietwertes belastet. Denn im Gegenzug können die Schuldzinsen nicht mehr abgezogen werden, was die Attraktivität einer Hypothekaufnahme schmälert. «Es ist mit einem Rückgang des Hypothekarbestandes von 10 bis 15% zu rechnen», sagt Vincenz. Zudem sei eine Verschlechterung des Zustands der Liegenschaften zu befürchten. So können die Kosten ebenfalls nicht mehr von den Steuern abgezogen werden.