Die liberalisierten Finanzmärkte haben in den vergangenen 30 Jahren einen massgeblichen Beitrag zum historisch einmaligen Wachstum der Weltwirtschaft und zum Wohlstandszuwachs geleistet. Der amerikanische Nobelpreisträger Myron Scholes schätzt den globalen Wohlstandsgewinn durch Finanzmarktinnovationen in dieser Zeit auf rund 30000 Mrd Dollar. Gleichzeitig wurden allerdings neue, lange unterschätzte und schwer kontrollierbare Risken geschaffen - Risiken, die in der gegenwärtigen Krise zu enormen Abschreibungen im Umfang von rund 4000 Mrd Dollar führen könnten, wovon gemäss der Schätzung des IWF zwei Drittel auf Banken entfallen. Es ist davon auszugehen, dass - so unpopulär das zurzeit tönt - der globale Nutzen freier Kapitalmärkte die Risiken bei weitem übertrifft. Trotzdem ist die Frage nach der Systemrelevanz des Bankensektors berechtigt. Ohne die beherzte Reaktion der Notenbanken hätte die Wertvernichtung in der Krise weit dramatischere Formen annehmen können. In der Schweiz betrifft dies in erster Linie die Grossbanken. Wie bedeutend sind sie für das kleine Land, wo liegen ihre Risiken und wie können sie kontrolliert werden?

Hohe Wertschöpfung

Die Grossbanken UBS und Credit Suisse sind ohne Zweifel ein bedeutender volkswirtschaftlicher Faktor. 42500 Beschäftigte (Stand Ende 2008) oder knapp 40% der Arbeitsplätze im schweizerischen Bankensektor sowie ein Beitrag von 3,7% (Stand 2007) zum Bruttoinlandprodukt sprechen eine deutliche Sprache. Die Wertschöpfung der Grossbanken zugunsten der Schweiz ist damit gleich gross wie jene der Landwirtschaft, der Hotellerie und des Restaurantgewerbes zusammen. Die Grossbanken erbringen aber auch wesentliche Finanz-Dienstleis-tungen, ohne die die Schweizer Wirtschaft nicht jene im Vergleich zur Grösse des Landes weit überproportionale Stellung in der Welt- wirtschaft einnehmen könnte. Dank spezialisiertem Know-how sichern sie ihren Firmenkunden den Zugang zu internationalen Investoren - auch den vielen global tätigen KMU.

Die Grossbanken tragen auch wesentlich zur Schaffung von Liquidität im Schweizer Aktien- und Kapitalmarkt bei, indem sie Wertschriften handeln und ausleihen. Zudem unterhalten sie wesentliche Teile der Finanzmarktinfrastruktur in der Schweiz. Die Liste solcher Leistungen liesse sich noch verlängern. Tatsache ist, dass der Finanz- und Werkplatz Schweiz ohne die Grossbanken nicht annähernd jenen Stellenwert in der Welt erreicht hätte, der ihm heute zukommt. Gerade weil dies so ist, stellt sich im Lichte der jüngsten Ereignisse die Frage nach der Kehrseite dieser Medaille.

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Klumpenrisiko oder -chance?

Die schiere Grösse der beiden Hauptakteure wird heute von vielen als Klumpenrisiko für den Staat Schweiz angesehen. Aufgrund ihrer hohen Marktanteile im Kreditgeschäft mit Schweizer KMU und Grossfirmen, beim Zahlungsverkehr, bei den Handels- und Fremdwährungstransaktionen und in der Wertschriftenabwicklung sind sie «systemrelevant» für die Schweiz. Der Zusammenbruch einer Grossbank hätte für Staat und Wirtschaft unabsehbare Folgen. Deshalb haben Bund und Nationalbank die UBS in einer gut durchdachten Aktion im letzten Oktober gestützt.

Die Überlegung, dass die direkten und indirekten Kosten eines Untergangs einer Grossbank wesentlich höher wären als die Kosten einer Stabilisierung oder gar Rettung, bewogen auch die Behörden in vielen andern Ländern zu teils massiven Interventionen im Finanzsektor. Die Frage stellt sich nun, wie viel Regulierung zur Prävention künftiger Krisen sinnvoll ist und wie viel Freiheit zur Erhaltung der nationalen und globalen Wachstumspotenziale nötig bleibt.

Bei der Suche nach einer geeigneten Rahmenordnung, um solche weltumspannenden systemischen Krisen in Zukunft in ihren Auswirkungen einzudämmen, muss sowohl bei den Banken selber als auch beim regulatorischen Rahmen angesetzt werden. Dabei wäre es falsch, die Vorschriften stets auf den Worst Case auszurichten, damit liesse sich keine Bank betreiben. Das offensichtliche Versagen des Risikomanagements vieler Banken und die Probleme der Aufsichtsbehörden mit der rasch zunehmenden Komplexität der Finanzprodukte und Risikomodelle lassen eine angemessene Verschärfung der Regulierung und Überwachung als vernünftig erscheinen. Neue oder verschärfte Regeln werden bei den Banken vor allem die Bereiche Kapitalunterlegung, Liquiditätssicherung, Corporate Governance und Transparenz betreffen. Diese Massnahmen sollten im Rahmen einer risikogewichteten Kapitalunterlegung gemäss dem Basel-II-Konzept erfolgen.

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Mehr Transparenz

In der Schweiz wurden neue Regulierungen bereits detailliert und teilweise verbindlich eingeführt - dies ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, wo bisher vorwiegend Absichtserklärungen abgegeben wurden. Dass restriktivere Kapitalvorschriften die Kreditexpansion und die Möglichkeit zur Gewinnsteigerung tendenziell einschränken, muss wohl zugunsten einer höheren Systemstabilität hingenommen werden. Das Risiko allerdings, dass international nicht abgestimmte Sonderregelungen die Schweizer Grossbanken signifikant benachteiligen können, ist sorgsam zu bewerten.

Wenn die Finanzmarktakteure möglichst viele Freiräume bewahren und Überregulierungen verhindern wollen, müssen sie selber aus der Krise rasch die richtigen Konsequenzen ziehen. Der Finanzsektor hat dies erkannt. Unter anderem geht es um eine umfassende, das ganze Unternehmen durchdringende Risikokultur und um mehr Transparenz bei komplexen Finanzprodukten. Mehr Transparenz über die Risiken in einer Bilanz wirkt vertrauensbildend.

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Sinnvolle Korrekturmassnahmen

Zusammenfassend kann man festhalten, dass ein interventionistisches Szenario mit flächendeckenden, detaillierten Vorschriften zukünftige Finanzkrisen nicht verhindern könnte, aber die wichtigen Funktionen des Finanzsektors zum Nachteil der gesamten Wirtschaft unnötig einschränken würde. Finanzkrisen können nie ganz ausgeschlossen werden, wie die Vergangenheit gezeigt hat. In Zusammenarbeit mit dem Bankensektor sollten Politik und Regulatoren in der Schweiz deshalb sinnvolle Korrekturmassnahmen erarbeiten, um das Ausmass solcher Krisen in Zukunft zu begrenzen und eine effiziente Krisenbewältigung zu ermöglichen. Dabei ist eine gute Balance zwischen Massnahmen zur Begrenzung volkswirtschaftlicher und systemischer Risiken und genügend Freiräumen für einen prosperierenden Bankensektor anzustreben. Es geht nicht nur um vertretbare Risikoprofile der Grossbanken, sondern auch darum, den Schweizer Finanzplatz im Wettbewerb mit anderen internationalen Finanzzentren zu stärken.

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