Es ist momentan nicht einfach, Chef eines grossen Pharmakonzerns zu sein. Die Zulassungsbehörden verstärken ihre Bewilligungspraxen. Die staatlichen Budgets für die Gesundheitsversorgung werden auf ihre Sparpotenziale durchforstet. Und die Firmen sonnten sich zu lange im Erfolg grosser Mittel und schätzten deren Bedrohung durch Generika zu wenig gross ein.

«Die betroffenen Unternehmen verspüren deshalb einen enormen Druck, den Umsatz- und Gewinnverlust zu kompensieren, der nach dem Patentschutzablauf meistens schnell eintritt», sagt Rolf Stahel, VR-Präsident der italienischen Biotechfirmen Cosmo und Newron; von 1994 bis 2002 war er CEO der britischen Pharmafirma Shire. «Die Effektivität der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der Pharmafirmen muss verbessert werden», betont Stahel. Er plädiert deshalb dafür, dass diese ihre Forschungsabteilungen teilweise an kleine, innovative Biotechfirmen auslagern (siehe Interview).

Neue Wege sind selten

Bislang hat sich noch kein grosses Pharmaunternehmen zu diesem Schritt entschlossen. Stahels These findet aber Zustimmung. «Bedingt durch das Ablaufen von Blockbuster-Patenten und eigene schwache Forschungs- und Entwicklungs-Pipelines sind viele Pharmakonzerne zwingend auf mehr Interaktionen und Deals mit Biotechfirmen angewiesen», sagt Biotechexperte Jürg Zürcher von Ernst & Young. Und Pharmaanalyst Karlheinz Koch von der Bank Vontobel ergänzt: «Grösseren Pharmafirmen fällt es tendenziell schwerer, unkonventionelle Wege bei der Erforschung neuer Technologien einzuschlagen ? ihr Fokus liegt naturgemäss auf der Maximierung bereits vorhandener Einkommensströme.»

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Kein Wunder, stecken Pharmakonzerne jedes Jahr mehr Geld in die Vermarktung als in die Forschung: Daniel Vasella, CEO und VR-Präsident von Novartis, investierte 2007 zwar über 6 Mrd Dollar in die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, gleichzeitig gingen aber über 11 Mrd Dollar an die Marketing- und Vertriebsteams. Ähnlich sieht es bei Konkurrentin Roche aus: CEO und VR-Präsident Franz Humer verteilte letztes Jahr mehr als 8 Mrd Fr. an seine Forscher und mehr als 9 Mrd Fr. an die Marketing- und Vertriebsleute (siehe Tabelle).

Im eigenen Haus behalten

Trotzdem halten beide Konzerne an ihren Forschern fest. «Wir werden die Forschung auch in Zukunft im eigenen Haus behalten. Es ist wichtig, alle Möglichkeiten offen zu halten und sich nicht selbst Wege zu verbauen», sagt Roche-Sprecherin Claudia Schmitt. Auch Novartis-Sprecher Michael Schiendorfer meint: «Es ist wichtig, diese Expertise im eigenen Haus zu haben, um den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden.» Aber: «Gleichzeitig ist auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern sowohl aus dem akademischen wie auch dem Bereich der Biotechnologie ein wichtiger Teil unserer Strategie. Kein Unternehmen kann alles alleine machen.» Branchenkenner geben auch zu bedenken, dass die Vermarktung und der Vertrieb von Medikamenten ein Geschäft ohne Eintrittsbarrieren sei.

Das Bewusstsein ist geweckt

Immerhin sind viele Vertreter von «Big Pharma» in den letzten Jahren dazu übergangen, ihre Forscher in kleinere Gruppen an mehreren Standorten zu verteilen. Novartis hat weltweit über fünf solche Zentren; Roche organisiert die Forschung seit einem Jahr in fünf therapeutischen Gebieten. Auch AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Bristol-Myers Squibb, Sanofi Aventis oder Branchenriese Pfizer bauten vergleichbare Strukturen auf.

NACHGEFRAGT
«Bringt Pharmakonzerne näher zu den Kunden»

Rolf Stahel, VR-Präsident Cosmo und Newron

Sie plädieren dafür, dass grosse Pharmakonzerne ihre Grundlagenforschungs-Abteilungen an kleine Biotechfirmen auslagern. Weshalb?

Rolf Stahel: Zwischen 2007 und 2012 verlieren weltweit über 36 Blockbuster-Medikamente den Patentschutz. Die Pharmaunternehmen haben es aber nicht geschafft, rechtzeitig Ersatzprodukte zu lancieren. Ein Blockbuster generiert immerhin Umsätze von mindestens 1 Mrd Dollar pro Jahr.

Die Forschung und Entwicklung von «Big Pharma» muss also effizienter werden. Mit welchen Chancen für «Small Biotech»?

Stahel: Als kleine Firma kann man rascher wachsen ? vor allem im Forschungsbereich. Zudem sind moderne, biotechnologisch hergestellte Medikamente kaum von Generika bedroht.

Und welchen Nutzen hätten Pharmakonzerne von diesem radikalen Paradigmenwechsel?

Stahel: Dadurch könnten sie sich auf die Entwicklung, den Vertrieb und die Vermarktung konzentrieren. Dies beschleunigt die internen Prozesse und bringt die Pharmakonzerne näher zu den Kunden. Es würde die Fixkosten reduzieren und die Möglichkeit bieten, das Budget für die klinische Entwicklung zu erhöhen.

Die Pharmaunternehmen halten aber an der Forschung fest.

Stahel: Der Druck muss wohl noch grösser werden, damit das Modell umgesetzt wird. Noch haben viele Pharmafirmen Angst davor, keine eigene Grundlagenforschungsabteilung mehr zu haben.