Nikolaus Senn war bis Mitte der 90er-Jahre als Generaldirektor und später als Verwaltungsratspräsident bei der Schweizerischen Bankgesellschaft tätig. Kurz vor der Fusion mit dem Bankverein zur heutigen UBS wurde Senn pensioniert. Zum Dank für seine Verdienste wurde er später ins UBS-Ehrenamt gewählt.

Die UBS setzt sich neue Ziele: In drei bis fünf Jahren will die Grossbank wieder einen Jahresgewinn von 15 Mrd Fr. erzielen sowie eine Eigenkapitalrendite von 15 bis 20%. Überrascht Sie das?

: Ich halte dies für eine realistische und vernünftige Zielsetzung. Oswald Grübel zeigt damit einen langfristigen Strategiehorizont. Es geht nicht darum, in einem blitzschnellen Tempo etwas hochzuziehen, das schlussendlich doch nicht erreicht werden kann.

Die Ziele sind sehr ambitioniert ...

Senn: Grübel ist sehr ambitioniert. Er hat die Fähigkeit, Schwierigkeiten hemmungslos entgegenzutreten und eine harte Hand an den Tag zu legen. Das ist der Führung unter Peter Kurer und Marcel Rohner nicht gelungen. Ein Umdenken ist aber notwendig. Denn die Grossbank ist mit ihren Mitteln in der Vergangenheit viel zu verschwenderisch umgegangen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Senn: Meines Erachtens war das Private Banking stark überdotiert. Da wurden teilweise Essen mit Kunden organisiert, die gerade mal 10000 Fr. bei der Bank platziert hatten. Was mir auch noch einfällt, ist, dass zu meiner Zeit gegen zehn Firmenautos und Chauffeure in der Garage am UBS-Hauptsitz zur Verfügung standen. Zur Zeit des Antritts von Oswald Grübel waren es bereits gegen 30 Autos und Chauffeure, wenn nicht gar mehr. Grübel hat da gründlich damit aufgeräumt.

Anzeige

Die UBS hat weiter zum Ziel, wieder zum weltweit grössten Vermögensverwalter heranzuwachsen. Wird damit nicht erneut die Gier angeheizt, die schlussendlich in das jetzige Schlamassel führte?

Senn: Das Vermögensverwaltungsgeschäft ist sehr lukrativ und relativ risikoarm. Wichtig ist einfach, dass man die Mitarbeiter führt und überwacht, besonders diejenigen in den Auslandfilialen und den USA.

Sind die beiden hiesigen Grossbanken zu gross und damit ein zu hohes Risiko für die Schweiz?

Senn: Das ist eine typische Aussage von unserem alt Bundesrat Christoph Blocher. Ich teile diese Ansicht nicht. Eine Bank braucht im internationalen Bank- und Finanzgeschäft eine gewisse Grösse, um auch international ihre Aufgabe erfüllen zu können.

Also wird die UBS auch am US-Geschäft weiterhin festhalten?

Senn: Ich bin mir sicher, dass das USA-Geschäft weitergeführt wird. Wichtig ist einfach, dass es besser geführt und kontrolliert wird, etwa nach gutem schweizerischem Vorbild. Ich nehme aber auch an, dass sowohl im Nahen wie im Fernen Osten und auch in der Schweiz weiter ausgebaut wird.

Kann die Grossbank ihre Ziele überhaupt unter dem Namen «UBS» erreichen? Hat die Marke nicht schon zu stark gelitten?

Senn: Der Name «UBS» hat sicher gelitten. Ich bin aber überzeugt: Vor allem international hat der Brand nach wie vor einen hohen Stellenwert. Das zeigen auch die Abflüsse im Verhältnis zum gesamten Vermögen der Bank. Das sind meines Wissens gerade mal 2%.

Dennoch, die Bank hat im 3. Quartal wieder mit Geldabflüssen im Umfang von 16,7 Mrd Fr. zu kämpfen. Leidet die Bank vor allem darunter, dass ganze Teams aus dem Private Banking samt ihrer Kundschaft zur Konkurrenz wechseln?

Senn: Nein, ich denke schon, dass auch dieser Abfluss vorwiegend auf die Reputation der UBS zurückzuführen ist. Ich bin aber überzeugt, dass die Bank aus dem Gröbsten raus ist.

Die UBS will unter anderem den Eigenhandel einschränken und sich im Investmentbanking mehr auf den Kunden konzentrieren. Wie kann damit die angestrebte Eigenkapitalrendite erzielt werden?

Senn: Bereits jetzt erzielt die Bank eine Bruttorendite von 15%. Um diese zu erhöhen, muss das hohe Gewinnziel erreicht und müssen eventuell günstige Kapitalerhöhungen durchgeführt werden.

Oswald Grübel spricht weiter von integrieren und zentralisieren, analog zu seinem Wirken bei der Credit Suisse. Werden damit tatsächlich mehr Synergien genutzt?

Senn: Das müsste ich mir an Ort und Stelle genauer ansehen. Klar ist: Um erfolgreich zu sein, braucht es vermehrt Führung und Kontrolle. Letzteres wurde besonders in den USA grob vernachlässigt.

Sie selber besitzen auch UBS- Aktien. Werden Sie nun noch mehr hinzukaufen?

Senn: Ich verfolge meine ganz eigene Strategie: Ich verkaufe, wenn die Börse steigt, und kaufe, wenn die Kurse sinken. Viele haben da Hemmungen. Bei mir ist die Rechnung gut aufgegangen.