Conrad Ammann nickt zufrieden: «Ja, es geht uns hervorragend», erklärt der Direktor des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ). «Wir sind in der Schweiz in Bezug auf Umwelt, Strompreise und Qualität führend», ergänzt er. In der Tat strotzt der Stadtzürcher Stromversorger vor Kraft. Er erzielte im letzten Jahr mit 863,9 Mio Fr. Gesamtleistung ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 258,6 Mio Fr. - dank einmaliger Sondereffekte und trotz Wirtschaftskrise, dem wackligen Euro und deutlich gesunkenen Strompreisen im Grosshandel.

Darum stimmt er nicht ins Wehklagen der Marktöffnungsüberdrüssigen ein. «Es gibt Kreise, die wieder eine stark regulierte, mithin monopolistische Welt wollen. Das ist meines Erachtens falsch. Das Erreichte ist nicht mehr aufzuhalten.» Auch darum verschwende man beim EWZ keine Zeit mehr auf dieses Thema. Denn das nächste Mega-Thema stehe schon vor der Tür: «Es betrifft die langfristige Sicherstellung der Stromversorgung - auf der Welt, in Europa und in der Schweiz -», so Conrad Ammann. Dies sei ein schmaler Grat zwischen Wirtschaftlichkeit und Umwelt, sagt er.

Städte gehen voran

Die ersten Schritte darauf haben verschiedene Schweizer Stadtwerke schon gemacht. Allen voran die SIG Genf, die IWB Basel, das EWB Bern und das EWZ Zürich. Alle fordern sie nicht erst seit gestern mehr Nachhaltigkeit, eine ökologische Energiewende, mehr Energieeffizienz und investieren mit dreistelligen Millionenbeträgen in erneuerbare Energien zwischen der Nordsee und Südspanien. Und sie äussern sich im selben Atemzug unmissverständlich für den Ausstieg aus der Atomkraft. Alfred Bürkler weiss, warum. Der Geschäftsführer der Swisspower AG, der Vereinigung von 17 städtischen Energieversorgern in der Schweiz, erinnert an die besondere politische Situation der Städte: «Diese befinden sich in der Regel im Besitz der öffentlichen Hand, operieren in einem klar umgrenzten Gebiet, sind im besten Sinne ?urban? und bieten meistens nicht nur Strom, sondern auch Erdgas, Fernwärme und Trinkwasser an.»

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Die meisten erfüllten mit ihrer Eigentümerstrategie also einen politischen Auftrag, der sich an der politischen Zusammensetzung von Parlament und Exekutive der Stadt orientiere.

Pionierfunktion von EWZ und IWB

Dies weiss auch Conrad Ammann: «Es ist unsere Aufgabe, diese Impulse aufzunehmen.» Unter den argwöhnischen Blicken einiger Branchenpartner schrieb sich das EWZ die Themen Energieefizienz und Förderung von erneuerbaren Energien schon vor zwei Jahrzehnten auf die Fahne. Damals, Ende der 80er-Jahre, hob das EWZ zeitgleich mit den Industriellen Werken Basel (IWB) einen Stromsparfonds aus der Taufe. Und seit mehr als zehn Jahren pflegt es die Solarstrombörse. Inzwischen bestreichen die verschiedenen EWZ-Stromprodukte eine Preisbandbreite pro KWh von 18 Rp. für Atom- bis zu 65 Rp. für Solarstrom.

«Unser Modell für die Förderung der erneuerbaren Energien ist inzwischen mindestens so erfolgreich wie die bundespolitische Förderung via Einspeisevergütungen im Giesskannenprinzip. Wir lassen den Kunden entscheiden. Das ist ein marktwirtschaftlicher Ansatz.» Derweil versuche es die Bundespolitik weiterhin mit einem planwirtschaftlichen System, denkt Ammann laut.

Atomstromersatz anspruchsvoll

Als die Zürcher Stimmbürger vor zwei Jahren den Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft vorzeichneten, verbanden sie es mit der Forderung, dass die Stadt die bestehenden Beteiligungen an Atomkraftwerken zwar halten, sich jedoch nicht an neuen Kernkraftwerken beteiligen dürfe. Conrad Ammann kann dies akzeptieren. Der Blick ins Jahr 2030 zeige, dass Windkraft, Solarthermie und Biomasse neben der bestehenden Wasserkraft die wichtigsten neuen erneuerbaren Energien sein würden. Schon fürs Jahr 2018 habe man sich zum Ziel gesetzt, «jährlich rund 200 Mio kWh Strom aus Windkraft, weitere 100 Mio kWh aus Biomasse und 10 Mio kWh Strom aus Photovoltaik zu gewinnen», erklärt Ammann. Diese Zielsetzung entspricht in der Summe knapp 6% der aktuell verkauften Strommenge und ist gerade mal die doppelte Menge dessen, was schon heute Kehrichtverbrennungsanlagen an den Stromhaushalt beisteuern. Demzufolge müsste bis 2018 beispielsweise allein die Strommenge aus Photovoltaik um das Achtfache gesteigert werden.

Es gibt also gute Gründe dafür, im Sektor der erneuerbaren Energien mit der grossen Investitionskelle anzurichten. Der vom Zürcher Stimmbürger bewilligte Rahmenkredit für die Beteiligung an Windenergieparks in der Nordsee beträgt happige 200 Mio Fr. - für Harry Graf, Pressechef EWZ, auch ein Beispiel für das durchaus euphorisch befeuerte Verhältnis zwischen Politik und Management: «Unser Vorschlag lautete zunächst auf 100 Mio, und der Gemeinderat erhöhte ihn auf 200 Mio Fr.», lüftet Graf den Schleier.

Froh über eigene Wasserkraft

Die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien sind also auch für den grössten städtischen Stromversorger der Schweiz durchaus ambitiös. Darum ist Conrad Ammann nicht unglücklich, in den nächsten 20 bis 30 Jahren noch ausreichend Strom aus eigenen und Kraftwerken mit EWZ-Beteiligung zu beziehen. Die Energie wurde im abgelaufenen hydrologischen Jahr mit 2,1 Mrd kWh aus Kernkraftwerken, 2,3 Mrd aus eigenen und Wasserkraftwerken von Partnern und rund 0,9 Mrd kWh aus dem Energiehandel, aus Keh-richtverbrennungsanlagen (KVA) und Weiteren beschafft. Derweil macht sich Conrad Ammann keine Illusionen darüber, «dass die AKW irgendwann ihr Lebensende erreichen und auch die Konzessionen der Wasserkraftwerke auslaufen werden». Die spannende Frage werde dann lauten, wie die Ablösung der bestehenden Atomkraftwerke oder die Erneuerung der Konzessionen für die Wasserkraftwerke vonstatten gehe - «also, zu welchen Preisen und zu welchen Konditionen welche Player welche Rolle spielen», so Ammann nicht zuletzt mit einem Seitenblick auf die happigen Gelder, die dann fliessen werden.

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Womit die Stadtwerke in Zukunft ihr Geld verdienen werden, bleibt für Ammann die zunächst letzte spannende Frage. Bis jetzt profitiere das EWZ davon, aus Kraftwerken, die das halbe Lebensalter erreicht haben, vergleichsweise günstigen Strom zu beziehen und zu guten Preisen abzusetzen. Das könnte sich in Zukunft ändern. «Dann werden die neuen Kraftwerke sicher teurer produzieren, und es wird die Kunst sein, den Strommix so zu halten, dass der Preis vom Kunden bezahlt werden kann.»

 

 


«Swisspower» sorgt in Zukunft für mehr «Polit Power» für die Städte

Die Städte sollen in der Energiepolitik eine wichtigere Rolle spielen. Dieses Ziel hat sich Swisspower auf die Fahne geschrieben. Die 17 führenden Stadt- und Gemeindewerke erzielten mit ihren Dienstleistungsunternehmen im vergangenen Jahr im Energiegeschäft einen Umsatz von 226 Mio Fr. - vor allem im Bereich der Bündelkunden zu national einheitlichen Strompreisen.

Vor Kurzem ist das Gründungsmitglied EWZ etwas überraschend aus dem Verbund ausgetreten. Das habe eine «Bereinigung» bedeutet, erklärt Swisspower-Geschäftsleiter Alfred Bürkler. Heute zeige sich noch klarer, wofür Swisspower in Zukunft zu stehen habe: «Wir werden noch stär- ker verbandsähnliche Interessen wahrnehmen», so Bürkler. Auf dem Weg zu einem «Verband der Stadtwerke» werde man sich auf zwei Hauptgeschäftsfelder mit den Gesellschaften Swisspower Energy AG und Swisspower Services AG fokussieren.

Eine deutliche Gewichtsverlagerung betreffe die politische Arbeit - und dabei speziell die politischen Fragen rund um die Förderung von Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energien. «Dies wird das Mega-Thema bleiben, und zwar nicht nur im Strombereich, sondern auch beim Erdgas, im Biogas und bei der Biomasse», ist Alfred Bürkler überzeugt.

In Zukunft wird Swisspower noch stärker ihre «Think-Tank-Funktion» ausleben. «So haben wir beispielsweise in kurzer Zeit eine Fachstelle für die Elektromobilität aufgebaut, und das Thema Smart Grid betrifft bei uns nicht nur den Bereich Strom, sondern sämtliche leitungsgebundenen Leistungen», so Bürkler.

Wer aus der Atomenergie aussteigen wolle, müsse in mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien investieren. Alfred Bürkler zweifelt nicht daran, dass die derzeit noch teuren Produktionsformen dereinst wirtschaftlich werden. «Dann werden die Städte froh sein, dass sie schon heute in diese Energien investiert haben.» Denn davon ist Bürkler überzeugt: «Es werden uns in erster Linie die politischen Fragen beschäftigen, nicht die technischen. Letztere werden uns die Ingenieure allesamt beantworten - von der Netzregulierung bis zur dezentralen Einspeisung.» Also hängt es an der Politik. Just hier haben die Städte ihre Hausaufgaben gemacht und klar gesagt, was sie nicht mehr wollen. «Sie wollen in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft und Nachhaltigkeit, und sie wollen Atomkraftwerke nicht mehr ersetzen», so Bürkler. Und lakonisch meint er: «Während die Städte so weit sind, hat dies die Schweiz noch vor sich.» (AM)

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