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«Grundeinkommen wäre gut für die Welt»

Albert Wenger Kai Nedden/Laif

US-Internet-Investor Albert Wenger spricht über die Vorzüge des bedingungslosen Grundeinkommens, was bei Twitter schief läuft – und warum Europa ein neues Kartellrecht braucht.

Von Tim Höfinghoff
am 29.04.2016

Ist die digitale Revolution Fluch oder ­Segen?
Albert Wenger*: Digitale Technologien sind anders als bisherige Technologien, weil sie Grenzkosten von null haben: Das zusätzliche Video, das ich mir im Internet anschaue, verursacht keine zusätzlichen Kosten. Ausserdem ist alles universell und berechenbar geworden. Entscheidend ist: Setzen wir digitale Technik ein, um Menschen weltweit Diagnosen für Krank­heiten zur Verfügung zu stellen? Oder ­nutzen wir dieselbe Technik, um Bilder und Nachrichten zu manipulieren?

Nehmen wir technologischen Fortschritt zu negativ wahr?
Nicht unbedingt, aber wir sollten uns ­darauf konzentrieren, allen Menschen ­Zugang zu mehr Wissen zu ermöglichen, statt uns dauernd auf den Faktor Kapital zu fixieren.

Viele Menschen fürchten, wegen der Digitalisierung ihren Job zu verlieren.
Uns wird nicht über Nacht die Arbeit ausgehen. Der Übergang von der Agrarwirtschaft ins Industriezeitalter hat gezeigt, dass Maschinen etwa in der Landwirtschaft grossen Sinn geben. Die Menschen wurden produktiver, das Leben ange­nehmer. Ich glaube, das gilt auch für die Zukunft. Deshalb plädiere ich für ein ­bedingungsloses Grundeinkommen, wie es in der Schweiz diskutiert wird.

Inwiefern?
Wenn Menschen ein Grundeinkommen erhalten, ist es o.k., wenn das Auto von ­einer Maschine gefahren und das Röntgenbild von der Maschine ausgewertet wird. Der Mensch kann dann sinnvollere Sachen machen.

Ein Gehalt ohne Gegenleistung – das klingt utopisch und nach dem Ende des Kapitalismus.
Der Kapitalismus wird nicht ausser Kraft gesetzt. Im Gegenteil: Dies macht Marktwirtschaft im Zeitalter der Automatisierung erst möglich. Schon jetzt gibt es Menschen, die verfügen über enorm viel Geld oder Ressourcen wie Rohöl, und da sagt ja auch niemand: Das verstösst gegen die Marktwirtschaft.

Sie glauben, mit einem Grundeinkommen gibt es mehr Unternehmertum?
Auf jeden Fall. Unternehmertum heisst aber nicht, unbedingt eine Firma zu starten. Es kann auch sein, sich um die Umwelt zu kümmern oder kranke Eltern zu pflegen. Es bedeutet: Ich unternehme ­was. Mit einem Grundeinkommen würde es sehr viel mehr Engagement geben, das ist gut für die Welt. Wenn ich Schweizer Bürger wäre, würde ich am 5. Juni für das Grundeinkommen stimmen. Dies setzt eine klare Richtung in die Zukunft. Die Details können dann durch den normalen politischen Prozess ausgefüllt werden.

Bundesrat und Parlament empfehlen, die Initiative abzulehnen. Warum erlebt die Idee trotzdem eine Renaissance?
In der Politik heisst es stets, mit dem Kapitalismus sei alles bestens. Es brauche nur billiges Geld und die Notenbanken regeln schon alles. Daran glauben viele Menschen nicht mehr. Kein Wunder, dass Leute wie Donald Trump und Bernie Sanders in den USA so viel Zulauf haben.

Warum engagieren Sie sich für das Grundeinkommen? Sie sind Partner eines Risikokapitalfonds in New York.
Als Risikokapitalfonds investieren wir in die Zukunft. Und wenn wir als Gesellschaft und Investoren gute Unternehmer unterstützen wollen, müssen wir ein ­Umfeld schaffen, in dem Innovationen stattfinden können.

Sie brauchen das Grundeinkommen, ­damit es mehr Unternehmer gibt, in die Sie dann investieren und an denen Sie ­verdienen können?
Auch unser Geschäft wird sich verändern müssen. Schon jetzt ist der Zugang zu Kapital demokratischer geworden, das wird sich weiter verstärken. Wenn jemand also eine Innovation hat, ist es deutlich leichter geworden, sie zu finanzieren. Das wird zwangsläufig die Renditen von Risikokapitalfirmen, wie wir es sind, senken. Aber das muss nicht schlecht sein.

Ihre Firma hat schon früh in Unternehmen wie Twitter, Zynga und Tumblr investiert. Welche Idee treibt Sie derzeit um?
Mich treiben derzeit weniger neue Inves­titionen um. Die Grundeinkommens-­Debatte ist wichtig. Es gibt zudem noch zu wenige Menschen, die am Thema Klimawandel arbeiten. Es ist leider so, dass zu viele Menschen damit beschäftigt sind, überhaupt genug Geld zu verdienen, um sich ernähren zu können. Um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir weg von der Industriegesellschaft hin zur Wissensgesellschaft. Die grossen Themen für uns Investoren hängen alle miteinander zusammen. Letzlich geht es immer darum, ob wir genug Wissen haben: Zur Behandlung von Krebs oder um den Klimawandel zu stoppen.

Bezüglich Twitter: Warum kommt die Firma auf keinen grünen Zweig?
Twitter ist ein extrem wichtiges Netzwerk, aber es wird zu sehr mit Facebook verglichen. Dies ist falsch. Twitter ist auch kein Snapchat. Twitter wird ein wichtiges Netzwerk für die Menschheit bleiben. Das heisst aber noch lange nicht, dass es auch finanziell unbedingt erfolgreich sein muss, wenn man es mit den Massstäben der Wall Street misst. Der Fehler in der ­Geschichte von Twitter war, dass ver­schiedene Investoren mehr von Twitter wollten, als Twitter liefern kann und auch ­liefern sollte.

Sie investieren auch in die Blockchain-Technologie, die für die Digitalwährung Bitcoin wichtig ist. Alles nur ein Hype?
Alle Technologien gehen durch einen Hype, bevor sie wichtiger werden. Wir ­haben derzeit einen Hype beim Thema Bitcoin. Langfristig glauben wir aber, dass die Blockchain-Technologie extrem wichtig ist, weil sie konsistente Informationen gut darstellen kann und sicherstellt, dass sie nicht von einer Organisation oder ­einem Unternehmen kontrolliert wird. ­Einen Hype gibt es auch beim Thema virtuelle Realität, aber das gehört eben dazu.

Was ist das nächste grosse Ding?
Das ist die falsche Frage. Wichtiger ist zu erkennen, dass die digitale Technologie dramatisch anders ist und Möglichkeiten bietet, Wissen schnell und global zu verbreiten. Sei es beim Thema DNA-Analyse oder zu etwas anderem.

Sie haben viel mit Gründern zu tun: Ist Europa und vor allem die Schweiz gut aufgestellt in Sachen Startup-Mentalität?
Die Startup-Mentalität verbessert sich. Wir haben eine Reihe von Investitionen auch in Europa, allerdings noch nicht in der Schweiz. Das kann noch kommen.

Ist Europa zu technikfeindlich? Die EU geht gegen Google mit dem Kartellrecht vor.
Die Idee der EU ist nicht schlecht, wenn sie auf Netzwerke wie Facebook und Google zielt, die zu dominant werden könnten und damit dem Wettbewerb schaden. Doch das Kartellrecht ist dazu ungeeignet. Es ist veraltet und kommt zu sehr aus der Zeit der industriellen Denkweise. Wir brauchen eine neue Gesetz­gebung, die Grenzen aufweist für grosse Netzwerke, aber der Fokus muss sich ­ändern.

Was meinen Sie damit?
Die Regeln müssen sich nicht auf das Netzwerk fokussieren, sondern auf die einzelnen Nutzer. Die Menschen brauchen mehr Rechte. Die Frage ist: Wer kontrolliert hier wen? Was passiert genau auf dem Telefon der Nutzer? Wo gehen ihre Daten genau hin? Wenn die Rechnerleistung zentral kontrolliert wird, dann habe ich als Nutzer ein Problem und nicht viel Wettbewerb. Da hilft das bisherige Kartellrecht nicht weiter. Wir haben es nicht mehr mit klassischen Industriefirmen zu tun, sondern mit Informationsfirmen.

Aber Google und Co. belegen ja, wie gross der Einfluss wird, wenn nur noch grosse Spieler den Markt beherrschen.
Regeln sind wichtig. Früher, im Industriezeitalter, ging es um Grössenvorteile. Damit haben Firmen einen Markt vollständig dominiert. Heute geht es um Netzwerk­effekte, die positive Externalitäten haben. Es tut der Welt nicht gut, wenn wir diese Netzwerke zerschlagen würden. Die Frage muss also lauten, wenn wir die Netzwerke haben wollen, aber nicht zu mächtig ­werden lassen wollen: Wie können wir die Macht an die Nutzer verteilen, statt sie nur bei einem Anbieter zu belassen?

*Albert Wenger ist Partner beim Risikokapitalfonds Union Square Ventures in New York. Die Firma hat bisher in rund 80 Unternehmen investiert (darunter Twitter, Foursquare und Kickstarter) und verwaltet ein ­Vermögen von rund 1 Milliarde ­Dollar. Wenger hat zahlreiche Firmen gegründet und mitgegründet. Er studierte am Harvard College und promovierte am Massachusetts ­Institute of Technology.

Albert Wenger wird mit zahlreichen Top-Referenten am 4. Mai 2016 an der Konferenz «Zukunft der ­Arbeit» diskutieren, die im Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon stattfindet.

Was würden Schweizer Bürger mit einem Grundeinkommen machen? Die Umfrage:

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