Die Krankenversicherer werden sich in den nächsten Jahren massiv verändern müssen und vermehrt zu Leistungserbringern werden. Wie konkret?

Georg Portmann: Auf der Basis des heutigen Leistungskataloges sollen künftig unterschiedliche Packages von Netzwerken mit Gatekeepern wie Spitälern, Hausärzten oder auch Telemed-Diensten geschaffen werden. Die Krankenversicherer können die Leistungserbringer von entsprechenden Angebotsbündeln durch Pauschalen entschädigen.

Was tut CSS diesbezüglich?

Portmann: Das Bild der reinen Zahlstelle gilt für uns übrigens schon längst nicht mehr. Wir haben seit einigen Jahren die Abwicklung der jährlich 9 Mio Rechnungen automatisiert und so Ressourcen freigeschaufelt für Care-, Disease-, Case-Management und einem kostenlosen Telemed-Angebot. Seit zehn Jahren haben wir zudem Anreize für gesünderes Verhalten geschaffen...

zum Beispiel?

Portmann: Wir bieten etwa mit unserem Gesundheitskonto Unterstützung und finanzielle Beteiligung an Kursen in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Prävention. Aktuell arbeiten wir an einem Programm zum Abnehmen für übergewichtige Kunden. Nehmen sie erfolgreich teil, werden sie ohne Vorbehalte in Zusatzversicherungen aufgenommen. Noch offen ist, ob die Kunden die Teilnahme bezahlen sollen oder nicht. Persönlich finde ich, was nichts kostet, ist nichts wert.

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Beim Thema Übergewicht öffnet sich eine Kluft zwischen Arm und Reich. Denn gesunde Nahrung ist teuer. Welchen Beitrag können Versicherer hier leisten?

Portmann: Das ist ein heikles Thema. Wir hatten schon eine Projektidee in diesem Bereich. Wir wollten eine Brücke zwischen der Ernährung mit gesunden Artikeln und den Krankenkassenprämien schlagen. Leider ist das Vorhaben aber gescheitert.

Warum?

Portmann: Es war keine elegante Finanzierungslösung möglich. Und meines Erachtens sollen Krankenkassen nicht einfach Nahrungsmittel subventionieren.

Das ist bei der heutigen Finanzierungsstruktur auch nicht attraktiv. Es lohnt sich für die Krankenversicherer vor allem, gute Risiken zu jagen ...

Portmann: Tatsächlich ist die Verbesserung des Risikoausgleiches die Mutter aller politischen Reformen. Heute haben Versicherer faktisch bessere Marktchancen, wenn sie eine aggressive Risikoselektion betreiben. Mit einer guten Managed Care erzielt man heute nur Einsparungen von 25%. Ein guter Risikoausgleich senkt die Kosten dagegen um 32%.

Was schlagen Sie vor?

Portmann: Der Risikoausgleich wird per 2012 optimiert: Das ist ein wichtiger Schritt. Weiter sind Mehrjahresverträge für Managed-Care-Modelle eine Möglichkeit. Es ist nicht gut, dass die Versicherten, die sich für ein HMO-Modell oder eine Wahlfranchise entscheiden, heute jedes Jahr die Kasse und das Versicherungsmodell wechseln können. Ergänzend dazu müssen aber auch die Transparenz der Qualität solcher Modelle gesteigert und das Billigimage abgestreift werden.

Welche Anreize sollen Versicherer ihren Kunden bieten?

Portmann: Die Versicherer könnten einen gesunden Lebensstil fördern. Gewicht und Nichtrauchen wären Optionen für prämienwirksame Effekte. Dann bleibt zwar die Frage nach der Kontrolle. Aber ich könnte mir vorstellen, dass derjenige, der sich für ein bestimmtes Netzwerk verpflichtet, an speziellen Programmen für mehr Bewegung etc. teilnehmen kann und auch von seinem Arzt bezüglich des Erfolgs überprüft wird.

Was halten Sie von Malus-Systemen?

Portmann: Ich finde es wichtig, die Leute nicht zu bestrafen, sondern für eine Leistung zu belohnen.

Dann sollten eigentlich die Kopfprämien abgeschafft und durch risikogerechte Prämien ersetzt werden ?

Portmann: Risikogerechte Prämien sind kommunikationstechnisch attraktiv. Sie zeigen, wie viel Gesundheit wirklich kostet. Aber politisch sind sie nicht durchsetzbar. Das beginnt schon bei der Definition von Übergewicht. Ein Ringer weist einen hohen BMI auf, aber bezüglich der Verteilung von Fett- und Muskelmasse ist er nicht mit klassischen Bewegungsmuffeln vergleichbar. Und was wäre mit den Kosten, die ein Kind mit Down-Syndrom verursacht? Aber statt über Leistungen spreche ich lieber über Kosten ?

Inwiefern?

Portmann: Für die Krankenkassen ist es wichtig, im Zusammenhang mit der Einführung von Fallpauschalen bei den Spitälern mit Vertragsverhandlungen auf den Vergütungspreis Einfluss zu nehmen. Auch sollten die Versicherer Einfluss nehmen auf die Investitionen von Spitälern und darauf achten, dass diese auch kantonsüberschreitend kooperieren. Schliesslich ist Care Management ein wichtiges Thema. Letztes Jahr haben wir 80000 Kunden beraten und sicher 10 Mio Fr. damit eingespart. Hier wollen wir uns künftig noch stärker engagieren.

Wie sieht es aus mit leistungserbringer- übergreifenden Angeboten?

Portmann: Wir haben bereits letztes Jahr mit einer orthopädischen Klinik einen diagnosebezogenen Vertrag für die Behandlung, Rehabilitation und Nachsorge von Hüftgelenksoperationen geschlossen und arbeiten mit der Swiss-Leading-Hospital-Gruppe zusammen. Für uns steht die Diskussion weiterer neuer Zusammenarbeitsformen auch bezüglich Prävention und der Abgeltung durch Pauschalen im Raum. Möglichkeiten sehen wir etwa bei Rückenproblemen. Auch die Zusammenarbeit mit NGO wäre denkbar, etwa in Bezug auf Transporte und Betreuung nebst der Spitex. Schon heute haben wir eine Zusatzversicherung mit Betreuung wie Bring- und Holdienst im Angebot.

Verschiedene Gesundheitsökonomen wollen das Versicherungsobligatorium abschaffen. Wie stehen Sie dazu?

Portmann: Ich halte am Obligatorium fest und will nicht die Grundwerte des Krankenversicherunsgesetzes (KGV) in Frage stellen. Es gibt wichtigere Tätigkeitsfelder.

Welche?

Portmann: Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen beträgt 3 Mio Fr. pro Tag. Stark dafür verantwortlich sind Mengenausweitungen und Überkapazitäten.

Wie wollen Sie dem begegnen?

Portmann: Zentral ist nebst Fallpauschalen die Lockerung des Vertragszwanges.

Diese ist aber stark umstritten und auch nicht in der KVG-Reform vorgesehen?

Portmann: Falsch. Die KVG-Reform sieht eine Regelung nach dem Ärztestopp vor. Dieser Punkt ist eine Chance für eine Neuorientierung. Die Krankenversicherer sollen sich zwar auch künftig mindestens an den OKP-Leistungskatalog halten, aber darüber hinaus bezüglich ihrer Grundversicherungsangebote frei sein. Es müsste ihnen auch möglich sein, zum Beispiel ein Netzwerk anzubieten, das neben der Grundversicherung die Alternativ- oder Palliativmedizin miteinbezieht. Die heutige Grauzone zwischen Grund- und Zusatzversicherung müsste heller werden.

Wie meinen Sie das?

Portmann: Heute hätten per Gesetz eigentlich nur Patienten mit einer Zusatzversicherung Anspruch auf eine Behandlung im Ausland. Wir lassen aber auch Patienten, die nur grundversichert sind, zur Rehabilitation nach Deutschland, falls sie das wünschen. Ich meine damit: Die Grundversicherung müsste offener gestaltet werden, mit verschiedenen Angeboten, mit transparenten Kriterien punkto Qualität und Leistungen sowie einer vollen Freizügigkeit für alle Kunden, unabhängig von ihrem Gesundheitszustand.

Welche strukturellen Anforderungen müssen Krankenkassen erfüllen, um im künftigen Wettbewerbsumfeld zu bestehen?

Portmann: Krankenkassen, die ausgesprochen regional tätig sind, können sich als Nischenplayer behaupten. Aber solche, die bereits schweizweit arbeiten, werden es schwer haben, wenn sie nicht über eine gewisse Grösse verfügen. Auch wir wollen weiter wachsen, um politisch mehr Gewicht zu bekommen und als Partner für Kliniken und andere Leistungserbringer noch attraktiver zu sein.

Dann streben Sie nach Intras weitere Akquisitionen an?

Portmann: Wir wollen die Nummer eins werden. Deshalb sind wir offen für weitere Schritte. Wir sehen uns nach weiteren Akquisitionszielen um.

Zwischen 1990 und 2006 ist die Branche von 246 auf 87 Krankenkassen geschrumpft. Wie stark geht die Konsolidierung in den nächsten Jahren weiter?

Portmann: Es geht wohl mittelfristig in Richtung 50 oder weniger.

Wie viele Krankenkassen braucht es in der Schweiz?

Portmann: Bei einer Autoversicherung bin ich als Konsument glücklich, wenn ich eine gute Wahlmöglichkeit habe, das heisst: Mindestens zwischen vier und sieben Versicherern auswählen kann.

Also müsste es auch bei Krankenkassen zwischen vier und sieben geben?

Portmann: Ja, mindestens.

Wie wird es mit der Prämiensteigerung bei den Krankenversicherern weitergehen?

Portmann: Für nächstes Jahr sind noch Defizite eingeplant, da die gesetzlichen Mindestreserven der grossen Versicherer auf 10% abgebaut werden. Danach wird für die Prämienzahler Kostenwahrheit folgen. Dann werden die Versicherungsprämien kostendeckend sein müssen.