Logitech hat vor einem Jahr die Webcams lanciert. Die Entwicklung hinkt den Erwartungen hinterher. Ein Flop?
Guerrino de Luca: Nein, überhaupt nicht. Die Zahlen sprechen für sich. Zwischen den Fiskaljahren 2000 und 2007 haben wir im Bereich Video um jährlich 26% zugelegt und erreichten letztes Jahr einen Umsatz von 313,9 Mio Dollar. Im letzten Quartal gab es einen Rückgang.

Sind zweistellige Zuwachsraten passé?
De Luca: Ich bin überzeugt, dass wir wieder zweistellig wachsen werden. Dazu werden wir unsere Marketingaktivitäten namentlich in Europa verstärken und dieses Jahr zwei Top-Webcams mit Carl-Zeiss-Linsen lancieren.

Microsoft ist ins Geschäft eingestiegen. Notebooks und Mobiltelefone haben
Webcams. Kein Grund zur Besorgnis?
De Luca: Nein. Wir sind uns den Wettbewerb gewöhnt. Vergessen Sie nicht: Logitech ist nach wie vor Webcam-Weltmarktführer, und zwar mit grossem Abstand auch noch nach Microsofts Markt-eintritt. Und was die Integration von Webcams in Notebooks und PC angeht, so sind dies ausgezeichnete Neuigkeiten für Logitech.

Weshalb?
De Luca: Weil dadurch das Bewusstsein für diese neue Form der Videokommunikation steigt. Dies wiederum ist sehr gut für unsere Webcams. Zur Erinnerung: Obwohl heute jeder PC mit einer Maus verkauft wird, läuft für uns dieses Geschäft nach wie vor hervorragend. Unsere Innovationen sprechen die Kunden an.

Anzeige

Sie haben eine Kooperation mit Skype und Youtube. Was versprechen Sie sich davon?
De Luca: Das sind zwei gute Beispiele, die zeigen, was man mit einer Webcam alles tun kann. Mit Skype kann man auf natürliche Art und Weise über Computer miteinander kommunizieren, als wäre man in einem gemeinsamen Raum. Zudem ist es mit unseren Webcams einfach und billig, eigene Videos für das Videoportal Youtube zu erstellen. Wir planen noch weitere vergleichbare Partnerschaften.

Wie würden Sie die Strategie von Logitech charakterisieren?
De Luca: Wir schränken unsere Märkte stark ein. Und dort, wo wir präsent sind, wollen wir die klare Nummer eins sein. Sie können sich kaum vorstellen, wie häufig wir uns diese Frage vor der Lancierung eines neuen Produkts stellen.

Zum Beispiel?
De Luca: Gerade der MP3-Markt ist ein typisches Beispiel. Wenn wir als kleiner Fisch in diesen gesättigten Markt dringen, dann werden wir aufgefressen. Deshalb ist unsere Position völlig klar: Wir sind auf die Schnittstelle zwischen Computer und Mensch spezialisiert und dort die Nummer eins.

Wie kamen Sie zu dieser Überzeugung - beziehungsweise: Warum haben Sie sich ­nicht von den gewaltigen Marktchancen verführen lassen?
De Luca: Man muss sich die Frage stellen: Warum haben Firmen Erfolg? Die Antwort ist einfach: Erfolgreiche Firmen unterscheiden sich, haben ein klares Profil und können von Skaleneffekten profitieren. Was mich immer wieder verblüfft, ist die mangelnde Disziplin der Firmen und wie sie von diesen einleuchtenden Grundsätzen abschweifen.

Ihre Erklärung?
De Luca: Weil alle in die gleiche Falle trampen. Ich nenne dies das T-Shirt-Phänomen. Der T-Shirt-Markt ist gigantisch. Jetzt sagt sich ein Unternehmer, wenn ich nur 3% dieses Markts für mich gewinne, dann mache ich das grosse Geld. Die Realität ist aber, dass nur ein paar Konzerne das grosse Geld mit T-Shirts machen und die vielen kleinen Fische nichts verdienen.

Anzeige

Warum steigen dennoch so viele Firmen in den T-Shirt-Markt?
De Luca: Ich beobachte bei vielen Firmen ein fast schon irrationales Bedürfnis nach Wachstum. Da ist die Gefahr, in diese Falle zu fallen, eben gross. Viele Firmen sterben, weil sie um jeden Preis wachsen wollen und die falschen Akquisitionen machen. «Big» ist nicht immer «beautiful». Viel entscheidender sind der innere Wert einer Firma und die Nachhaltigkeit. Das ist unsere Strategie.

Ärgert es Sie nicht, dass nicht Logitech den legendären iPod erfunden hat?
De Luca: Nein, überhaupt nicht, denn wir profitieren vom iPod- und generell vom MP3-Markt. Wir stellen zwar keine Abspielgeräte her, sondern das ganze Zubehör darum herum. Gerade mit Lautsprechern für den iPod verdienen wir viel Geld. Doch ich muss zugeben: Jedes Unternehmen hätte gerne ein derartiges Kultgerät wie den iPod im Portefeuille.

Anzeige

Haben Sie ein solches im Hinterkopf und noch besser in der Hinterhand?
De Luca: Wir haben bereits ein solches im Markt.

Welches?
De Luca: Unsere Fernsteuerung Harmony. Das Gerät ist einzigartig und passt hervorragend in den schnell wachsenden digitalen Markt. Harmony hat das Potenzial der Computermaus.

Das müssen Sie genauer erläutern.
De Luca: Schauen Sie sich einen heutigen Haushalt an. Er wird immer mehr digital vernetzt. Überall hat es kleine Computer, die fernbedient werden. Welche Erleich­terung ist es doch, wenn Sie all die verschiedenen Schalter, Einstellungen und Interaktionen mit einem einzigen Gerät bedienen und auf alle anderen Fernsteuerungen verzichten können. Das ist in unseren Augen eine grosse Idee, die sich zu einem sehr grossen Renner entwickeln könnte.

Was Logitech im Gegensatz zu Apple fehlt, ist eine Internetplattform wie iTunes. Ohne sie funktioniert der iPod nicht.
De Luca: Genau in diesem Bereich sehen wir ein grosses Zukunftspotenzial. Das digitale Heim ist unsere grosse Vision. Und in diese Richtung gehen die Kunden­bedürfnisse. Schauen Sie unsere Fern­bedienung Harmony und unsere Squeezebox, die Schnittstelle zwischen der MP3-Musik auf dem PC und der Stereoanlage, an – dahinter stehen Web-Services. In Zukunft werden elektronische Geräte und das Internet noch viel stärker miteinander kommunizieren. An dieses Modell glauben wird.

Anzeige

Sind Akquisitionen geplant?
De Luca: Durchaus. Wir sind an all diesen kombinierten Modellen interessiert, die Ausdruck des «new electronic consumer» sind, wie ich den heutigen Konsumenten nenne. Wir beschäftigen 800 Ingenieure und Forscher. 20% davon sind reine Software-Entwickler. Auch das ist ein Ausdruck davon, dass Logitech sich wandelt vom reinen Hardware-Produzenten zum kombinierten Anbieter von Produkten und konkretem Internetservice.

Dann wäre Slim Devices, das im Audio-Bereich erfoglreich ist, Beispiel für eine solche Akquisition.
De Luca: Genau. Wir wollen organisch und über Akquisitionen wie jene mit Slim Devices wachsen.

Was sind nebst dem digitalen Heim die anderen Trends für Logitech?
De Luca: Ich bin überzeugt, dass heute eine digitale Revolution stattfindet. Doch was die Leute in immer grösserem Ausmass stört, sind die vielen Kabel. Wir waren die Ersten, die kabellose Mäuse und Tastaturen angeboten haben. Doch das ist erst der Anfang.

Anzeige

Inwiefern?
De Luca: Um die drahtlose Technologie, namentlich die lokalen Funknetze Wifi, braucht es Peripheriegeräte. Das ist für uns ein wichtiger Markt. Der andere Trend ist der Gebrauch des Internet für die Kommunikation.

Sie wollen 3 Mrd Dollar bis 2010 ­erreichen. Angesichts der letzten ­Wachstumszahlen eine konservative ­Zielvorgabe.
De Luca: Sagen wirs mal so: Es ist ein erreichbares Ziel, weder überambitioniert noch zu konservativ. Wir können es erreichen. Unser Ziel ist nachhaltiges Wachstum, deshalb drosseln wir das Tempo und akquirieren nicht um der Grösse willen.

Sie wollen für das am 31. März 2008 ­endende Geschäftsjahr 2007/08 sowohl den Umsatz als auch das operative Ergebnis um 15% steigern. Schaffen Sie das?
De Luca: Wir sind auf gutem Weg, diese Ziele zu erreichen.

Sie arbeiten in Kalifornien und China, Daniel Borel, Gründer und Verwaltungsratspräsident von Logitech, pendelt ­zwischen London und Kalifornien. Ist ­Logitech noch eine Schweizer Firma?
De Luca: Ja natürlich. Der Finanz- und Management-Hauptsitz ist in der Schweiz. Aber Logitech ist auch eine amerikanische und chinesische Firma. Vielleicht ist dies ein Sinnbild für die Schweiz: Logitech ist ein globales Unternehmen.

Anzeige