Den steigenden Öl- und Treibstoffpreisen zum Trotz: Schweizer Autofahrer lassen sich ihre Freiheit auf den Strassen nicht vergällen und leben ihr Mobilitätsbedürfnis weiterhin ungebremst aus. Das zeigen die aktuellen Zahlen aus der Tankstellenbranche.

Im 1. Halbjahr 2008 haben die Schweizer Automobilisten an den Zapfsäulen gegenüber der Vorjahresperiode zwischen 4 und 5% mehr Benzin und Diesel gekauft. Das bestätigt Rolf Hartl, Geschäftsführer der Erdölvereinigung. Der Grund für die stärkere Nachfrage habe mit einem verstärkten Treibstofftourismus aus dem angrenzenden Ausland zu tun. Gleichzeitig habe der Absatz des Diesel-kraftstoffs im zweistelligen Prozentbereich zugelegt. Diesel ist zwar rund 20 Rp. pro l teurer. Dafür arbeiten die jüngeren Dieselmotorgenerationen deutlich effizienter und verbrauchen damit weniger Treibstoff. Dass Dieselautos en vogue sind, zeigen die Verkaufsstatistiken: Bereits jeder dritte Neuwagen in der Schweiz wird heute mit einem Dieselmotor angetrieben.

Agrola ist offizieller Marktführer

Diesem Trend entsprechend hat sich auch der Tankstellenmarkt entwickelt. Im Jahr 2007 wurden in der Schweiz laut einer Statistik der Erdölvereinigung 3637 öffentliche Markentankstellen gezählt. Im Vorjahr waren es 3596. Dieselöl bieten 3505 Tankstellen, 2006 waren es noch 3388.

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Die grössten Anbieter sind Agrola mit 423 Tankstellen. Dahinter folgen Shell (413), BP (401), Tamoil (323), Migrol (312) und Agip (236). Die Zahlen stammen aus der aktuellsten Erhebung der Erdölvereinigung vom Januar 2008, verändern sich allerdings laufend.

Mit über 700 Tankstellen ist zwar Avia die meistverbreitete Treibstoffmarke, kann aber als reiner Verbund elf unabhängiger Schweizer Importeure von Erdölprodukten in dieser Rangliste nur inoffiziell geführt werden.

«Eine derart hohe Dichte an Tankstellen ist für ein kleines Land wie die Schweiz nach wie vor bemerkenswert», betont Rolf Hartl, der von einem gesättigten bis übersättigten Markt spricht. Er rechnet für die kommenden Jahre deshalb kaum mehr mit Wachstum, sondern eher mit einer Stabilisierung.

Shops locken viele Kunden an

Die Gründe für Hartls Prognose: Es sei zu erwarten, dass im Falle einer sich verschlechternden Gesamtwirtschaft die rekordhohen Diesel- und Benzinpreise plötzlich doch zu einer raschen Einschränkung des Autogebrauchs in der Bevölkerung führen könnten.

Ein zweite zentrale Ursache für eine bevorstehende Konsolidierung ortet Hartl aber in der Tatsache, dass der Detailhandel mit seinen Convenience-Shops immer tiefer ins Tankstellengeschäft vorstösst. «Tankstellen mit wachsendem Shopping-Angebot ziehen eine steigende Zahl von Kunden an», so Hartl.

Schon heute erfolgen 69% des gesamten Treibstoffabsatzes in Tankstellen mit angehängtem Shop. Diese machen aber nur 35% aller Tankstellen schweizweit aus.

Diese fortschreitende Konzentration auf Standorte mit «Zusatzangeboten» wirke sich zwangsläufig negativ auf kleinere, nicht bediente Tankstellen aus. «Sie werden schon bei den geringsten Anzeichen eines gesamtwirtschaftlichen Abschwungs ihren Betrieb rascher einstellen müssen», folgert Hartl.

Migros will Coop einholen

Der deutliche Trend, dass die Konsumenten einen Tankstellen-halt gleich mit dem Einkauf von Lebensmitteln verbinden, hat auch die Anbieter zum Handeln bewegt. Um den Kunden in ihren jeweiligen Kerngeschäften ein noch besseres Angebot offerieren zu können, spannen Shell und Migros zusammen.

Shell wird spätestens ab 2010 die rund 80 grössten Migrol-Tankstellen mit ihrem Treibstoff beliefern und Agrola die Marktführerschaft streitig machen. Im Gegenzug darf der Detailhändler Migros in rund 60 grossen Shell-Tankstellenshops unter der Marke Migrolino Convenience-Produkte verkaufen.

Der Deal wird von Fachleuten als verzweifelter Versuch des orangen Riesen gewertet, Mitbewerber Coop ? der im Convenience-Markt längst enteilt ist ? wieder einzuholen. Coop jedenfalls bleibt nicht untätig: Die Basler expandieren mit ihrer Tankstellen-Ladenkette Coop Pronto rasant und feiern demnächst die Eröffnung des 200. Shops.

Neben Coop und Migros wollen auch andere Anbieter im wachsenden Convenience-Markt mitverdienen. Die darauf spezialisierte Lekkerland-Gruppe wächst in der Schweiz ebenfalls und beliefert heute weit über 1000 Tankstellenshops.

 

 


Agrola setzt auf neue Zapfsäulen, Shell will Standorte optimieren

Trotz der steigenden Abhängigkeit von Shopping-Angeboten bleibt die Stimmung bei den grössten Treibstoff-anbietern auch in Bezug auf das Kerngeschäft vorsichtig optimistisch. Edgar Bachmann, Leiter des Schweizer Tankstellengeschäfts von Shell, berichtet für das laufende Jahr von einer Steigerung des Verkaufsvolumens im Rahmen der positiven Entwicklung des Gesamtmarktes. «Die Tendenz ist sogar eher besser», betont er.

Beim offiziellen Marktführer Agrola schlägt die Vorliebe der Kundschaft für Shop-Tankstellen eins zu eins auf die Ergebnisse durch. «Unsere Standorte mit Einkaufsangebot liegen teilweise bis zu 10% über dem Vorjahr, während Tankstellen ohne nachgelagertes Geschäft Mühe bekunden», erklärt Geschäftsführer Stefan Feer. Er geht trotz der hohen Treibstoffpreise nicht davon aus, dass die Schweizer künftig ihre Mobilität einschränken und den Treibstoffverbrauch drastisch reduzieren. Agrola setzt daher weiter auf den Neubau von Tankstellen, aber in jedem Fall gemeinsam mit mindestens einem Zusatzangebot. Agrola kooperiert mit dem Detailhändler Volg und der Haus- und Gartengeschäftskette Landi.

Ihre führende Marktposition möchte auch Shell nicht zwingend über neue Tankstellen sicherstellen. Gemäss Edgar Bachmann soll in erster Linie das Kundenangebot an vorhandenen Stationen verbessert werden. Dabei spielt das Convenience-Geschäft eine zentrale Rolle. Bachmann geht davon aus, dass Automobilisten künftig ihren Treibstoffverbrauch leicht einschränken werden. Umso wichtiger sei das mit der Migros-Kooperation gefestigte Standbein im Shopping-Bereich.

Doch auch die zuletzt zweistelligen Wachstumsraten im Convenience-Markt, der heute auf rund 4,3 Mrd Fr. geschätzt wird, dürften abflachen. Durch den jüngsten Grosseinstieg der Migros sei eine erste Sättigung erreicht, vermuten Fachleute. Auch Rolf Hartl von der Erdölvereinigung ist überzeugt: «Der Tankstellenmarkt wird in den kommenden Jahren eher von Verlagerungen, dazu gehört auch der Umstieg auf alternative Treibstoffe, als von weiterem Wachstum geprägt sein.» (row)