Nach zwei Jahren mit sinkenden Löhnen bei den Top-Managern der grössten Schweizer Unternehmen sind die Vergütungen 2009 wieder deutlich gestiegen. Steht das in Verbindung mit der ausklingenden Krise?

Hans Münch: Es zeigt sich ein sehr heterogenes Bild. Im letzten Jahr sind einzelne Branchen bereits aus der Talsohle herausgekommen. Dort sehen wir höhere Löhne. In anderen Wirtschaftzweigen, die hinterherhinken, zeigen die Saläre abwärts.

An den Aktienmärkten gab es einen respektablen Kursanstieg. Sorgte das für wachsende variable Vergütungen?

Münch: Nicht unmittelbar. Die Börsenkurse sind zwar nach oben gegangen, aber dies wirkt sich bei den langfristig orientierten Lohnmodellen im Top-Management erst später aus.

Bei einzelnen Firmen erreicht der variable Anteil mit dem Bonus bis zu 90% des Salärs. Sind das noch gesunde Proportionen?

Münch: Es muss ein sinnvolles Verhältnis zwischen Grundsalär und variabler Vergütung geben. Dies fordert auch die Finanzmarktaufsicht Finma in ihren Grundsätzen zur Vergütung. Das soll verhindern, dass Top-Manager zugunsten des eigenen Bonus übermässige Risiken eingehen. Das Verhältnis zwischen fixem und variablem Salär ist aber je nach Branche und Funktion unterschiedlich.

Was ist ein sinnvolles Verhältnis?

Münch: Unserer Ansicht nach ist eine Aufteilung des Kuchens in drei Teile ein vertretbarer Ansatz: Ein Drittel Basissalär, ein Drittel Bonus als kurzfristiger Incentive und ein Drittel für die langfristigen Vergütungspläne.

Geht der Trend in besseren Börsenzeiten nicht in Richtung von Salärmodellen, die an den Aktienkurs gekoppelt sind?

Münch: Die Aktienkursentwicklung bildet nicht immer das nachhaltige Wachstum eines Unternehmens ab. Weit besser als Bemessungsgrundlage geeignet ist eine Kombination von internen Kennzahlen, wie nachhaltiges Gewinnwachstum, und relativen, externen Messgrössen, wie zum Beispiel der Total Shareholder Return.

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Auf Unverständnis stossen die Aktienoptionspläne mit ihrer Hebelwirkung für die Saläre der Top-Manager. Sind solche Lohnmodelle noch weit verbreitet?

Münch: Optionspläne sind eine aussterbende Spezies. Der ihnen immanente Hebel führt zu einem Alles-oder-Nichts-Effekt, der weder aus vergütungspolitischer Sicht noch aus Perspektive der Empfänger zielführend ist. In der Schweiz werden diese Options-Vehikel zunehmend durch Performance-Share-Pläne ersetzt, deren Ausgestaltung es zulässt, die Performance nicht nur zu einem Stichtag, sondern über einen längeren Zeitraum - in der Regel zwischen zwei und vier Jahre - zu beobachten und zu bewerten.

Aus politischen Kreisen kommen Forderungen nach Lohn-Obergrenzen. Was halten Sie von solchen Caps?

Münch: Obergrenzen mit einem vorgeschriebenen Betrag X sind keine praxistaugliche Lösung. Da wird etwas festgelegt, das sich schon morgen als falsch erweisen kann. Unterstützen kann ich langfristige Lohnmodelle mit einem Auszahlungscharakter, bei dem die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Bei solchen Plänen gibt es Abflachungen in der Auszahlungskurve, sobald gewisse Ziele erreicht werden.

Arbeiten bereits viele Firmen mit einem solchen Cap-Konzept?

Münch: Ja, wir haben Vergütungsmodelle mit einer systemischen Begrenzung nach oben vielerorts bereits umgesetzt. Diese Pläne haben auch den Vorteil, für Aktionäre transparent und nachvollziehbar zu sein. Dies ist eine zentrale Forderung moderner Corporate Governance.

Bei Grosskonzernen kommt es an der Generalversammlung zu einer Konsultativabstimmung über das Vergütungspaket. Bewirkt dies künftig mehr Zurückhaltung im Fall von Lohnerhöhungen?

Münch: Durchaus, denn die Abstimmung ist, anders als vielfach kritisiert, kein zahnloser Tiger. Die Tatsache, dass der Verwaltungsrat dem Aktionär sein Lohnmodell erklären muss, führt zu einer erhöhten Transparenz. Auch kommt die Firma dadurch in den Dialog mit den langfristig am Unternehmen interessierten Aktionären.

Auch die Verwaltungsräte werden grosszügiger bezahlt. Der Vorsitzende eines Vergütungsausschusses mit einem Millionengehalt dürfte höhere Lohnforderungen der Konzernleitung ohne Einwand bewilligen.

Münch: Ein Verwaltungsrat, der sich über die Marktsituation informiert, weiss genau, was machbar ist. Immer mehr Firmen ziehen auch einen externen Vergütungsberater bei, der solche Lohnforderungen unabhängig auf ihre Angemessenheit hin beurteilt. Bei den Gehältern der Verwaltungsräte ist zu beachten, dass beispielsweise die Mitglieder eines Vergütungsausschusses eine höhere Entschädigung erhalten, weil zeitliche Beanspruchung und Haftung massiv gestiegen sind.

Wo sind die Schweizer Top-Manager auf einer globalen Lohnskala angesiedelt?

Münch: Die Schweizer Führungskräfte sind im internationalen Vergleich überdurchschnittlich honoriert. Das gilt auch für alle anderen Arbeitnehmer. Ausschlaggebend dafür ist die hohe Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Wirtschaft.

Führt die wirtschaftliche Erholung im laufenden Jahr zu weiteren Lohnsteigerungen im Top-Management?

Münch: Sofern auch die unternehmerische Leistung stimmt, ist ein Anstieg beim variablen Vergütungsteil durchaus denkbar.