Julius Bär hat nach den harten Diskussionen um das grenzüberschreitende Bankgeschäft und branchenweiter Kritik nach der Wirtschaftskrise ebenfalls in der Weiterbildung der Julius Bär Academy reagiert und ist in die Offensive gegangen. Wie wirken sich die strategischen Massnahmen auf die Ausbildung und Verantwortung der Relationship Manager aus?

Lukas Stucky: Um den höchsten Ansprüchen im Private Banking zu genügen, haben wir unsere bisher schon umfassenden Weiterbildungsprogramme weiter intensiviert und zum Teil mit Zertifikaten standardisiert, was zusätzliche Classroom Trainings und Tests umfasst. Dies als Weiterführung zu den über die letzten Jahre regelmässig stattfindenden und für Kundenberater obligatorischen Programmen. Über die letzten eineinhalb Jahre war für Relationship Manager, sogenannte RM, zudem der Besuch eines Programms obligatorisch, das aus Selbststudium, Online Tools und Trainingsabschnitten besteht und mit einem Online-Fragebogen abschliesst. Diese RM-Zertifikation Products & Solutions wird unter der Voraussetzung überreicht, dass der Schlusstest mindestens 70% richtige Antworten enthält.

RM mit deutschen Kunden ausserhalb der Schweiz müssen eine sogenannte Country Certification absolvieren. Welche sensiblen Themen werden behandelt und wie sieht die aktuelle Situation aus?

Stucky: Aufgrund der Rahmenbedingungen im grenzüberschreitenden Bankgeschäft und der gestiegenen Compliance-Vorschriften müssen Kundenberater heute mit den komplexen Anforderungen an ihre Tätigkeit absolut vertraut sein. Dies bedeutet eine Up-to-date-Kenntnis vor allem der regulatorischen Vorgaben, aber auch des entsprechenden übrigen rechtlichen und marktspezifischen Umfelds. Was den deutschen Markt betrifft, müssen unsere Kundenbetreuer Know-how im Bereich Steuern, Produkte und Nachfolgeplanung haben, um ihren deutschen Kunden weiterhin einen überzeugenden Private-Banking-Service bieten zu können. Über Selbststudien, einen Pre-Test, ein dreitägiges Seminar und das Schlussexamen werden die Kundenberater betreffend dieses Know-how geprüft.

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Sind weitere Zertifikationen für andere europäische Länder geplant?

Stucky: Deutschland ist für uns der wichtigste europäische Markt, dort sind wir auch mit fünf Niederlassungen vertreten. Weitere Zertifikationen, etwa für Frankreich, Grossbritannien und Italien stehen kurz vor der Umsetzung. Diese Zertifizierungen sind ein anspruchvolles Vorhaben, weil in jedem Land wieder andere regulatorische und gesetzliche Vorgaben bestehen. Auch hier ist dies als Weiterführung zu den über die letzten Jahre regelmässig abgehaltenen Schulungen zu sehen.

Welche Rolle spielt die Julius Bär Academy bei der Weiterbildung der Mitarbeiter generell? Einmal abgesehen von den Zertifizierungen. Richtet sie sich vor allem auf Leadership aus?

Stucky: Die Rolle der Academy besteht zum einen darin, die Strategie der Bank umzusetzen und das marktspezifische Know-how der Kundenberater zu verbessern. Oder in Bezug auf Produkte und Service-Exzellenz. So gesehen ist die Personalentwicklung nichts anderes, als die Mitarbeiter dahingehend zu entwickeln, dass sie imstande sind, die Strategie der Bank umzusetzen. Zum anderen dient die Academy aber auch der Integration und Förderung der Mitarbeiter in der Organisation. Es gibt einige Corporate Universities, die rein auf Leadership ausgerichtet sind. Unsere Academy deckt die ganze Breite ab: Angesprochen sind alle Mitarbeiter, vom Assistenten bis zum Manager. Ein gutes Beispiel der Integration von Mitarbeitern ist die Übernahme der ING Bank Suisse durch Julius Bär. Für diese Mitarbeiter, wie für alle Neueintretenden, ist es wichtig, die Strategie, Kultur, Produkte, Lösungen und Anwendungen kennenzulernen, um in der neuen Umgebung zu arbeiten. Dazu werden Workshops angeboten und ein sogenannter Buddy hilft bei täglichen Fragen weiter.

Das Zauberwort Employer of Choice hat bei Julius Bär einen grossen Stellenwert. Wie werden Sie diesem selbst gesteckten hohen Anspruch gerecht?

Stucky: Ein Employer of Choice zu sein bedeutet für uns, dass sich wirklich hochqualifizierte und motivierte, gut ausgebildete Personen für uns entscheiden und dies nicht bereuen, sondern sich immer wieder in ihrem Entscheid bestätigt fühlen. Für die Bank Julius Bär und für die Academy heisst das vor allem: Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Leute ständig weiterlernen, um sich immer weiterzuentwickeln. Wir wissen, dass die Karriereperspektive eine grosse Rolle spielt. Wenn sich Neueintretende fragen, bekomme ich in dieser Bank Gelegenheiten, die mir wirklich eine Zukunft aufzeigen? Deshalb bilden wir talentierte Mitarbeiter systematisch für ihren nächsten Karriereschritt weiter. Neben internen Kursen arbeiten wir dabei mit Weiterbildungspartnern zusammen; etwa dem Swiss Finance Institute, dem Center for Young People oder der AKAD Höhere Fachschule für Bank und Finanz, die Gemeinschaftswerke der Banken sind und von der KV-Lehre bis zum Executive MBA eine breite Palette von Ausbildungen offerieren.

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Weiterbildung ist sicher wichtig. Wie verankern Sie sonst noch dieses Gedankengut bei den Mitarbeitern?

Stucky: Uns leitet die Frage, wie wir erreichen, dass die Menschen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Herzen hinter ihrer Aufgabe in der Bank stehen. Da zählen die Führungskräfte und das Team: Die Academy bietet eine Plattform, wo offen kommuniziert wird, Informationen weitergegeben werden und ei-ne Nähe zwischen CEO, Geschäftsleitung, Management und den Mitarbeitern besteht, also ein Netzwerk über die Einheiten hinweg. Eine unserer Antworten: Wir haben gemeinsam mit der Geschäftsleitung eine Plattform für informelle Anlässe geschaffen, wozu sich jeder anmelden und die Geschäftsleitung treffen kann, um neue Leute kennenzulernen, Ideen auszutauschen, Probleme loszuwerden oder über Gott und die Welt zu plaudern.