«E-Mail bringt Siemens-Top-Manager in Erklärungsnot», «Staatsanwaltschaft stellt bei Benq E-Mail als Beweismaterial sicher» – kaum ein Monat vergeht, ohne dass E-Mails zu grossen Schlagzeilen führen. E-Mails sind nicht nur ein unsicheres Kommunikationsmittel, ja sie sind ein explosiver Stoff, der jederzeit in die Luft gehen kann. Ein paar Beispiele:

• Der US-Abgeordnete Mark Foley hatte anstössige E-Mails und Chat-Botschaften an Praktikanten des Kongresses verschickt. Sie wurden im September 2006 – kurz vor den Kongresswahlen – bekannt, und Foley musste zurücktreten.

• Im Spionageskandal von Hewlett-Packard wiesen E-Mails auf eine «verdeckte Operation» hin (Bespitzelung von Journalisten und Verwaltungsräten durch VR-Chefin Patricia Dunn), um Informationslecks aufzudecken.

• Der verheiratete 68-jährige Boeing-Chef Harry Stonecipher sandte seiner firmeninternen Geliebten ein schlüpfriges Mail und musste im März 2005 zurücktreten.

Im Beispiel von Foley machten Unbekannte eine Reihe von E-Mails und Instant Messages des Republikaners bekannt, die strafbare Tatbestände und skandalöses Verhalten zeigen. Ebenfalls eine dritte Seite brachte Stoneciphers Mail an die Öffentlichkeit.

Offensichtlich horten Akteure verfängliche E-Mails, um sie im entscheidenden Moment zu lancieren – bei Foley lagen einige der E-Mails Jahre zurück.

Mails als teurer Spass

Nicht immer sind E-Mails Auslöser von Skandalen. Häufig kommen sie ins Spiel, wenn ein Skandal oder ein Verdacht einmal da ist. In der Folge lassen sich blitzschnell verräterische E-Mails auffinden. Und sie werden von Gerichten gerne als Beweismaterial verwendet. Und können zum teuren Spass werden: Die Investmentbank Merrill Lynch zahlte Mitte 2002 freiwillig 100 Mio Dollar Strafe, als E-Mails Vorwürfe bestätigten, dass Analysten in internen Mails Firmen als Nieten bezeichneten, nach aussen hin aber ihren Kauf empfahlen.

Das interne Mail über eine Mitarbeiterin kostete die UBS im Jahr 2005 eine Entschädigungssumme von rund 29 Mio Dollar. Unter anderem berief sich das US-Gericht auf eine elektronische Nachricht, in der es hiess, «man wolle sie so schnell wie möglich loswerden».

Pech hatte zuletzt auch der Formel-1-Rennstall McLaren-Mercedes, nachdem er in der Spionageaffäre um vertrauliche Ferrari-Daten zuerst von der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) freigesprochen worden war. Jedoch bestätigten später E-Mails, dass die Fahrer Fernando Alonso und Pedro de la Rosa die geheimen Informationen, entgegen ersten Behauptungen, von einem eigenen Mitarbeiter erhalten hatten. Die Kosten: 100 Mio Dollar.

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Das Auffinden und die Auswertung ist für Ermittlungsbehörden und Experten längst keine Hexerei mehr. Zum einen liegen E-Mails oft Monate oder gar Jahre auf Rechnern herum. Zum anderen sind sie an mehreren Orten gespeichert, wie Manager der Canadian Imperial Bank of Commerce (CIBC) erfahren mussten, als sie 2005 per E-Mail interne Mitarbeiter anheuerten, um eine eigene Investmentfirma auf die Beine zu stellen: Sie arbeiteten mit Blackberry-Geräten (persönliche digitale Assistenten für unterwegs) und dachten, dass sich auf persönliche Mails nicht zugreifen lässt, da diese über Mailkonten von externen Providern liefen. Aber CIBC hatte auch hiervon Kopien auf den zentralen Bankrechnern.

Vergessene Zwischenspeicher

«Der Transport einer elektronischen Meldung wie E-Mail, Instant Message und SMS erfolgt meist über mehrere Server. Jeder dieser Server speichert die Meldung, um sie anschliessend weiterzuleiten. Im geschäftlichen und behördlichen Umfeld werden die Meldungen zudem oft archiviert, um Geschäftsvorgänge belegen zu können», erklärt Hans Weibel, Professor für Kommunikationstechnik an der Zürcher Hochschule Winterthur.

Deswegen war es naiv, als ein Beteiligter im Enron-Skandal in einer E-Mail schrieb: «Halt die Klappe und zerstöre diese Nachricht.» Löschen am Arbeitsplatz nützt nicht viel, weil die Mails ja noch an anderen Orten vorhanden sind.