1. Home
  2. Unternehmen
  3. Handel mit dem Iran: «Natürlich ist das heikel»

Export
Handel mit dem Iran: «Natürlich ist das heikel»

Hans Hess: Der Swissmem-Präsident hält nichts von den Iran-Sanktionen. Keystone

Für Swissmem-Präsident Hans Hess ist die sich abzeichnende Öffnung des Iran eine grosse Chance. Noch wichtiger als die Zukunftsmärkte sei aber die Weiterführung des bilateralen Weges mit der EU.

Von Gabriel Knupfer
am 12.01.2016

Die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran haben sich verschärft. Im Februar will Bundespräsident Johann Schneider-Ammann in den Iran reisen. Wie gross ist die Gefahr die wichtigen Handelsbeziehungen zu Saudi-Arabien zu riskieren?
Hans Hess*: Wir brauchen einen guten Dialog mit beiden Ländern. Saudi-Arabien hatte in den vergangenen Jahrzehnten die engeren Beziehungen mit dem Westen. Es ist nur fair, wenn der Iran nun wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das Land bietet für Schweizer Firmen längerfristig vielleicht sogar die besseren Perspektiven als Saudi-Arabien.

Aus Sicht von Swissmem ist der Staatsbesuch also wünschenswert?
Ja, der Staatsbesuch macht auf jeden Fall Sinn. Für die Schweizer Industrie sind gute Beziehungen mit Blick auf die sich abzeichnende Öffnung des Landes wichtig. Wir vertrauen darauf, dass der Bundesrat eine umsichtige und international abgestimmte Aussenpolitik betreibt, die der komplexen Lage im Nahen Osten Rechnung trägt.

Die Euphorie um die Öffnung des Iran ist gross. Woher kommt diese Begeisterung?
Wir waren selbst überrascht, wie viele Leute zu unserer Informationsveranstaltung im Herbst gekommen sind. Doch der Iran ist ein grosses Land mit fast 80 Millionen Einwohnern und eine der bedeutendsten Volkswirtschaften im Nahen Osten. Zudem hatten viele Schweizer Unternehmen vor den Sanktionen gute Geschäftsbeziehungen im Land. Nun wollen diese Firmen zurückkehren, nachdem sie für eine lange Zeit keine Geschäfte mehr im Land machen durften.

Für welche Firmen ist der Iran besonders interessant?
Für Unternehmen im Öl- und Gasgeschäft gibt es grosses Potenzial. So hatten wir mit Burckhardt Compression, wo ich im Verwaltungsrat sitze, in den Bereichen Flüssiggas und Petrochemie einige Projekte, die wir leider auf Eis legen mussten. Diese würden wir gerne reaktivieren.

Wer kann darüber hinaus profitieren?
Der Iran hat grossen Nachholbedarf in diversen Bereichen und will die Wirtschaft modernisieren. Das bietet vielen Schweizer Firmen Möglichkeiten, besonders auch die Maschinenindustrie.

Sowohl der Iran als auch Saudi-Arabien sind berüchtigt dafür, Menschenrechte nicht zu respektieren. Wie ist es moralisch zu vertreten, mit diesen Ländern Handel zu treiben?
Natürlich ist der Handel mit solchen Ländern heikel. Ich denke aber, dass engere wirtschaftliche Beziehungen helfen, auch einen Teil unseres Wertesystems mitzubringen. Ich glaube nicht an die Wirkung von Sanktionen.

Warum?
Isolation bringt weder den Menschen in diesen Ländern etwas noch uns. Im Gegenteil: Mit einer Öffnung und mehr Handel kann viel mehr bewirkt werden. Als Unternehmer haben wir Einfluss – etwa auf die Arbeitsbedingungen oder die Einhaltung von Umweltstandards. Das habe ich in China erlebt, wo ich seit 25 Jahren Geschäfte mache. Den Menschen dort geht es heute um Welten besser als damals, obgleich natürlich vieles noch nicht so ist, wie es sein sollte.

Die geplante Reise Berns in den Iran wurde auch kritisiert, weil die Schweizer Wirtschaft viel wichtigere Probleme habe, als bei der Öffnung des Irans vorne dabei zu sein. Wie sehen Sie das?
Es ist klar, das die Weiterführung des bilateralen Weges für 95 Prozent unserer Firmen sehr viel wichtiger ist als die Chance, die sich mit der Öffnung des Irans bietet. Das weiss auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Ich habe keine Angst, dass er das Hauptgebiet für Nebenschauplätze vernachlässigt. Man soll das Eine tun und das Andere nicht lassen – das gilt auch für den Iran.

Doch die sogenannten Zukunftsmärkte laufen im Moment alles andere als rund: China schwächelt, gegen Russland gibt es Sanktionen, der Nahe Osten ist instabil. Wäre es nicht besser, sich mehr auf Europa und die USA zu konzentrieren?
Die Aussenpolitik darf sich nicht an der Quartalskonjunktur orientieren. Es braucht langfristig tragbare Handelsbeziehungen. Schwellenländer haben weiter Potenzial. Wer beispielsweise in Brasilien, Russland oder China ein Geschäft aufgebaut hat, ist im Moment sicher enttäuscht, weil es nicht gut läuft. Ich kenne aber keine Firma, die sich deswegen aus den neuen Märkten wieder vollständig zurückgezogen hat.

Der Schweizer Exportsektor ist seit Aufhebung des Mindestkurses vor einem Jahr in einer schwierigen Situation. Das betrifft die Swissmem-Mitglieder besonders. Soll die SNB zum Mindestkurs zurückkehren?
Wir gehen davon aus, dass ein Drittel unserer Firmen Verluste schreibt. Doch die Karte des Mindestkurses ist ausgespielt und kann nicht glaubwürdig ein zweites Mal eingesetzt werden. Wir fordern die SNB aber weiterhin auf, im Rahmen ihres Mandates alles sinnvoll Mögliche zu tun, um die immer noch deutliche Überbewertung des Franken möglichst rasch weiter zu verringern.

Letzte Woche forderte der Chefökonom der Raiffeisen-Bank ein Konjunkturprogramm, um den Exportsektor zu stützen. Ist das eine gute Idee?
Wir sind wegen dem starken Franken nicht in einer Konjunkturkrise, sondern in einer Margenkrise. Ein klassisches Konjunkturprogramm würde deshalb nichts bringen. Die Firmen müssen das Problem der verlorenen Konkurrenzfähigkeit grundsätzlich selber lösen. Der Staat soll sich auf das Schaffen guter Rahmenbedingungen konzentrieren und den Unternehmern nicht laufend zusätzliche Kosten und Regulierungen aufbürden.

Der starke Franken als Fitnesskur für die Firmen?
Ja, aber es ist eine brutale Fitnesskur. Die Unternehmen stellen sich so auf, dass sie weniger von Frankenkurs abhängig sind. Selbst mittelständische Firmen müssen einen Teil der Wertschöpfung ins Ausland verlagern. Einfachere manuelle Tätigkeiten werden zunehmend in Osteuropa oder anderen Billiglohnländern gemacht. Das kostet zwar Arbeitsplätze, aber am Ende können nur konkurrenzfähige Firmen überleben. Und wenn die Hausaufgaben einmal gemacht sind, können die Firmen auch in der Schweiz wieder wachsen.

Und Jobs schaffen...
Genau. Ungelernte Arbeitsplätze sind in der Schweiz für viele Branchen zu teuer geworden. Die Kernwertschöpfung der Schweiz wird aber von qualifizierten Arbeitskräften erwirtschaftet und diese werden weiter gefragt bleiben. Die neuen Jobs  werden anspruchsvoller sein und eine gute berufliche Grundausbildung gepaart mit  permanenter Weiterbildung voraussetzen.

Mit Johann Schneider-Ammann amtet 2016 ein Vertreter der Industrie als Bundespräsident. Wie glücklich sind sie mit ihm?
Auch der Bundespräsident hat natürlich nur beschränkte Möglichkeiten. Doch Johann Schneider-Ammann versteht die Bedürfnisse der Industrie. Für ihn hat der Erhalt der Bilateralen Verträge mit der EU oberste Priorität. Und das ist nicht nur für die Industrie, sondern für die gesamte Wirtschaft matchentscheidend.

*Hans Hess ist seit 2010 Präsident der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (Swissmem). Der ETH-Ingenieur ist Vewaltungsratspräsident bei Comet und bei Reichle & de Massari und sitzt im Verwaltungsrat von Burckhardt Compression.

 

Anzeige