Hans Moor erinnert sich: «Pragmatische Entscheide erfolgten in meinem bisherigen Managementalltag nicht selten auf der Basis von Scheinfakten, die am gewünschten Ziel vorbeiführten.» Seine berufliche Aufgabe in der Bundesverwaltung umfasst das Facility Management von Gebäuden und Infrastrukturen, die nach strengen Kriterien der Ökonomie und Ökologie bewirtschaftet werden müssen.

Moor wurde immer mehr bewusst, dass die Bewältigung künftiger Managementaufgaben eine breitere Wahrnehmung möglicher Einflussfaktoren erfordert. Daher hielt er Ausschau nach einer Weiterbildung, bei der er das Reflexionsvermögen trainieren und die Aufgabenstellungen aus mehreren Perspektiven beleuchten kann. Er verglich die verschiedenen Angebote in der Schweiz und entschied sich für den Executive MAS Philosophie und Management der Universität Luzern, der im April neu gestartet wurde.Der Kurs umfasst acht Module, die über 30 Monate verteilt an 42 Seminartagen angeboten werden. Einzukalkulieren sind weiter 40 bis 50 Tage für das Selbststudium - inklusive Referaten und Masterarbeit.

Macht, Freiheit, Verantwortung

Inhaltlich ist das Spektrum breit gesteckt. Es geht um Philosophie für Management, fokussiert auf die Seminareinheiten Wirtschaft, Medien, Politik, Netzwerke, Macht, Wahrheit, Weisheit, Zeit, Erfolg, Strategie, Freiheit, Kultur, Verantwortung und Ich. Um Themen also, die für das Management wichtig sind, obwohl sie in einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung kaum behandelt werden. Ein happiges Pensum wartet damit auf die Teilnehmer. Der Studiengang richtet sich an erfahrene Führungskräfte mit anerkanntem Hochschulabschluss, die im (inter-)nationalen Managementumfeld tätig sind. Philosophisches Vorwissen ist nicht erforderlich.«Im Laufe der Weiterbildung findet ein Austausch von Wissen, Erfahrungen und Ideen statt, die direkt in die berufliche Praxis eingebracht werden können», erklärt Studienleiter Manuel Bachmann. Ihm zufolge sorgt ein hochkarätiger Lehrkörper dafür, dass der Kurs seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden kann. Jedes Modul wird von einem universitären Philosophiedozenten betreut. Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik ergänzen die philosophische Sicht aus Praxisoptik, so Daniel Vasella (Novartis) oder Ulrich Zwygart (Deutsche Bank).Die Weiterbildung fordert die Teilnehmer, doch Moor ist nach den ersten Seminarmodulen überzeugt, dass er richtig entschieden hat: «Die Philosophie beginnt dort, wo konventionelle Managementmodelle enden.» Sie erlaube es, einen Bogen über die Einzeldisziplinen zu spannen und Prinzipien und Methoden zu formulieren, die polyvalente Problemlösungen ermöglichten. Moor erlebt die Schulung als Reflexion, die ihm im Arbeitsalltag hilft, sinnvolle sowie nachhaltige Entscheide zu fällen.Für Philosophieprofessor Enno Rudolph besteht die Herausforderung darin, als Dozent sein eigenes Fach auf dessen praxisrelevante Kompetenzen zu testen. Philosophie könne etwa als Anleitung zur Umsetzung der Produktivität oder zur effizienten Ausübung von erlangter Macht verstanden werden. Offensichtlich hat er den Draht zu den Managern gefunden. «Die Teilnehmer haben die Bedeutung der Philosophie als handfeste Anwendungswissenschaft entdeckt.»

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Orientierungshilfe in der Krise

Aufgrund der Wirtschaftskrise, die erhebliche Teile des Managements verunsichert hat, empfiehlt Professor Rudolph die Philosophie als unentbehrliche Diagnostikerin, die als Mutter der modernen Wissenschaften bewährte begriffliche, analytische und praktikable Mittel bereitstellt, um die Situation angemessen zu beurteilen und alternative Konsequenzen durchzuspielen. «Der Staat ist als finanzunternehmerischer Akteur in die Arena des scheinbar autonomen Marktes zurückgekehrt und ein neuer postliberalistischer Machtkampf bahnt sich an», sagt er.Studienleiter Bachmann bestätigt, dass seit der Krise das Inte- resse an der im deutschsprachigen Raum einzigartigen Weiterbildung der Universität Luzern gestiegen ist. «Die Krise erschüttert Selbstverständlichkeiten und verstärkt die im Zuge der Ökonomisierung geschaffenen Sachzwänge. Dieser Widerspruch muss gelöst werden.» Philosophie könne dabei eine Orientierungshilfe darstellen. Allerdings, warnt er, könnten die Teilnehmer nicht damit rechnen, Managementtools und Checklisten zu erhalten. Stattdessen sollen sie eine viel wertvollere Inspiration, einen mit Spass und Freude verknüpften geistigen Kick spüren.