Dass das Handy als Zahlungsmittel Kredit-, EC-Karten und Bargeld überflüssig machen könnte, ist nicht mehr nur Zukunftsmusik. «Im Spätsommer werden wir diese Dienstleistung mit einer ganz grossen Kampagne lancieren», verrät PostFinance-Chef Jürg Bucher auf Anfrage der «Handelszeitung». In einem ersten Schritt sollen jüngere Kunden dem Vernehmen nach mit Lockangeboten für den Festivalsommer 2008 für das Handy-Payment begeistert werden.

Ähnlich wie Anfang der 1990er Jahre beim Internet-Shopping und E-Banking besteht für diese Zahlungsmethode in der Schweiz noch kaum ein Markt. Die bisherigen Versuche schafften es selten über den Testmodus hinaus.

Ansätze, die sich langsam etablieren, wie das Handy-Ticket der SBB, sind administrativ aufwendig. Das Handy-Billett muss der Kunde über Internet oder Telefon bestellen und dann über Kreditkarte bezahlen. Für die Ticketbestellung via SMS vertrösten die SBB auf 2009. Auch bei Handy-Tickets für Skiregionen sind bisher keine direkten Abbuchungen auf dem Konto möglich – stets verdienen die Kreditkartenanbieter mit. Hindernisse gibt es auch beim Handy-Payment der Select-Automaten. Zum einen können nur Kunden einzelner mitverdienender Telekomprovider die Waren kaufen, zum anderen wird der Betrag via Telefonrechnung abgebucht.

Zu viele Einzelkämpfer

Aus Sicht von Swisscom-Chef Carsten Schloter konnte sich das Bezahlen mit Handys bisher nicht nur mangels Koordination der Telekomanbieter nicht durchsetzen. Auch das Interesse der Banken fehlte. Diese sehen im mobilen System eine Konkurrenz zu den traditionellen Zahlungsmitteln.

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Der mobile Service von PostFinance ist unabhängig von Telekomanbietern. Mit einer einmaligen Registrierung bei PostFinance kann jede Handy-Nummer mit dem Postkonto verlinkt werden. Die Lösung ist folglich auf die 2 Mio Kunden von PostFinance beschränkt. Wenn diese das Handy zum Shoppen verwenden, wird der Betrag direkt dem Postkonto belastet – sofern Geld vorhanden ist. Im Gegensatz zu Kreditkartentransaktionen ist eine Verschuldung nicht möglich. Hinzu kommt eine Bezugslimite von 250 Fr. Die Kommissionen belaufen sich auf 5%, laut Post weniger als bei bestehenden Alternativen zu Handy-Käufen.

Die Kreditkartenanbieter werden die Postoffensive als Erste spüren. Swisscard, die Herausgeberin von Kreditkarten für Credit Suisse, ist überzeugt, dass sich das Bezahlen unabhängig vom traditionellen Verkaufspunkt auch für Issuer von Kreditkarten zu einem attraktiven Markt entwickeln kann. Doch Swisscard-Sprecher Urs Knapp gibt aber zu bedenken: «Zurzeit befindet sich dieser Markt in einer sehr frühen Phase. Eine wichtige Voraussetzung für einen Markterfolg ist, dass weltweit etablierte Standards zur Anwendung kommen.» Allerdings würden eine solche neue Technologie die Kreditkarten nicht ablösen, sondern nur ergänzen.

Der Direktor von Cornercard, Alessandro Seralvo, betont, dass es für seine Firma als Herausgeberin von Visa- und MasterCard-Karten Zahlungsapplikationen anzustreben gelte, die sich weltweit durchsetzen können. Die Aduno-Gruppe, zu der die Kreditkartenherausgeberin Visac gehört, schreibt: «Wir glauben an das Marktpotenzial und werden in Zukunft sicher an einer globalen Lösung wie etwa mit Zahlungsmitteln mitarbeiten.»

Die UBS verfolgt derzeit kein eigenes konkretes Projekt. UBS-Sprecher Axel Langer: «Wir prüfen aber laufend die Marktentwicklung und verschiedene Handlungsoptionen.» Bei Konkurrentin Credit Suisse heisst es: «Wir sehen durchaus Möglichkeiten, die künftig im Bereich Zahlen mit dem Handy angeboten werden können.»

Dass die Zeit bisher nicht reif war für eine breite Verwendung des neuen Zahlungsmittels, zeigten erste Versuche von PostFinance direkt an der Ladenkasse vor zwei Jahren zusammen mit Migros, Coop und andere. Laut PostFinance sind die Detailhändler noch nicht bereit, grossflächig in die Handy-Bezahlung zu investieren. Migros-Sprecher Urs-Peter Näf: «Interessant wird es, sobald sich Standards und eine breitere Akzeptanz zeigen.»

Erste Erfolge

Dennoch ist es PostFinance bereits gelungen, Kunden für mobile Distanzkäufe zu gewinnen. Die letzten August eingeführte Handy-Zahlung mit Partnern wie «20minuten» und dem Parkplatzverkäufer Epark24 verzeichnen 2900 registrierte Kunden, wie PostFinance-Sprecher Marc Andrey sagt. Ebenfalls erfreulich ist die Entwicklung beim im April lancierten Mobile Payment auf dem Bauernhof, das die Zürcher Jungfirma ePay24 mit PostFinance entwickelte. Der erfolgreichste von 35 Bauern, Willi Vögeli aus Horgen, hat innert eines Monats über das Handy für 1000 Fr. Ware von seinem Selbstbedienungsladen verkauft. Er ist überzeugt, dass es sich um Neukunden handelt: «Nicht alle haben Münz in der Tasche, aber viele ein Handy.»

Global haben auch mehr Menschen ein Handy als eine Kreditkarte. Experten gehen davon aus, dass sich heuer die Transaktionen, welche über Mobiltelefone abgewickelt werden, gegenüber 2007 auf 37 Mrd Dollar verdoppeln.