Ein grosses Kongresszentrum sucht man in St. Moritz vergeblich. Wollen Sie der WEF-Stadt Davos keine Konkurrenz machen?

Hanspeter Danuser: Nein, das ist eine Frage der Positionierung. St. Moritz will keinen Heilstätten- und Geschäftstourismus, sondern konzentriert sich auf Ferien für den Individualgast. Was in der Stadt besser aufgehoben ist als hier oben auf 1800 m über Meer, machen wir nicht. Deshalb haben wir bereits vor dem Ersten Weltkrieg fünf Luxushotels gebaut, die heute eigenständig Kongresse mit bis zu 300 Gästen durchführen können. Sie decken damit rund 90% der Nachfrage ab.


Als bekannteste Ferienmarke der Welt müsste es doch einfach sein, namhafte Kongresse und Events nach St.Moritz zu holen.

Danuser: Ja, durchaus. Nur ist das nicht unsere Strategie. Grossanlässe passen nicht zum Individualgast. Wir wollen nicht Davos konkurrenzieren, das im Kongressbereich ein globaler Brand ist.


Aber die Marke allein wirkt doch schon als Magnet.

Danuser: Richtig, aber nur ein gut profilierter Brand behält seine Ausstrahlung. St. Moritz steht für Extravaganz und Exklusivität. Wenn sich Ferien und Geschäft vermischen, wird es schwierig. Der Markt akzeptiert pro Brand nur eine Positionierung.


Kongressgäste geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Das würde zu den Luxushotels passen, die ein Drittel der Betten im Engadiner Kurort anbieten.

Danuser: Diese Hoteliers sind im Bereich von mittelgrossen Tagungen auch aktiv. Aber massenhaft Leute, die mit Namensschildern in den Strassen von St. Moritz flanieren, stossen sich an den anspruchsvollen Individualgästen. Trotzdem: Es gibt das Projekt für einen multifunktionalen Saal für 800 Personen. Selbst bei einer Realisierung werden wir uns aber nicht als Kongressort positionieren.


Die Oberengadiner Verkehrsvereine haben die Kräfte in einer neuen Organisation gebündelt. Es stehen mehr Mittel für das Marketing zur Verfügung. Profitiert davon auch das Konferenzgeschäft?

Danuser: Ja, das kommt allen zugute. Die neue Organisation Engadin St.Moritz konzentriert in der Anfangsphase die Gästeservices, wie Auskunftsschalter, Call Center, IT, Promotion und Verkauf. Die vereinfachten Entscheidungsstrukturen ermöglichen es auch, die finanziellen Mittel schwerpunktmässig einzusetzen. Dabei spielt das MICE-Geschäft – also Meeting, Incentive, Congress, Events – eine wichtige Rolle. Die Hotels können damit die Produktivität steigern und die Saison verlängern.

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Pontresina verfügt über ein Kongresszentrum. Gibt es Anstrengungen, um mit grossen Tagungen die Wertschöpfung in der ganzen Region zu erhöhen?

Danuser: Mit der Neustrukturierung wurde eine Stelle für das MICE-Geschäft geschaffen. Dieser Bereich soll zugunsten der rund 160 Hotels in der Region weiter ausgebaut werden. Rund 40 Häuser, vorab im oberen Segment, sind global marktfähig und können eigene Angebote im Tagungsbusiness machen. Das Kongresszentrum Pontresina ist für alle Hotels in der Region da, denen solche Räumlichkeiten selbst nicht zur Verfügung stehen.


Die ersten Olympischen Winterspiele fanden in St. Moritz statt. Das Hochtal wird von Spitzensportlern regelmässig als Trainingsstätte genützt. Drängen sich da Kongressthemen wie Wirtschaft, Sport, Gesundheit und Prävention nicht geradezu auf?

Danuser: Ja, in jedem Fall. Unser Pluspunkt ist die unverfälschte Natur. Dazu kommt die Bäderkultur mit einer eigenen Quelle. Der olympische Mythos revitalisiert die Leute allein von der mentalen Seite. Die Top-Athleten trainieren jetzt schon in der Höhenlage für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking. Das färbt auf das Tagungsgeschäft ab, einem Mix aus Meetings, Erlebnis, Teambildung und Emotionen.


St. Moritz hat sich mit dem Clean Energy Concept einen Namen gemacht. Sie treten selbst als Redner für die Zukunftsenergien auf. Weshalb nicht bei eigenen Kongressen im Engadin?

Danuser: Das gab es bereits. Der Green- Power-Kongress fand anfänglich in St.Moritz statt, bis er zu gross wurde. Jetzt ist er in Lausanne. Wir hatten auch das Worlds Sport Forum, bis es die Kapazitätsgrenzen sprengte. Davos hat umgekehrt das Kongresszentrum laufend der Entwicklung des World Economic Forum (WEF) angepasst.


Welches sind die Handicaps von Engadin St. Moritz, wenn es um die Akquisition von nationalen und internationalen Tagungen geht?

Danuser: St. Moritz ist als schicker Ferienort in den Köpfen der Leute verankert, speziell im Winter. In der Hauptsaison ist es schwierig, grössere Anlässe zu platzieren. Es gibt aber immer wieder Dellen, wie etwa zum Wochenanfang, die wir mit kleineren Tagungen ausfüllen können.


Dann wird vor allem versucht, mit dem Tagungsgeschäft die Saison zu verlängern.

Danuser: Ja, da haben wir noch ein grosses Potenzial. Dies gilt für die schönen Sommer- und Herbstmonate Juni, September und Oktober. In dieser Zeitperiode haben wir die Möglichkeit, mit dem Preis zu arbeiten, wenn andere Orte, etwa Luzern oder Montreux, ihre Hochsaison haben.


Vom benachbarten Flugplatz in Samedan gibt es keine regelmässigen Linien- und Charterflüge.

Danuser: Wir suchen den gehobenen Individualgast, der mit einem Privatjet landen kann. Der Flugplatz wird in den nächsten zwei Jahren auch für den Instrumentenflug ausgebaut. Linienflüge streben wir nicht an, allein schon wegen dem Lärm. Hingegen sind Charterflüge in Verbindung mit grösseren Anlässen möglich.


Dafür hat man die Rhätische Bahn als wintersichere Verbindung.

Danuser: Wir arbeiten seit einem Vierteljahrhundert eng mit der Rhätischen Bahn zusammen. Der Glacier Express gehört global zu den zehn wichtigsten touristischen Brands der Schweiz. Die zweistündige Anfahrt von Chur im Salonwagen ist Teil dieser Erlebniswelt in den Bergen. Für grosse Veranstaltungen ist der Sicherheitsaspekt zudem besonders wichtig. Destinationen mit nur einem Fluchtweg werden von internationalen Unternehmungen nicht akzepiert. Wir verfügen über mehrere Strassen- und Eisenbahnachsen und können das Tal auch mit einfachen Mitteln blockieren.


Die Marketingbemühungen zielen nebst den europäischen Nachbarländern Deutschland und Italien vor allem auf Nordamerika und Asien. Verspricht man sich in diesen Wachstumsmärkten auch etwas für das Konferenzgeschäft?

Danuser: Ja, absolut. Wir arbeiten mit den 20 Mega-Städten, von denen zwei in Europa liegen und der Rest in Amerika und Asien. In diesen Gebieten geht wirtschaftlich die Post ab. Die Top-Schicht in diesen Grossagglomerationen ist unser Ziel.


Wer als Konferenzteilnehmer in einen attraktiven Kurort kommt, verbringt später an gleicher Stelle oft auch seine Ferien.

Danuser: Das trifft sicher zu. Diese Wirtschaftselite schätzt es aber nicht, wenn an ihrem exklusiven Ferienort gleichzeitig auch der eigene Verkaufschef einen Kongress besucht.


Wird St. Moritz innerhalb der neuen Organisation für das Oberengadin eine Sonderstellung einnehmen?

Danuser: Es wird eine klare Splittung der beiden Marken geben. Engadin St. Moritz als Talmarke für die gesamte Region und St. Moritz Top of the World. Es gilt, diesen Brand weiterhin sorgfältig zu pflegen, damit die Sogwirkung für die gesamte Destination aufrechterhalten bleibt. Das MICE-Geschäft wird sich auch künftig vor allem an St. Moritz orientieren.


Sie reisen zur Promotion oft in der Welt herum. Welchen Stellenwert hat die Destination Schweiz?

Danuser: Die Schweiz besitzt in Europa und insbesondere in Asien einen sehr hohen Stellenwert. Das Swiss made steht für Verlässlichkeit, Sicherheit, Schönheit, intakte Natur sowie freundliche und sprachgewandte Leute. Das ist verknüpft mit den bekannten Clichés wie Schokolade, Käse oder Uhren. In Amerika ist die Schweiz weniger profiliert. Da werden wir oft mit Schweden verwechselt.


In gewichtigen Kongressorten hört man, die Swissness gehe etwas verloren, weil jeder bekannte Schweizer Kurort seine Marke hervorstreiche.

Danuser: Diese touristischen Renommiermarken machen gerade die Swissness aus. Es gibt den amerikanischen Ausspruch «Get big, get niche or get lost».
Die Schweiz ist ein klassisches Nischenprodukt. Wir sind klein, aber exklusiv. Deshalb zahlen die Gäste die hohen Preise.


Wo sind unsere schärfsten Konkurrenten?

Danuser: Andere starke Marken mit einem guten Angebot. Dazu gehören etwa Hawaii oder Monte Carlo.

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Steckbrief

Name: Hanspeter Danuser
Funktion: Kurdirektor St. Moritz
Alter: 60
Wohnort: St. Moritz
Familie: Geschieden, zwei Söhne
Ausbildung: Lic. oec. Universität
St.Gallen HSG; Dr. oec. publ. Universität Zürich

Karriere

Seit 1978 Kur- und Verkehrsdirektor St. Moritz

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Engadin St.Moritz

Kongresse und Seminare: Das MICE-Geschäft (Meeting, Incentive, Congress, Event) wird seit Mitte 2007 von der neuen Organisation Engadin St.Moritz für die gesamte Region vermarktet. Im Vordergrund stehen neben dem Kongresszentrum «Rondo» in Pontresina (siehe Seite 72) verschiedene Fünfsternehotels in St. Moritz, Sils, Zuoz und Pontresina, ebenso wie weitere Seminarbetriebe im Oberengadin. Angeboten werden verschiedene Rahmenprogramme für die Winter- und Sommersaison. Als Ergänzung zu den Hauptsaisonzeiten werden für Kongresse und Seminare vor allem die Monate Oktober und April forciert.

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www.engadin.stmoritz.ch