Der Tourismus in der Schweiz boomt, der schwache Franken hilft nach. Wie nachhaltig ist der Aufschwung?

Hanspeter Danuser: Man hat einiges gelernt. Der Boom ist nicht nur währungsbedingt. Die Amerikaner kommen wieder ins Engadin, auch die Deutschen, Asiaten sowie Italiener, die aus den heissen Städten flüchten.

Mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels geht zwischen Graubünden und Wallis der Kampf um die Gäste los. Wie reagiert St.Moritz auf die Offensive?

Danuser: Wir arbeiten seit Jahren mit dem Wallis und mit Zermatt zusammen, wie das Beispiel Glacier Express zeigt. Ich finde den Lötschberg phänomenal, er befruchtet den Glacier Express. Mit dem Panoramazug kommen die Gäste nach St. Moritz. 40% der Übernachtungen in Zermatt stehen im Zusammenhang mit dem Glacier Express. Das ist bei uns auch so.

Haben Sie Angst, dass Zermatt sich ein Stück vom Kuchen des Luxussegmentes abschneiden wird?

Danuser: Dort fehlt der Flughafen.

Sion.

Danuser: Der ist zu weit entfernt. Die Leute wollen direkt zur Destination fliegen.

Allerdings ist Zermatt vom Flughafen Zürich in 3 Stunden 35 Minuten Zugfahrt schneller erreichbar als St.Moritz. Ins Engadin dauert die Fahrt 10 Minuten länger.

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Danuser: Höchstens 20% der Gäste fahren mit der Eisenbahn nach Zermatt. Der Lötschberg ist reiner Zubringer. Die Räthische Bahn bei uns ist Teil der Ferien.

St. Moritz zählt im Sommer 146000 Besucher, im Winter 43000 weniger. Trotzdem machen Sie im Winter das Geschäft. Das ist eine Disbalance.

Danuser: Im Sommer bleiben die Gäste nicht so lange wie im Winter und geben drei Mal weniger Geld aus. Der Sommer ist ein Ergänzungsgeschäft. Im Winter sind wir weltweit die Nummer eins, von der Wertschöpfung her, aber auch vom Bekanntheitsgrad. Wenn Sie von Weihnachten bis Ostern Gäste haben, die pro Tag im Schnitt 1000 Fr. ausgeben, dann leben Sie das ganze Jahr recht gut. Wir versuchen, das Beste aus dem Sommer rauszuholen.

Sie stärken den Sommer mit Aktionen und Events. Wollen Sie so die negativen Folgen des Klimawandels auf den Wintertourismus von St. Moritz fern halten?

Danuser: Nicht nur. Wir tun bereits viel gegen den Klimawandel. Seit 1982 fährt der «neue» Glacier Express, seit jener Zeit, als die grossen Autobahnen gebaut wurden. Wir haben seit der Ski-Weltmeisterschaft das Clean-Energy-Projekt. St. Moritz ist heute Meinungsführer, wenn es um umweltfreundliches Reisen geht.

Und trotzdem kommen Ihre Gäste oft mit dem Privatjet ins Engadin.

Danuser: Nicht einmal 1% der Gäste kommt mit dem Flugzeug. Das macht weniger als 20000 Flugbewegungen pro Jahr.

Aber es ist das wichtigste Prozent für St.Moritz, nämlich jenes, das tausende von Franken im Dorf liegen lässt.

Danuser: Das sagen Sie jetzt. Menschlich sind alle gleich. Aber diese Gäste haben eine hohe Wertschöpfung. Im Dezember und Januar gibts über 60 Direktflüge zwischen Moskau und St.Moritz. Man muss die Relationen sehen: Die meisten Gäste kommen mit dem Auto. Ein kleinerer Anteil reist mit der Bahn an.

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Und trotzdem: Graubünden verliert, das Wallis gewinnt an Logiernächten. St.
Moritz legt weniger stark zu als Zermatt.

Danuser: Wir haben ziemlich viele Hotelbetten verloren. Zermatt hat mit dem Wintertourismus erst in den 1950er Jahren begonnen. St. Moritz hat den Wintertourismus 1864 erfunden. Heute hat St. Moritz drei Mal weniger Hotels als Zermatt mit 120 Hotels und 25% weniger Betten darin.

Damit sind Sie zufrieden?

Danuser: Ja, wir haben eine völlig unterschiedliche Hotelstruktur. Durch den Nachfrageboom nach Immobilien kostet bei uns ein Wohnquadratmeter bis zu 35000 Fr. Das ist ein grosses Problem. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren 10% der Einwohner verloren und 10% der Hotelbetten. Wenn man das berücksichtigt, dann haben wir eine bessere Produktivität als früher. Die Hotels, die wir haben, sind gut bewirtschaftet. 60% der Hotelbetten stehen in 4- und 5-Sterne-Hotels. Entscheidend ist, was liegen bleibt.

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Andere Orte wie Flims/Laax bauen Resorts, um Gäste anzuziehen

Danuser: ja, nur so macht es Sinn für Bergbahnen, Läden und Beizen. Im Engadin wollen wir aber nicht mehr Kapazität, 100000 Betten sind genug. Entscheidend ist die Wertschöpfung. Ich vergleiche Destinationen, indem ich schaue, wie viel Staatssteuer sie zahlen pro Kopf der natürlichen Bevölkerung.

Sie wollen gar nicht wachsen?

Danuser: Nein! Ein Tal auf 1800 m über Meer soll nicht mehr als 100000 Betten haben. Sonst besteht die Gefahr, dass wir auf Dauer nicht mehr Top of the World sind – wegen Verkehrs-, Logistik- und Recyclingproblemen. In der Hochsaison sind wir die sechstgrösste Schweizer Stadt.

Was ist denn Ihr Ziel?

Danuser: Jedes Jahr 2% mehr Logiernächte in Hotels und 5% mehr in Wohnungen.

Dann wollen Sie doch wachsen.

Danuser: Nein, es geht um reine Produktivitätssteigerung, qualitatives Wachstum. Seit 25 Jahren bin ich gegen jedes zusätzliche Bett ausserhalb der Hotellerie. Man hat lange die Kuh verkauft, anstatt die Milch; man hat das schnelle Geschäft gemacht. Natürlich haben Zweitwohnungen kurz- und mittelfristig Positives, siehe Wertschöpfung, siehe Markenwert von St.Moritz. Das geht nur mit Geld. Wir haben seit Jahren bei 5000 Einwohnern über 100 Mio Fr. Bauvolumen pro Jahr. Im Zweifelsfall ist mir das lieber, als wenn niemand mehr investieren würde.

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Investitionen lösen aber das Problem der leer stehenden Zweitwohnungen nicht.

Danuser: Das stimmt. Das grösste Kapital eines Kurdirektors in den Bergen sind die Landschaft, sauberes Wasser, Klima und viel Sonne. Darum musste der Kurdirektor «an die Säcke» und Einfluss nehmen, das haben wir mit der Initiative vor zwei Jahren gemacht. Der Bau von Zweitwohnungen wird beschränkt. Jetzt werden die Details im Richtplan festgeschrieben.

Die Politik in St. Moritz ist allerdings skeptisch gegenüber Ihrem Vorschlag.

Danuser: Ich staune, dass die Politiker nicht mehr machen. Eine Studie der Uni St.Gallen schlägt ein ähnliches Konzept vor, und auch in Crans Montana im Wallis hat man durchgesetzt, dass fortan min-
destens 70% eines Neubaus vermietet werden müssen. Auch im Hinblick auf die Initiativen von Franz Weber und Pro Natura, die den Zweitwohnungsbau drastisch einschränken wollen, sind griffige Alternativen nötig – und zwar vorgängig.

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Diese Initiativen müssten Sie doch eigentlich unterstützen.

Danuser: Nein. Weber will die Zahl der Ferienwohnungen auf 20% pro Gemeinde beschränken – wir haben jetzt schon 60%. Pro Natura will gar ein Moratorium von 20 Jahren für Zweitwohnungen. Dann kann hier überhaupt nicht mehr gebaut werden. Deshalb habe ich den Politikern hier empfohlen, dass sie Alternativen schaffen sollten, bevor die Initiative angenommen wird. Weber wird von rechts und links unterstützt, das kann eine unheilige Allianz geben. Wenn die Initiative durchkommt, haben wir hier oben ausgebaut.

Im Tirol beträgt der Zweitwohnungsanteils 8% pro Gemeinde. Diese Gegend hat bei den Gästen aus der Schweiz Erfolg.

Danuser: Ein Verbot widerspricht meiner liberalen Überzeugung. In unserem Fall müssen wir pragmatisch sein und eine bewegliche Lösung finden wegen der Initiativen Webers und Pro Natura.

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Ihr Rezept ist die Zwangsvermietung von Zweitwohnungen.

Danuser: Der Begriff Zwangsvermietung ist völlig daneben. Wir haben Besitzstandwahrung. Es geht um die bestehende Bausubstanz im Ortszentrum – in der Zukunft. Wer dort kaufen und bauen möchte, kann das mit der Auflage, dass er vermietet, sofern er die Wohnung nicht selber braucht. Der ägyptische Investor Sawiris will in Andermatt auch jeden Villen-Käufer überzeugen, zu vermieten, wenn er nicht in Andermatt ist (siehe auch Seite 19). Das hat viel mit Zweckmässigkeit zu tun. Man kann so verdichtet bauen in den Ortszentren.

Aber man besitzt ja nicht eine Zweitwohnung, um sie dann vermieten zu müssen.

Danuser: Klar, es gibt Leute, die gäben sie nicht einmal ihrem eigenen Bruder zur Nutzung. Diese können ja weiterhin ihre 30000 Fr. pro Quadratmeter bezahlen, wenn sie denn überhaupt noch Boden bekommen. Ein Drittel derjenigen, die hier oben kaufen möchten, wäre bereit dazu. In Amerika ist so etwas völlig normal. Bei uns stehen viele Ferienwohnungen während 46 Wochen im Jahr leer und werden durchgeheizt. Das ist nicht nachhaltig.

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Auch hier: Ihre Gäste sind die Superreichen, die mit dem Privatjet kommen oder mit schweren SUV anfahren.

Danuser: Nicht nur. Auch die ganz Reichen bekommen nicht mehr alle ein Haus oder eine Wohnung in St. Moritz. Wenn wir nur noch jene Gäste haben, die zwei Wochen im Jahr in ihren Wohnungen sind, wird St. Moritz immer kälter. Dann reisen die Leute ins Tirol und nach Vorarlberg. Viele Schweizer gehen doch deshalb vermehrt dorthin. Wir wollen nicht zuschauen.

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Steckbrief

Name: Hanspeter Danuser
Funktion: Kurdirektor St. Moritz
Alter: 60
Wohnort: St. Moritz
Familie: Geschieden, zwei Söhne
Ausbildung: Lic. oec. HSG St. Gallen und Dr. oec. Universität Zürich; Studium finanziert u. a. als Dachdecker

Karriere:
- 1975 Dissertation zum Thema «Berufsbild und Ausbildung der Air-Hostess»
- Seit 1978 Kur- und Verkehrsdirektor in St. Moritz

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Luxusdestination

St. Moritz
Als Ortsmarke ist der Nobelkurort im Oberengadin die weltweit stärkste touristische Destinationsmarke in den Bergen. Kurdirektor Hanspeter Danuser schätzt: «Es würde über 1 Mrd Fr. kosten, eine Marke wie
St. Moritz aufzubauen.»

Flauer Sommer
St. Moritz will das Sommergeschäft stärken. 2008 soll Südbünden durch die Kooperation mit der Raiffeisenbank 50000 zusätzliche Logiernächte verzeichnen. Zudem eröffnet 2008 das Nationalparkzentrum, das Gäste anlocken soll. Und die Schweizer Marketingaktion «Bergsommer» findet 2008 im Engadin statt.