«Man wird in der Presse bejubelt, wenn man Firmen kauft. Die mühselige Arbeit des internen Wachstums wird dagegen kaum goutiert.» Kommen Ihnen diese Worte bekannt vor?

Hartmut Reuter: Das könnte von mir sein.

Ist es auch. Das sagten Sie vor fünf Jahren der «Handelszeitung», als die Rieter-Aktie auf historisch tiefen 250 Fr. notierte. Sind wir bald wieder so weit?

Reuter: Wie kommen Sie darauf?

Im vergangenen November notierten Rieter bei 700 Fr., heute liegen wir noch bei 395 Fr.

Reuter: Die Aktienkursentwicklung war stark rückläufig, ja. Aber wir sind kein Einzelfall. Auch andere Industrietitel litten unter zum Teil massiven Abgaben.

Rieter hat trotz Aktienrückkaufprogramm über 150 Mio Fr. und einer Gewinnausschüttung von 60 Mio Fr. nach wie vor eine hohe Liquidität. Und es kursieren wieder Übernahmegerüchte. Was nun?

Reuter: Zu den Übernahmegerüchten sage ich nicht viel, nur dies: Die Spekulationen gibt es seit Jahren, für uns sind sie kein Thema, aber offensichtlich für die Presse. Unsere finanzielle Lage ist in der Tat sehr gut, darum haben wir unter anderem das Rückkaufprogramm aufgelegt. Zudem investieren wir in den Kapazitätsaufbau.

Wie steht es mit Akquisitionen, etwa in der Automotive-Sparte?

Reuter: Wir haben eine Liste von interessanten Firmen, die sich vorwiegend in Europa befinden. Wenn die Bedingungen stimmen, dann können wir sofort zugreifen.

Warum nur in Europa?

Reuter: In Asien wachsen wir vorerst aus eigener Kraft. In Amerika sind wir gut positioniert. Die einzige Region, wo wir uns akquisitorisch sinnvoll verstärken können, ist Europa.

Der zweitgrösste Absatzmarkt von Automotive, Nordamerika, wird 2008 schrumpfen. Können Sie diesen Rückgang kompensieren?

Reuter: Die Produktionszahlen der grossen drei US-Hersteller ? Chrysler, Ford und GM ? werden sinken. Der Output der japanischen, koreanischen und europäischen Hersteller in den USA ist dagegen stabil bis leicht steigend. Wir erzielen nur gut 50% unseres Umsatzes mit den «Big Three», insofern sind wir zuversichtlich. In Europa sehen wir stabile bis leicht steigende Produktionszahlen, in Asien erwarten wir starkes Wachstum. Unter dem Strich rechnen wir damit, dass wir Rückgänge in einzelnen Märkten ausgleichen können.

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Automotive soll mittelfristig 6% Ebit-Marge erreichen. Was ist mit dem ehemaligen Ziel von 8%?

Reuter: Wir halten an diesem Wert fest, doch aufgrund der aktuellen Umstände ? Markteinflüsse und hoher Wettbewerbsdruck ? wird er nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren erreichbar sein.

2007 erzielte Automotive magere 4%. Was erwartet uns 2008?

Reuter: Wir setzen diverse Kostensenkungsmassnahmen um und erbringen zusätzlich Vorleistungen für den Kapazitätsaufbau. Das wird zu Belastungen führen.

Bleiben Sie 2008 bei 4% stehen?

Reuter: Das kann ich heute noch nicht sagen.

Wie steigern Sie die Rendite?

Reuter: Auf der operativen Seite wollen wir die Produktivität in den Werken erhöhen. Wir führen derzeit an allen Standorten mit Nachdruck ein Prozesssystem ein, das am erfolgreichen Toyota-Modell anlehnt. Zudem wollen wir das Produktportfolio bereinigen, den Materialverbrauch senken und Kundenverträge neu verhandeln, um gestiegene Material- und Energiepreise künftig weiterzugeben.

Reichen diese Massnahmen?

Reuter: Nein, wenn wir unsere Ziele langfristig halten wollen. Wir müssen auch strukturelle Massnahmen umsetzen. Wir planen zwei neue Werke in Osteuropa und eines in Mexiko. Zusätzlich werden wir alle unsere Werke in Nordamerika und Westeuropa auf ihre Kosteneffizienz überprüfen.

Werden Standorte aufgegeben?

Reuter: Das schliessen wir wie in der Vergangenheit nicht aus. Es kommt auch darauf an, ob wir attraktive Aufträge gewinnen. Allerdings ist der Wettbewerb sehr hart und der Konsolidierungsdruck in Europa vorhanden. Wir haben weltweit 50 Werke, da sind Veränderungen immer möglich.