UHRENMARKT. Swatch-Group-CEO Nick Hayek zeigt sich überwältigt von der Nachfrage. «Kürzlich besuchte ich eines unserer Lager, und ich dachte, es wäre ausgeraubt worden, weil es so gähnend leer war», sagt er im Interview mit der «Handelszeitung» (siehe unten). Der Uhrenboom hat sich seit Anfang 2007 weiter zugespitzt. Bereits damals litt der weltgrösste Uhrenkonzern unter Kapazitätsengpässen, kam mit der Produktion nicht nach und suchte rund 500 Uhrenfachkräfte. Nach einem Umsatzplus von 12% letztes Jahr lag das Plus von Swatch im 1. Semester 2007 bei knapp 17%. Damit lag Swatch leicht über dem Schnitt der Schweizer Uhrenindustrie (+15,5%), welche sich grösstenteils mit Komponenten aus den Swatch-Werken eindeckt – wenn sie denn vorhanden sind.

«Das ist kontraproduktiv»

Für das ganze Jahr rechnet Hayek mit einer anhaltenden Dynamik. Verspätete Lieferungen seien derzeit die Regel, vor Weihnachten dürften einige Produkte schnell ausverkauft sein. Als Massnahme investiert der Bieler Konzern auch dieses Jahr Hunderte Millionen Franken in Maschinenparks, in Fabriken und die Kapazitätserweiterung. Zudem bildet Swatch Nachwuchskräfte aus, organisiert Weiterbildungen und finanziert Uhrmacherschulen. Um das Know-how zu behalten, werden auch ehemalige Mitarbeiter im Pensionsalter auf Consulting-Basis eingestellt. Das Problem sei, dass die gesuchten Arbeitskräfte auch von der Medizinal- und Mikrotechnikbranche umworben würden. Hayek kritisiert: «Es gibt sogar Konkurrenzfirmen, die Mitarbeitenden, die andere Mitarbeiter abwerben, Prämien zahlen.» So was würde Swatch nicht tun. «Wir finden es fragwürdig, um nicht zu sagen kontraproduktiv, wenn ein Unternehmen, das wir mit Komponenten beliefern und das die Lieferschwierigkeiten kennt, uns die Leute abzieht.» Bei Konkurrentin Richemont respektive Tochter IWC in Schaffhausen heisst es, Prämienabwerbungen seien kein Thema. Romy Hebden von IWC: «Wir sind bestrebt, unseren Mitarbeitern entsprechend gute Konditionen und Perspektiven zu bieten.»

Abhängigkeit reduzieren

Auch IWC baut die Kapazitäten aus. In Schaffhausen wurde die Fläche für die Produktion in den vergangenen fünf Jahr von 8000 m2 auf 12000 m2 erhöht. Mitte 2008 wird ein weiteres Produktionsgebäude fertiggestellt. Der Mutterkonzern Richemont nimmt dieses und nächstes Jahr mehr als je 200 Mio Euro in die Hand, um neue Fabriken aufzubauen und um die Abhängigkeit von den Zulieferern zu reduzieren, wie Richemont-Sprecher Alan Grieve sagt. Bei der Tochter IWC erhöhte sich die interne Vertikalisierungstiefe innert weniger Jahre bereits auf über 50%. Obwohl bei Swatch in drei Schichten gearbeitet wird und die höheren Kosten gemäss Hayek «moderate Preisanpassungen» zur Folge haben, denkt der CEO nicht daran, die Produktion ins Ausland zu verlagern. «Wir investieren im Inland und ermutigen damit auch die unabhängigen Zulieferer in der Schweiz, zusätzlich zu investieren.» Uhrenverbands-Direktor Jean-Daniel Pasche freuts: «Der Aufbau von Kapazitäten ist positiv.»

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Die Uhrenindustrie boomt wie seit Anfang der 1980er Jahren nicht mehr: Erstmals ist die Zahl der Beschäftigten vergangenes Jahr wieder auf über 44000 gestiegen. «Vor allem die Exporte im oberen Segment haben zugenommen», sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident der Fédération de l’Industrie Horlogère Suisse.

Das hat zu einem Engpass bei den Uhrmachern geführt. Zwischen 2200 und 3500 Uhrmacher sind in der Schweiz beschäftigt. «Die Schulen haben ihre Kapazitäten erweitert. Trotzdem ist die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften nicht gedeckt», klagt Pasche. Auch die Uhrenfachgeschäfte leiden unter dem Mangel an Uhrmachern. «Die Industrie lässt uns kaum mehr etwas übrig», klagt Marc-Alain Christen, Sekretär des Verbandes Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte. Als Reaktion auf die Personalknappheit gründete die Stellenvermittlerin Adecco jüngst eine Vermittlungseinheit für die Uhrenindustrie.Die Uhrmacher nützen die Situation für sich aus. «Ihre Löhne sind 2006 um rund 5% gestiegen», sagt François Matile vom Arbeitgeberverband Conven-tion Patronale de l’Industrie Horlogère Suisse.

NACHGEFRAGT

Nick Hayek,

Wie lange sind die Liefer-verzögerungen inzwischen?

Nick Hayek:

Die Nachfrage übersteigt in allen Segmenten die Kapazitäten. Bei gewissen Marken, besonders im Luxussegment, ist die Nachfrage fast doppelt so hoch wie im Vorjahr. Die Verzögerungen sind je nach Marke und Produkt unterschiedlich und können ein paar Monate bis ein Jahr dauern. Im Luxussegment, bei den Marken Breguet und Blancpain, kann es mehr als ein Jahr sein. Selbst von der Basler Uhrenmesse vor eineinhalb Jahren haben wir noch offene Lieferaufträge. Kürzlich besuchte ich eines unserer Lager, ich dachte es wäre ausgeraubt worden, weil es so gähnend leer war.

Und das Weihnachtsgeschäft?

Hayek: Es findet definitiv statt, obwohl wohl etliche Produkte schnell ausverkauft sein werden. Erschwerend ist, dass es für die Swatch Group zweimal Weihnachten gibt, nämlich die Olympischen Spiele 2008, mit Omega als offizieller Zeitmesserin, die somit speziell gefordert sein wird, was die Lieferkapazitäten betrifft.

Ziehen die Kunden Konsequenzen aus den Verspätungen?

Hayek: Es besteht immer das Risiko, dass Händler die Bestellung nach einigen Monaten Verspätung annullieren. Wenn es sich aber um starke, exklusive Markenprodukte handelt, ist dieses Risiko geringer.

Wo setzt Swatch den Hebel an?

Hayek: Wir investieren Hunderte Millionen Franken in unsere Maschinenparks, Fabriken und die Kapazitätserweiterung. 2007 und 2008 werden wieder mehrere Fabriken erweitert oder gehen in Betrieb.

Werden Sie die Preise erhöhen?

Hayek: Wir werden sicher kein Kapital daraus schlagen und so von der Verknappung profitieren. Aber die grössere Nachfrage nach Rohstoffen führt zu höheren Preisen, ebenso der Fakt, dass wir seit längerem dreischichtig arbeiten, zum Teil auch am Wochenende. Um das alles auszugleichen, werden wir moderate Preisanpassungen vornehmen müssen.