Die Planung von Gaskombikraftwerken stockt, das Erdwärmeprojekt in Basel, an dem Axpo beteiligt ist, ist auf Eis gelegt. Ist es frustrierend, Chef eines Stromunternehmens zu sein?
Heinz Karrer: Nein, überhaupt nicht. Das sind die Realitäten. Sobald man in der kleinräumigen Schweiz eine Infrastruktur bauen will, wird man mit Schwierigkeiten konfrontiert. Das sehen wir auch im Netzbereich.

Es gibt Anzeichen dafür, dass das Bundesamt für Energie (BFE) sich für eine Lockerung der CO2-Kompensation einsetzt. Werden die eingestellten Gaskombikraftwerkprojekte wieder aktuell?
Karrer: Wir müssen zuerst wissen, was sich das BFE unter einer Lockerung vorstellt. Für uns haben sich die relevanten Rahmenbedingungen nicht geändert. Es stellen sich immer noch die gleichen Fragen: Kann man das CO2 volumenmässig in der Schweiz überhaupt kompensieren? Ist die Kompensation wirtschaftlich? Zudem ist für uns die Akzeptanz in der Bevölkerung wichtig - dort, wo wir ein Gaskombikraftwerk bauen möchten.

Werden die Kompensationsbedingungen gelockert, käme das der Axpo entgegen.
Karrer: Solange wir nicht wissen, ob und wie sich die Rahmenbedingungen ändern, bleiben unsere Pläne in der Schublade.

Sie machen doch nur politischen Druck.
Karrer: Nein. Wir haben sechs Monate mit den zuständigen Bundesämtern, dem BFE und dem Bundesamt für Umwelt (Bafu), verhandelt. Das Resultat stimmt bei weitem nicht. Die Voraussetzungen, ein Gaskombikraftwerk wirtschaftlich zu betreiben, sind nicht gegeben. Wenigstens hat Energieminister Moritz Leuenberger gesagt, dass Gaskombikraftwerke in einer Übergangsphase eine Option sind.

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Die BKW halten an ihren Gaskombikraftwerksplänen in Utzensdorf im Kanton Bern fest. Hat Axpo schlecht verhandelt?
Karrer: Wenn die BKW jetzt tatsächlich bauen würden, dann hiesse das, dass sie andere Rahmenbedingungen haben als wir. Das würde mich überraschen.

Also erwarten Sie, dass auch die BKW ihre Pläne einstellen werden?
Karrer: Diese Frage können nur die BKW beantworten.

Wie entwickelt sich der Strompreis, wenn die Axpo keine Gaskombikraftwerke im Inland baut?
Karrer: Wenn wir zu wenig eigene Produktionskapazitäten haben und auf das Ausland angewiesen sind, dann wird sich der Strompreis dem im umliegenden Ausland angleichen. Das heisst: Mittel- bis langfris-tig gleicht sich der Preis dem italienischen Niveau an, das heute bei der Bandenergie rund 50% höher liegt.

Der Strompreis ist jüngst wieder gesunken, obwohl sie wiederholt steigende Preise vorausgesagt haben.
Karrer: Bei freiem Wettbewerb ist eine gewisse Volatilität im Markt da. Am langfris-tigen Trend ändert dies nichts: Die Strompreise werden steigen. Dass es im Frühling eine Entlastung gab, hat mit dem überdurchschnittlich warmen Wetter zu tun.
Wenn Sie die Gaskombikraftwerkspläne auf Eis legen, treiben Sie ihre Kernkraft-pläne umso mehr voran?
Karrer: Nein. Wir haben immer noch die ambitiöse Planung, dass wir Ende 2008 das Gesuch für die Rahmenbewilligung beim Bund einreichen möchten. Daran hat sich nichts geändert.
Mit welchen Partnern wollen sie bauen?
Karrer: Wir suchen heute primär nach Investoren aus der Stromwirtschaft. Auf Dritte, wie zum Beispiel Banken, sind wir bisher nicht zugegangen.

Ein Kernkraftwerk (KKW) kostet 5 bis 6 Mrd Fr. Der ETH-Professor Massimo Filippini kritisierte im Frühling, dass damit die externen Kosten nicht einberechnet sind.
Karrer: Selbstverständlich sind alle Kosten in unseren Berechnungen drin, auch die Stilllegungs- und Entsorgungskosten. Wir sehen die Angebote zum Beispiel in Finnland und in den USA, die die Produzentin Areva gemacht hat. Wir wissen, was auf dem Markt angeboten wird.

Nun muss aber nicht der Kraftwerkshersteller für die externen Kosten aufkommen. Und der Bund sichert nur 1 Mrd Fr. ab, wenn es zu einem Unfall kommt. Ein Atom-GAU könnte 4200 Mrd Fr. kosten.
Karrer: Das Kernenergiehaftpflichtgesetz entspricht der europäischen Regelung. In der Schweiz kommt hinzu, dass die Unternehmen mit ihrem Vermögen haften. Wenn man Extremfälle abdecken wollte, so müsste man in anderen Bereichen wie zum Beispiel beim Sondermüll oder bei den CO2-Emissionen genauso rechnen. Die Frage ist immer: Wie berechnet man Stressszenarien, deren Eintretenswahrscheinlichkeit sehr klein ist, deren Auswirkungen aber sehr gross sind?

KKW stehen seit den Sicherheitsmängeln in Krümmel und Brunsbüttel in Deutschland und in einem KKW in Japan noch mehr in der Kritik. Welche Konsequenzen haben die Pannen für die Axpo?
Karrer: Abweichungen zum normalen Produktionsbetrieb sind selbstverständlich nie gut, vor allem wenn auch noch – wie in Deutschland – Kommunikationsmängel hinzukommen. Wir schreiben uns Transparenz zuoberst auf die Fahne. Aus Abweichungen ziehen wir die nötigen Lehren für den Betrieb unserer eigenen Werke.

Energieminister Leuenberger erwähnte jüngst die Möglichkeit, KKW länger am Netz zu lassen, als bisher vorgesehen ist. Ist das realistisch?
Karrer: Seine Bemerkung ist schwierig einzuordnen. Die Verlängerungs-Frage ist bei uns aufgrund der unbefristeten Betriebsbewilligungen kein Thema. Diese stellt sich heute nur beim KKW Mühleberg der BKW, das aber ebenfalls eine unbefristete Bewilligung anstrebt. Wir rechnen heute damit, dass die älteren KKW rund 50 Jahre am Netz sind. Wenn sie aus Sicherheitsgründen früher abgestellt werden müssen, dann werden wir sie abstellen. Heute kann man nicht einfach damit rechnen, dass die Kraftwerke viel länger als 50 Jahre im Einsatz bleiben.

Haben Sie heute einen Plan B, falls KKW wegen politischen Widerstands und Gas-kombikraftwerke wegen der Klimapolitik nicht realisierbar sind?
Karrer: Tatsache ist, dass wir im Jahr 2020 10 bis 20% zu wenig Produktionskapazitäten allein im Inland haben, um den Bedarf zu decken. Das würde italienischen Verhältnissen entsprechen und den Strompreis sogar über das heutige Niveau in Italien steigen lassen. Zeitweise werden wir auch zu wenig Strom importieren können, was zu Netzabstellungen im Inland führen könnte. Das ist ein gravierender Nachteil für die Schweizer Volkswirtschaft.