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Heinz Karrer: «Die Preise werden sinken»

Der Axpo-Chef zur Entwicklung der Strompreise, zum Gewinnrückgang, zu bevorstehenden Durchleitungen und zu einem möglichen neuen Kernkraftwerk in der Schweiz.

Von Interview: Garbriela Weiss und Michael Kuhn
am 03.08.2005

2004 sagten Sie, dass Sie keine Pläne für Kernkraftwerke haben. Jetzt reden Sie von der Notwendigkeit eines neuen KKW. Sind Sie wankelmütig?

Heinz Karrer: Damals sagten wir, dass wir keine Projekte für den Bau von Kernkraftwerken hätten. Das gilt bis zum heutigen Zeitpunkt. Wir waren damals an der Studie Energieperspektive 2020, deren Resultate wir abwarten wollten.

Das Resultat war alles andere als überraschend.

Karrer: Es wäre nicht glaubwürdig, wenn wir auf halbem Weg gesagt hätten, was herauskommt.

Sie sagen eine Stromlücke ab 2010 voraus. Diese in so kurzer Zeit durch ein KKW zu schliessen, ist illusorisch. Ihre Zwischenlösung?

Karrer: Wir wollen die Leistung in Wasser- und Pumpspeicherkraftwerken erhöhen. Ein Projekt ist Linthal 2015, bei dem es um total 1200 MW Leistung geht, dies entspricht etwa der Leistung des Kernkraftwerkes Leibstadt. Das sind Investitionen von rund 1 Mrd Fr.

Sie wollen auch auf thermische Kraftwerke setzen?

Karrer: Ja, wir wollen ein Gaskombikraftwerk in der Schweiz bauen.

Eine solche CO2-Schleuder ist doch nicht mit den Klimazielen zu vereinbaren.

Karrer: Das ist ein Dilemma. Das Bundesamt für Energie schlägt vor, den Ausstoss zu kompensieren, zum Beispiel 30% über CO2-Zertifikate. Hierzu braucht es eine entsprechende Verordnung.

Sie wollen auch mit Importstrom die Versorgungssicherheit sicherstellen. Aber selbst die EU muss immer mehr Strom importieren.

Karrer: Wir haben langfristige Verträge, die ab 2018 auslaufen und nicht so einfach erneuert werden können. Darum sage ich, sich auf Importmöglichkeiten zu verlassen, ist sehr, sehr gewagt.

Auch weil es immer mehr zu Engpässen kommen wird?

Karrer: Wenn wir keine Transitengpässe hätten, dann wäre es einfach: Es könnte ein Kraftwerk in der Region Mulhouse geplant werden, weil dort problemloser gebaut werden kann. Aber Tatsache ist: Wenn es Engpässe gibt, dann wird die Kapazität über Auktionen vergeben. Hat man keine langfristigen Verträge, hat man auch keine privilegierte Stellung für Stromlieferungen aus dem Ausland.

Den erneuerbaren Energien fehlt das Potenzial, ein KKW ist nicht sofort realisierbar, ein Gaskombikraftwerk hat Schwächen, auf Importstrom kann man nicht setzen ­ das sind düstere Aussichten.

Karrer: Innerhalb der nächsten 30 Jahre wird sich die Situation verändern, und die Themen dürften akuter werden. Der Ölpreis, der Gaspreis und die CO2-Problematik dürften sich verschärfen. Damit verändert sich auch das Bewusstsein der Gesellschaft. Und was man vor 15 Jahren als undenkbar betrachtet hat, ist plötzlich denkbar.

Auch ein KKW in der Schweiz?

Karrer: Ja. Wir rechnen von der ersten Diskussion bis zur Realisierung mit gut 20 Jahren. So gesehen sind wir heute schon zu spät dran.

Haben Sie in den vergangenen zehn Jahren geschlafen?

Karrer: Die Frage ist, was hat sich verändert zwischen 1995 und 2005. Die Verbrauchsprognosen des Bundesamtes für Energie waren viel zu konservativ. Basierend auf den damaligen Informationen, hat man das gemacht, was aus damaliger Sicht richtig war.

Wie teuer ist ein neues KKW?

Karrer: Ein KKW mit 1600 MW kostet gegen 5 Mrd Fr. In den Gestehungskosten sind alle Stilllegungs- und Entsorgungskosten enthalten.

Das wäre finanzierbar?

Karrer: Wir gehen davon aus, dass eine Finanzierung mit industriellen Partnern möglich sein dürfte.

Mit wem führen Sie Gespräche?

Karrer: Wir führen bis heute noch keine Gespräche.

Wie viel Strom muss die Schweiz 2030 importieren?

Karrer: Bis dann dürften 27 bis 44% fehlen, auch wenn wir die Wasserkraft ausbauen und auf die neuen erneuerbaren Energien setzen.

Sie investieren 100 Mio Fr. in erneuerbare Energien, das ist im Verhältnis zum Betrag von 5 Mrd Fr., die Sie insgesamt in die Versorgungssicherheit stecken, ein Klacks.

Karrer: Es geht nicht so sehr um die Investitionssumme, sondern viel mehr, was man damit realisieren kann. Wir möchten, dass man damit viele Kilowattstunden realisiert und nicht möglichst teuren Strom produziert.

Wie wichtig sind Solar- und Windenergie in der Axpo-Strategie?

Karrer: Wir engagieren uns in Südeuropa im Solarbereich und im Bereich der Biomasse sowie in Nordeuropa im Windbereich. In der Schweiz ist das Potenzial Photovoltaik und Wind limitiert. Trotzdem sind wir im Kanton Jura an einem Windprojekt beteiligt.

Von Deutschland her spüren Sie Druck von RWE, die Strom über das Axpo-Netz nach Winterthur liefern möchte. Wann ist es soweit?

Karrer: Da müssen Sie den Leiter der Städtischen Werke Winterthur fragen. Es überrascht mich, dass er dies in Erwägung zieht. Er profitiert von unseren guten Konditionen. Ich bin gespannt, ob RWE konkurrenzfähig ist.

Das hängt auch von der Höhe der Durchleitungstarife ab.

Karrer: Diese sind im Vergleich mit dem Ausland wettbewerbsfähig. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir auch künftig ein langfristiger Partner von Winterthur sind.

Sie befürchten nicht, dass aus dem Norden mehr Druck kommt?

Karrer: Selbstverständlich. Und er ist schon mehr da, als Sie denken.

In Tat und Wahrheit kommt es aber nie zu Durchleitungen.

Karrer: Seit das Elektrizitätsmarktgesetz 2002 in der Schweiz abgelehnt wurde, stockt der Liberalisierungsprozess. Aber es gab im ganz kleinen Rahmen eine Dynamisierung. Das Bundesgericht hat mit dem Entscheid der Gewährung der Durchleitung einen Schritt in Richtung Liberalisierung gemacht.

Wird es in nächster Zeit zu Durchleitungen kommen?

Karrer: Ja. Wir sind mit mehreren Unternehmen und Gemeinden in Verhandlungen und stehen bei zwei, drei kurz vor Abschluss.

Wie gross sind die entsprechenden Stromvolumina?

Karrer: Diese sind nicht sehr gross.

Was mehr Wettbewerb anbelangt, tönen Sie sehr optimistisch. Gilt das auch für den neuen Versuch der Strommarktliberalisierung?

Karrer: Ja. Als Verantwortlicher der Axpo und als Bürger finde ich, dass die Liberalisierung für die Schweizer Volkswirtschaft von enormer Bedeutung ist. Die Schweiz darf sich nicht abschotten.

Und was, wenn der erneute Versuch Schiffbruch erleidet?

Karrer: Dann sind wir sicher nicht in der gleichen Situation wie nach dem Nein zum Elektrizitätsmarktgesetz 2002. Wir sind heute viel flexibler und marktfähiger.

Die Liberalisierung ist also nicht mehr aufzuhalten?

Karrer: Nein.

Die Axpo hat im 1. Halbjahr einen Gewinneinbruch erlitten. Wie entwickelt sich das 2. Halbjahr?

Karrer: Das normale Geschäft entwickelt sich ähnlich wie in den letzten Jahren. Aber dann gibt es noch das Aussergewöhnliche: Damit meine ich den Ausfall des KKW Leibstadt sowie die regulatorischen Veränderungen in Italien.

Wie stark schlägt sich dies auf das 2. Halbjahr durch?

Karrer: Der Ausfall von Leibstadt kostet täglich 1,5 Mio Fr., wovon wir über 50% tragen müssen. Hinzu kommen noch die Kosten für die anderweitige Beschaffung des Stroms. Da der Strompreis gestiegen ist, werden wir hier ebenfalls mit Mehrkosten belastet.

Was heisst das in Mio Fr.?

Karrer: Leibstadt wird mit etwas über 100 Mio Fr. zu Buche schlagen.

Welche Faktoren drücken zusätzlich auf das Ergebnis?

Karrer: Durch regulatorische Entscheide und Tarifanpassungen reduzierten sich die Margen im Italiengeschäft. Ebenfalls erhöht haben sich die Kosten in Mitteleuropa. Zudem werden Stromimporte nach Italien mit einer zusätzlichen Gebühr belegt. Da wir ausserdem von Norden her Engpässe haben, verfügen wir nicht mehr über dieselbe Flexibilität bezüglich Stromeinkauf wie letztes Jahr.

Das Ergebnis wird also massiv schlechter ausfallen?

Karrer: Es wird Veränderungen geben, ja.

Die Marge wird sich im zweistelligen Bereich verschlechtern?

Karrer: Die Gewinnreduktion wird sich im zweistelligen Prozentbereich bewegen.

Sinken die Gewinne bei Axpo auch in den nächsten Jahren?

Karrer: Nein. Denn wir haben auch ein paar gute Chancen. Der skandinavische Markt entwickelt sich gut. Der Aufbau unseres Gasgeschäfts läuft erfreulich, und vor allem sind wir bezüglich dem Bau von Gaskombikraftwerken in Italien auf Kurs.

Wie entwickeln sich die Strompreise in den nächsten fünf Jahren?

Karrer: Mittel- und längerfristig werden die Preise für den Gross-handel steigen. Wie stark und wie schnell, ist von verschiedenen Faktoren abhängig.

Und für Firmen- und Privatkunden in der Schweiz?

Karrer: Die Strompreise werden in den nächsten fünf Jahren sinken.

Und danach wieder steigen?

Karrer: Ja. Das ist aus Gründen der sich abzeichnenden Stromversorgungslücke und der regulatorischen Einflüsse zu erwarten.


Motor-Columbus-Paket: «Die Zukunft würde berechenbar»

Auch wenn sich die Axpo aus dem Rennen um die 55,6%-Beteiligung der UBS an der Energieholding Motor Columbus (MC) heraushält, hat das grösste Schweizer Stromunternehmen eine Meinung: «Wir bevorzugen eine Schweizer Lösung», sagt Axpo-Chef Heinz Karrer. Und danach sieht es gemäss einem Bericht der «NZZam Sonntag» aus. Demnach soll der Verkauf des MC-Mehrheitspakets kurz vor dem Abschluss stehen. Die MC hält 58,5% an der Atel.

Es sei das, was man erwarten durfte ­ mit der Ausnahme, dass die BKW nicht mit dabei seien, sagt Karrer. «Es ist eine Lösung, die die Zukunft berechenbar machen würde.» Das wäre bei einer hauptsächlich ausländischen Beteiligung nicht der Fall.

Allerdings würde in der nun diskutierten Lösung das französische Staatsunternehmen EdF seinen Anteil erhöhen. Heute bereits hält der Stromriese knapp 25% an der MC. Hat die EdF bei Axpo-Konkurrent Atel künftig noch mehr Einfluss, so dürfte das auch Axpo-CEO Karrer nicht kalt lassen, denn: Axpo hat Stromlieferverträge mit EdF, die ab 2018 auslaufen. Eine erneute Zusammenarbeit dürfte danach schwieriger werden. (gwe/mik)


Der Ex-Swisscom-Mann: Steckbrief

Name: Heinz Karrer

Funktion: CEO Axpo-Gruppe

Alter: 46

Wohnort: Münsingen

Familie: Verheiratet, drei Kinder

Ausbildung: Volkswirtschaftslehre an der HSG in St. Gallen

Karriere

1995­-1997 Vorsitzender der Unternehmensleitung Ringier Schweiz und Mitglied der Konzernleitung

1998-­2002 Leiter der Division Marketing & Sales und Mitglied der Konzernleitung bei Swisscom AG

Seit Oktober 2002 CEO der Axpo


Schlagworte

«Wenn es regnet, freue ich mich ...
... weil die Stauseen gefüllt werden.»

«Ich fahre nicht mit den SBB ...
... nicht wegen der Zuverlässigkeit (lacht). Sondern weil ich mit dem Auto flexibler bin.»

«Wenn ich höre, dann denke ich ...
... an die Umsetzung der Verordnung über Nichtionisierende Strahlung.»

«Ich mag die Deutschen, weil ...
... ich in Deutschland regelmässig Ferien mache und wir mit Deutschland Geschäftsbeziehungen pflegen.»

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